Tiefgründig schräge Culture-Clash-Comedy-Serie über eine griechische Geisterjäger-Familie, in deren Gyrosimbiss das Schicksal der Menschheit entschieden wird, nachdem bei einem Unfall unzählige Dämonen und Geister freigesetzt werden.

FAST FACTS:
• Neues ZDFneo-Comedy-Format mit Horror-, Fantasy- und Musical-Elementen nach einer Idee von Headautor und Hauptdarsteller Jasin Challah („Neo Magazin Royale“, „Andere Eltern“, „Alles Fifty Fifty“)
• Regie führte Sophie Averkamp („Stille Nacht, raue Nacht“, „Kroymann“), Szenenbild von Utta Hagen („Bad Director“, „Das Glück der Tüchtigen“)
• Produziert von eitelsonnenschein (Produzenten: Lutz Heineking jr., Marco Gilles und Danny Fischer, Producerin: Jenny Lorenz)
• Redaktion: Sarah Flasch, Koordination für ZDFneo: Carina Bernd („Nighties“)
CREDITS:
Land/Jahr: Deutschland 2025; Laufzeit: 8 Folgen à ca. 25 Minuten; Drehbuch: Jasin Challah (Headwriter), Adrian Draschoff, Benedikt Schmitz, Laura Solbach; Regie: Sophie Averkamp, Jasin Challah (Co-Regie Episode 1 und 8); Besetzung: Jasin Challah, Samy Challah, Pavlos Kourtidis, Fevronia, Sofia Koliofotos, Nadia-Alexia Challah, Johanna Gastdorf, Michael Kessler, Tanja Schleiff, Alexandra Schalaudek; Sender/Plattform: ZDFneo; Start: ab 25. Juli 2025 Streaming, lineare Ausstrahlung ab 29. Juli 2025 in Doppelfolgen
REVIEW:
„Rembetis – Die Geisterjäger“ ist ein weiteres originelles Format aus dem Kreativlabor des Zweiten deutschen Fernsehens, in dem unermüdlich daran gearbeitet wird, Diversität, Selbstironie und Satire im Programm der Öffentlich-Rechtlichen zu verankern. Die bislang witzigste und subversivste ZDFneo-Comedy-Serie dieses Jahres kommt nach der fantastischen Coming-of-Age-Body-Horror-Show „Club der Dinosaurier“ erneut von den Produzenten von eitelsonnenschein, die auch für die Mockumentary „Andere Eltern“ verantwortlich zeichneten. Deren Hauptdarsteller Jasin Challah wiederum lieferte die Idee, die eine etwas ältere Zielgruppe als die üblichen Thirtysomethings im Visier hat und ein Provinzkaff namens Gosse als Schauplatz. Alles beginnt und endet im Gyrosimbiss „Olympia Grill“ der Familie Rembetis, in dem Patriarch Marcos (Pavlos Kourtidis), dessen Sohn Hektor (Samy Challah) und Tochter Alitheia (Fevronia) hinterm Tresen stehen, unterstützt von Enkelin Hekate (Sofia Koliofotos), die Bräuche, Sitten, Konventionen ebenso in Frage stellt wie ihr Onkel, Alitheias Zwillingsbruder Paris (Jasin Challah).

Paris hat den Kleinstadtmief hinter sich gelassen, um Schlagerstar zu werden und besingt als „billiger Costa-Cordalis-Abklatsch“ mit perlweißer Zahnleiste und aufgesetztem Akzent das, was er eigentlich vergessen will. Zwischen ihm und der Familie stehen ein ewiger Bruderzwist und das Verschwinden seiner Mutter Harmonia (Nadia-Alexia Challah), die vor Jahren das Weite gesucht hat, möglicherweise deshalb, weil der engstirnige Marcos einer Nebenbeschäftigung nachgeht, die noch traditioneller ist als die Speisekarte im „Olympia Grill“: Marcos bildet sich ein, Geisterjäger zu sein, hat ein Notfall-Telefon neben dem Gyros-Spieß installiert, der bei einer Rückwärtsdrehung eine Geheimtür zum Vorschein bringt, die in ein „Ghostbusters“-Hauptquartier im Keller führt. Am Anfang der Pilotfolge wird er von einer Ketchup-Vision heimgesucht, die ihn daran erinnert, dass sich in wenigen Tagen der Hades öffnet und die Titanen der Unterwelt an die Oberfläche gelangen. Nur sein Erstgeborener sei in der Lage, mit seinem Gesang das Tor zur Hölle wieder zu schließen und zu verhindern, dass die Welt im Chaos endet, warnt eine weibliche Stimme.

Der Auserwählte Paris lässt sich daraufhin unter Vortäuschung von Marcos‘ Ableben aus dem Tonstudio und aus den Armen seiner Managerin Irene (Tanja Schleiff) zurück nach Gosse locken, wo die Gemüter prompt aneinandergeraten. Im Streit zerbricht Harmonias goldene Bouzouki, die gleichzeitig eine Protonen-Falle ist, aus der nun alle Dämonen entfleuchen, die jemals von der Familie Rembetis gefangen wurden. Eine Gestaltenwandlerin beißt in Marcos‘ Hintern, wodurch er sich zu allem Übel auch noch in Stein zu verwandeln droht – „wir sind in die tiefste Punkt von die Arsch angelangt“, befürchtet er am Ende der Episode, bevor die Rembetiko-Version von Ray Parker Jr.s „Ghostbusters“ erklingt. Der Rembetiko, der so tief in die griechische Seele blicken lässt wie der Schlager in die deutsche, der in der städtischen Subkultur und deren Armenvierteln verwurzelt ist, also wie die Bewohner von Gosse von ganz unten kommt, ist die wichtigste Waffe der entzweiten Familie, die sich mit List und fehlendem Sachverstand auf ihrer folgenden, temporeichen Odyssee diversen Prüfungen stellt und durch ein Labyrinth von Problemen navigiert, die sich aus dem Zusammenprall von Tradition, Zeitgeist und Generationen ergeben.

Die gemeinsam gespielte Musik macht den Geistern (Tanz-)Beine, bringt Paris, Hektor und Marcos dazu, sich aufeinander zuzubewegen, die Vergangenheit ruhen zu lassen und die Gegenwart zu akzeptieren. Für Creator, Headautor und Hauptdarsteller Jasin Challah, der als Comedian unter anderem als „Captain Obvious“ im „Neo Magazin Royale“ bekannt wurde, ist die Serie eine Familienangelegenheit, inspiriert von der Geschichte seiner Eltern und der Gastarbeiterkultur in Deutschland. Unter Berücksichtigung der wichtigsten Geisterjäger-Regel „Achte auf alles, was mysteriös erscheint!“ werden Bürokratie, Hackfleischverordnung, Versicherungswesen parodiert und das Verhalten von Gästen, die sich mit ihrer Stammkneipe überidentifizieren, Wachtmeisterin Steffi (Thekla Viloo Fliesberg), die zum Frühstück Ouzo bestellt und eine unwiderrufliche Rufumleitung in den „Olympia Grill“ gelegt hat, der sprachlose, hilfsbereite Automechaniker Fritz (Piet Fuchs), der von seiner DJ-Karriere in den 80ern einen Hörschaden davongetragen hat – und für den Soundtrack verantwortlich sein könnte, der vor Casio-Sounds und Eighties-Hits nur so überquillt. Auf dieselbe Epoche verweisen die fantastischen Stunts und B-Movie-Effekte und alle anderen popkulturellen Referenzen von „Ghost“ bis „Ghostbusters“, die durch den Fleischwolf gedreht werden.
Offenbar angelehnt an die Erzählstruktur des US-Serienhits „Evil“ ergreift in jeder visuell und musikalisch prägnanten Episode ein anderer entfleuchter Dämon von einem Einwohner der Stadt Besitz, wofür es stets eine logische, philosophische oder sozialkritische Erklärung gibt. Hackfleisch mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum verleitet die Rentnerin Marie (Johanna Gastdorf!) dazu, ihren Mann zu Gulasch zu verarbeiten. Eine männliche Sirene verleiht Paris‘ Jugendliebe Regina (Alexandra Schalaudek) kosmische Verführungskünste, die ihren Freund vor Leidenschaft explodieren lassen. Lotophagen saugen Gosses Kindern mit einem Handygame die Lebenszeit ab, um selbst immer jünger zu werden. Die Göttin der Zwietracht verteilt Zankäpfel an einen Nazi-Schützenverein. Man muss die Namen lesen und die Geschichte kennen, erklärt die mythologiebewanderte Alitheia, die hinreißend von der Rembetiko-Sängerin Fevronia verkörpert wird, die im Chaos den Überblick behält, während ihr Vater und ihre Brüder „alles patriarchisch durchziehen wollen“ und dabei die Wahrheit und das Offensichtliche übersehen. Alle Nebenfiguren, einschließlich Schlagertitan Florian Goldesel (Michael Kessler in seiner Paraderolle), erfüllen früher oder später eine besondere Funktion, spätestens ab Folge vier wird zumindest dem Zuschauer klar, dass die Familie Rembetis im Zentrum einer dämonischen Verschwörung steht, die als Ariadnefaden im Hintergrund die Handlungsrichtung vorgibt. Jasin Challahs „Captain Obvious“-Charme bestimmt die ironietriefenden Pointen, die auf das Jerry-Lewis-Slapstick-Talent seines (tatsächlichen) Bruders Samy Challah treffen und den griechischen Humor von Pavlos Kourtidis, der diese Mischung aus Stolz und Melancholie mit jeder Pore, jedem Schmunzeln und Zucken seines Schnauzbarts auslebt, jede deutsche Redewendung beharrlich umdichtet, jedes Klischee mit einer Portion Sarkasmus und der doppelten Menge Herzlichkeit serviert. „Rembetis – Die Geisterjäger“ ist wie die authentische griechische Kneipe um die Ecke, in der sich niemand auch nur im Entferntesten um Hipness bemüht und in der man am liebsten versacken möchte, selbst wenn der Witz oft auf die eigenen Kosten geht.
Corinna Götz