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REVIEW TV: „Per Anhalter zur Ostsee“


Drei Generationen von Frauen stehen im Zentrum dieser Reise, die schwierige Mütter-Töchter-Beziehungen thematisiert. Inszeniert von Süheyla Schwenk nach einem Drehbuch von Kathi Liers.

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„Per Anhalter zur Ostsee“ (Credit: ARD Degeto Film/filmpool fiction GmbH/Christine Schroeder)

CREDITS:
Regie: Süheyla Schwenk; Buch: Kathi Liers; Besetzung: Anja Kling, Franziska Wulf, Maïmouna Rudolph-Mbacké, Sahin Eryilmaz, Bernhard Conrad; Produktion: filmpool fiction (Produzentin: Iris Kiefer); Redaktion: Katja Kirchen, Stefan Kruppa; Casting: Mai Seck, Patrick Dreikauss; Kamera: Patrick Orth; Ausstrahlung: 22. August, 20.15 Uhr

REVIEW:
Eine überbesorgte Großmutter, ein forsches elfjähriges Enkelkind und eine Schauspielerin, deren Karriere ins Wanken gerät, stehen im Mittelpunkt des ARD-Freitagsfilms von Regisseurin Süheyla Schwenk. Dass sie von ihrer Großmutter am liebsten an der Leine geführt werden würde, sieht Nele (Maïmouna Rudolph-Mbacké) gar nicht ein. Doch Großmutter Steffi (Anja Kling) kann nicht anders, seit ihre Tochter Anita, Neles Mutter, nach einem Streit vor acht Jahren spurlos verschwunden ist. 

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Anja Kling in „Per Anhalter zur Ostsee“ (Credit: ARD Degeto Film/filmpool fiction GmbH/Christine Schroeder)

Die Geschichte kommt ins Rollen, als auch Nele verschwindet, oder besser: ausbüchst, und sich allein von Köln nach Hamburg aufmacht, ans Set der Schauspielerin Ani Kraus (Franziska Wulf), die sie für ihre Mutter hält. Oma Steffi kommt ihr auf die Schliche und reist ihrer Enkelin nach. Doch Oma hat nicht so viel Glück wie die Enkelin, die längst schon in Hamburg ist und als kleines penetrantes Anhängsel Ani in die Zwickmühle bringt. Nachdem sämtliche Wertgegenstände von Steffi im Zug abhanden gekommen sind, steigt sie mutig um auf Anhalter. Trucker-Fahrer Ibo (Sahin Eryilmaz), der ein großes Herz hat und ihre Notsituation sofort begreift, nimmt sie mit. 

Per Anhalter zur Ostsee“ verhandelt schwierige Mütter-Töchter-Beziehungen, erzählt von Müttern, die nicht loslassen können, von Töchtern, die mütterliche Liebe missen. Überhaupt von Menschen, die verloren und einsam sind, auch erstarrt sind in ihrem Leben, sich nicht mehr vom Fleck bewegen. Kathi Liers‘ Drehbuch wurde von Süheyla Schwenk mit viel Empathie für die Figuren inszeniert, ein warmer, liebevoller Blick, der die drei Generationen von Frauen in ihren Sorgen und Nöten ernstnimmt. Schwenk erntete mit ihrem Abschlussfilm von der dffb, „Jiyan“, 2019 viele Lorbeeren und ist seither vor allem im Fernsehbereich tätig, zuletzt bei frischen, diversen Serienformaten wie „Echt“, „Feelings“ oder „Habibi Baba Boom“. „Per Anhalter zur Ostsee“, produziert von filmpool fiction, ist da etwas konventioneller, ist auch ein Stück weit Lehrfernsehen, das erklärt, wie viele tausend Menschen jährlich in Deutschland verschwinden, und die seelischen Qualen von Angehörigen von Vermissten aufarbeitet. Dem souveränen Spiel von Anja Kling und Franziska Wulf in ihren Rollen als einer trauernden Mutter respektive verletzten Tochter steht Jungdarstellerin Maïmouna Rudolph-Mbacké um nichts nach. Sie war zuletzt in „#SchwarzeSchafe“ von Oliver Rihs oder dem Kinderfilm „Der Prank“ von Benjamin Heisenberg zu sehen. Die forsche, mutige Nele nimmt man ihr sofort ab und man freut sich, wie sie, als jüngste im Bunde, mit ihrer kindlichen Sensibilität der Kitt in den gebrochenen Herzen um sie herum ist.

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„Per Anhalter zur Ostsee“ (Credit: ARD Degeto Film/filmpool fiction GmbH/Christine Schroeder)

Etwas dick aufgetragen ist das musikalische Motiv, das sich durch die Story zieht und eine kitschige Stimmung erzeugt, die der Film gar nicht nötig gehabt hätte. Schön sind die kleinen Momente, zwischen Steffi und Ibo etwa, wenn er ihr sein mieses Essen anbietet, oder als Nele einen Marcel-Proust-Madeleine-Moment erlebt, als sie in die Shampoo-Flasche in Anis Bad schnuppert. Die komödiantischsten Momente hat der Film gegen Schluss, wenn Ani sich einen Ruck gibt und ihre in prekären Verhältnissen lebende, dem Alkohol zugewandte Mutter besucht, der sie einst selbst davongelaufen ist, als sie Anis junges Kätzchen gegen Wodka eingetauscht hat. Überhaupt geben sich die Erwachsenen im Film alle am Schluss einen Ruck und schaffen es, ihre festgefahrenen Lebenswege zu verlassen, mit sich ins Reine zu kommen und einen Neuanfang zu wagen. Und Nele darf am Schluss sogar allein mit Freunden ins Schwimmbad, ohne Leine.

Barbara Schuster