Auftakt einer neuen Reihe für den „Endlich Freitag im Ersten“-Sendeplatz, im Auftrag der ARD Degeto und MDR für die ARD. Bettina Zimmermann und Meriel Hinsching überzeugen als schlagkräftiges Tierärztinnen-Duo in der pittoresken Kleinstadt Naumburg/Saale.

FAST FACTS:
• Auftakt der neuen Reihe für den Sendeplatz „Endlich Freitag im Ersten“ der ARD, produziert von 307 Production/Simone Höller (einer Tochter der Studio Hamburg Production Group)
• Zwei neue Filme, „Neuanfang“ und „Väter und Töchter“, beide nach Büchern von Anja Flade-Kruse („Praxis mit Meerblick“) und unter der Regie von TV-Routinier Stefan Bühling
• Film drei und vier sind bereits abgedreht („Pferdeliebe“ & „Familie“)
CREDITS:
Regie: Stefan Bühling; Buch: Anja Flade-Kruse; Besetzung: Bettina Zimmermann, Meriel Hinsching, Ramona Kunze-Libnow, Kai Schumann, Max von Pufendorf, Karl Kranzkowski; Produktion: 307 Production (Produzentin: Simone Höller); Kamera: Alexander Palm; Redaktion: Oliver Rauch (MDR), Stefan Kruppa (ARD Degeto Film); Casting: Phillis Dayanir; Ausstrahlung: 29. August, 20.15h Uhr
REVIEW:
Die von Bettina Zimmermann gespielte taffe Tierärztin Dr. Maja Freydank bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Auch nicht, wenn der griesgrämige, sich zum Ordnungshüter berufene Vater (Wolfgang Stumph) mal wieder ihre Klamotten entwendet, weil sie es sich erdreistet, für einen Morgen-Swim in den kleinen See zu hüpfen, in dem eigentlich Badeverbot herrscht. Auch noch nackt! Dann schreitet Frau Doktor eben splitterfasernackt durch den Wald zu ihrem Auto, bindet sich gelassen eine Tierarzt-Schürze um, schenkt ihrem am Fenster stehenden bockigen Vater ein Lächeln und düst los. „You can get it if you really want“ erklingt auf der Tonspur. J Das denkt sich offenbar auch ein ausgebüchstes weißes Hündchen, das im Schweinsgalopp durch die Felder rast und just auf die Straße zusteuert, auf der Dr. Freydank unterwegs ist. Es kommt, wie es kommen muss. Dr. Freydank fährt den Vierpfoter an. Nach einer ersten Notversorgung nimmt sie ihn mit in die Praxis, in der sie seit 19 Jahren angestellt ist. Gott sei Dank nichts Ernstes.

Wie der Titel nahelegt, bleibt es nicht bei einer Frau „für alle Felle“. „You can get it if you really want“ zieht sich als Motto weiter durch den ersten Film der neuen MDR/ARD-Reihe, die TV-Routinier Stefan Bühling nach dem versierten Drehbuch von Anja Flade-Kruse (die für die ARD u.a. die erfolgreiche Reihe „Praxis mit Meerblick“ schreibt) im pittoresken Burgenland um Naumburg/Saale herum inszeniert hat. Denn als Majas alter Chef die Praxis an einen Großkonzern verkaufen will, zieht sie die Reißleine und beschließt, sie doch selbst zu übernehmen – auch wenn sie dann ihre Pflichten als Mutter zweier Kids im Teenageralter weiter hintanstellen muss. Zu sehr hängt ihr Herz an der Praxis, an den Tieren, zu wenig wäre sie bereit, sich den Prinzipien des neuen Arbeitgebers unterzuordnen, bei dem Rentabilität oberstes Gebot ist. In Julia Kramer (Meriel Hinsching) findet sie eine neue Kollegin, die ebenfalls den Fängen der großen Tierklinik entflieht, charakterlich zwar gänzlich anders als Maja tickt – faktengesteuert vs. Bauchgefühl -, aber dennoch das Herz am rechten Fleck hat.
Im ersten Film, „Neuanfang“, geht’s um das Thema Tierwohlgefährdung: Maja und Julia stellen nämlich fest, dass sich der Gesundheitszustand des eigentlich gut verarzteten Hunds nach Übergabe an die Besitzer verschlechtert. Der „Colt für alle Fälle“ muss zwar nicht gezückt werden, aber ein klein bisschen „Krimihandlung“ mit psychologischer Tiefe (Stichwort Münchhausen Stellvertretersyndrom) erhöht natürlich die Spannung in der von Studio Hamburg-Tochter 307 Production produzierten Reihe.

Der eigentliche Reiz liegt aber in der fein nuancierten Figurenzeichnung der beiden Protagonistinnen, die wirklich toll spielen: Bettina Zimmermann gibt diese Tierärztin mit Leib und Seele hervorragend in ihrer chaotischen, schwungvollen Art, die nicht nur eine gute Menschen- sondern auch Tierkenntnis mitbringt, ihren Familienalltag in der Beziehungspause von ihrem Mann (Kai Schumann) mehr schlecht als recht alleine schaukelt, aber nie den Mut verliert, immer tatkräftig anpackt und sich nicht reinpressen lässt in veraltete Frauenbilder. Meriel Hinschings Julia Kramer ist nicht weniger überzeugend, als ein gutes Stück jüngere Kollegin, die zwar Pech mit Männern hat, aber mit dem Neuanfang in der alten Heimat bei ihrem nach einem Unfall im Rollstuhl sitzenden Zwillingsbruder aufblüht und in Maja Freydank eine Kollegin auf Augenhöhe findet ohne störendes Testosteron dazwischen. Ein cooles Frauenduo. Und erfrischend ist auch das Setting in Naumburg/Saale, einem ruhigen Örtchen, in dem man Frauen noch ungestraft fragen darf, wie es ihrer Muschi geht.
Barbara Schuster