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REVIEW TV/STREAMING: „Ein Fall für Conti – Der verlorene Sohn“


Dritter Film der Justizkrimi-Reihe, in dem Verteidigerin Anna Conti nun gemeinsam mit Staatsanwältin Henry Mahn gegen Korruption in den eigenen Reihe ermitteln. 

„Ein Fall für Conti – Der verlorene Sohn“ (Credit: ZDF)

CREDITS:
Land/Jahr: Deutschland 2025; Laufzeit: 88 Minuten; Drehbuch: Lucas Thiem; Regie: Nathan Nill; Besetzung: Désirée Nosbusch, Malaya Stern Takeda, Maximilian Mundt, Peter Lohmeyer, Michael Wittenborn, Sebastian Urzendowsky, David Schütter, Ulrich Brandhoff, Samuel Weiss, Martin T. Haberger; Sender/Plattform: ZDF/arte Mediathek; lineare Ausstrahlung: 1. Dezember 2025 im ZDF

REVIEW:
Ohne Ferdinand von Schirach würde die stringente Justizkrimireihe „Ein Fall für Conti“ mutmaßlich nicht existieren. Die auf den Büchern und der Expertise des berühmten Rechtsexperten basierenden, vorangegangenen Serien „Verbrechen“, „Schuld“, „Glauben“, „Strafe“ haben für eine Wiederbelebung des Genres im deutschen Fernsehen gesorgt – und damit wohl auch für das große Publikumsinteresse am Arbeits- und (fehlenden) Privatleben der Hamburger Star-Anwältin Anna Conti. Verkörpert von Désirée Nosbusch erinnert diese zugleich an die Titelheldin der US-Serie „The Good Wife“: Conti ist ebenso wie ihre amerikanische Kollegin nach der öffentlichen Bloßstellung und Aufdeckung eines (Sex-)Skandals zu einem Neuanfang gezwungen. Wobei in ihrem Fall nicht etwa ein treuloser prominenter Ehemann für die heikle, hochgradig illegale und unethische Affäre verantwortlich ist, sondern sie selbst. Diese Tatsache wird zur Triebfeder ihres Handelns und der Drehbücher, sie macht Anna Conti zu einer grundsätzlich komplexen und spannenden Protagonistin, die sich bei dem Versuch, ihren Ruf wiederherzustellen und ihren Gerechtigkeitssinn neu zu definieren, nicht in die Karten schauen lässt. Sie widmet sich mit kühlem Kopf, lakonischer Souveränität und scharfem Verstand fortan als Pflichtverteidigerin ethisch und psychologisch tiefgründigen Fällen, kämpft für Mandanten, die in ähnlichen moralischen Zwickmühlen stecken. In „Ein Fall für Conti“ geht es nicht darum, wer etwas getan hat – die Schuldfrage ist stets schnell geklärt –, sondern um die Beweggründe der Täter:innen, um die Frage, wie die Rechtsprechung darauf reagiert und nicht zuletzt um Fehler im System.

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Désirée Nosbusch und Maximilian Mundt in „Ein Fall für Conti – Der verlorene Sohn“ (Credit: ZDF/Peter Drittenpreis)

Nachdem Conti zuvor eine Mutter vertreten hat, die ihr Kind ermordet haben sollte, und einen charismatischen Bigamisten-Bankräuber, wird ihr nun in „Der verlorene Sohn“ ein Justizirrtum zugetragen: Falk Klopfer (Sebastian Urzendowsky), ehemaliger Aushilfskoch in einem Edelrestaurant, verbüßt seit neun Jahren eine lebenslange Haftstrafe für den Mord an einer Putzkraft, die er angeblich mit einem Filetiermesser erstochen hat. Sein Geständnis wird angezweifelt, als sein todkranker Vater Friedrich (Martin Wittenborn) einen anonymen Anruf erhält, der Falk von jeglicher Schuld freispricht. Die Polizei scheint die Wiederaufnahme verhindern zu wollen, Anna Conti wittert eine Verschwörung, in der ein Clanchef des organisierten Verbrechens die Fäden zieht, die bis zu Oberstaatsanwalt von Thun reichen. Der wird von Peter Lohmeyer mit einer Andeutung unterdrückter toxischer Männlichkeit gespielt und ist hier wie jeder Justizbeamte, „der schnell Karriere gemacht hat“, von vorneherein verdächtig – eine „illustre Pimmelrunde“, spottet Anna Conti. Das Spannende daran ist, dass sie sich mit ihrer bisherigen Antagonistin, der jungen, ehrgeizigen Staatsanwältin Henry Mahn (Malaya Stern Takeda) zusammentun muss, um Korruption in den eigenen Reihen aufzudecken, und um Falk selbst und das Gericht von seiner Unschuld zu überzeugen. Contis und Mahns Verhältnis hat wie in den ersten beiden Filmen eine Menge Reibungspotential und basiert auf einem offen ausgetragenen Generationenkonflikt, der mehr oder weniger unterschwellig die MeToo-Thematik streift. Im Gegensatz zu der integren und woken Henry Mahn ist Anna Conti eine kompromisslose Alpha-Frau, die „nicht hier ist, um gemocht zu werden“, was insbesondere in Szenen mit ihrem sensiblen, immer mit vollem Mund sprechendem „Legal Assistent“ Carlo (Maximilian Mundt) demonstriert wird. Conti überhört in ihrer „Abgebrühtheit“ seine naiv-moralischen Fragen, lässt vieles unter den Tisch fallen, wenn sie den Ermittlungsstand zusammenfasst und ihre Strategien darlegt. 

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Malaya Takeda Stern, Désirée Nosbusch und David Schütter in „Ein Fall für Conti – Der verlorene Sohn“ (Credit: ZDF/Peter Drittenpreis)

Das wieder von Lucas Thiem stammende, erklärdialoglastige Drehbuch wiederum lässt wenig Raum zum Mitdenken – möglicherweise trauen die Verantwortlichen den Zuschauer:innen einfach nicht allzu viel zu. Das nicht immer plausible, löchrig-wackelige Handlungsgerüst steht sicherheitshalber auf einem atmosphärisch dichten Fundament. Die stilvolle Inszenierung und der bedrohlich melodramatische Score übertönen die kühle, nüchterne Funktionalität deutscher Gerichtssäle – und die berührenden Momente, in denen Michael Wittenborn und Sebastian Urzendowsky in ihren tragischen Rollen an die Menschlichkeit erinnern. Der einzige Farbtupfer, den das düstere Kostüm- und Produktionsdesign gestattet, ist der umso auffälligere rote Neonschriftzug im industrieschicken Edelrestaurant „Zenit“, in dem die Problematik des Films auf dem Silbertablett serviert wird. Um den früheren Arbeitsplatz ihres Mandanten zu begutachten, lädt Conti Henry Mahn spontan zum Essen ein und gibt sich – ihrem messerscharfen Sachverstand zum Trotz – amateurhaft als Deborah, Therapeutin der JVA-Fuhlsbüttel aus. Als ein Kellner ihrer Begleiterin ungefragt an die Schulter fasst, ist diese zutiefst empört. Conti findet, die Kollegin solle „sich locker machen“, woraufhin Mahn ihr vorwirft, sie habe ihr Leben lang nach den Regeln von Männern gespielt und von ihnen profitiert. Désirée Nosbusch, der es gelingt, selbst starren Zeilen wie „Wir Juristinnen betrachten Gefühle mit äußerster Skepsis“ Nachdruck zu verleihen, fehlen in diesem Augenblick die Worte, wobei ihr skeptisches, schiefes Lächeln den Eindruck vermittelt, sie wollte noch etwas hinzufügen – die Charaktere wirken oft klüger, als es das Drehbuch erlaubt, das sich mit einigen Plattitüden an der (Gastro-)Szene abarbeitet. Der Restaurantbesitzer und Küchenchef Milan Serra (David Schütter) stellt sich „den Damen“ mit den Worten „Als kleine Aufmerksamkeit des Hauses hätte ich für sie einen 2018er Barolo anzubieten“ vor. „So gründet man doch kein Lokal“, wundert sich Carlo später, der herausfindet, dass das „Zenit“ bei der Eröffnung ausschließlich schlechte Internetbewertungen erhalten hatte – „vielleicht musste Milan Serra seine Liebe zum Bewirten erst noch finden“, schlussfolgert Anna Conti, angetan von der „richtig anständigen Bistroküche“. Man ist geneigt, den Machern eine Verletzung der Recherche- und Sorgfaltspflicht vorzuwerfen, da der Film ständig seinen eigenen seriösen und juristischen Anspruch untergräbt. Dafür richtet sich alle Aufmerksamkeit auf die Komplexität der weiblichen Figuren: War deren Motivation in den vorigen Teile nicht immer eindeutig, scheint auch die Serie durch die Annäherung von Conti und Mahn zu sich zu finden. Anstelle des juristischen Duells zwischen Verteidigung und Anklage rückt die Konfrontation zweier starker Frauen in den Vordergrund, deren moralische Kompasse gravierend voneinander abweichen. Um wirklich für Gerechtigkeit zu sorgen, müssen sie sich verbünden, was aufgrund der Unbeugsamkeit ihrer Charaktere in der Zukunft der Reihe noch interessant werden könnte.

Corinna Götz