Sechsteilige Mysteryserie mit Horroranstrich über den Rattenfänger von Hameln, der 750 Jahre später zurückkehrt, um sein blutiges Werk zu vollenden.
FAST FACTS:
• Die Legende vom Rattenfänger von Hameln ist eine der weltweit bekanntesten Sagen
• Gedreht an zahlreichen Originalschauplätzen
• Einer der wenigen Horrorstoffe aus Deutschland heraus produziert
• Creator und Regisseur Rainer Matsutani bleibt seiner Vorliebe für Genrestoffe treu
• Starke Besetzung unter anderem mit Florence Kasumba und Veronika Ferres
CREDITS:
Land / Jahr: Deutschland 2024; Laufzeit: 6 x 45 Minuten; Produzenten: Michael Lehmann, Henning Kamm (REAL FILM), Rainer Matsutani und Alexander Kiening (Don’t Panic Films); Creator, Headautor: Rainer Matsutani; Drehbuch: Rainer Matsutani, Sandro Lang; Regie: Rainer Matsutani; Besetzung: Caroline Hartig, Jonathan Elias Weiske, Constantin Keller, Riccardo Campione, Pia Amofa-Antwi, Christian Erdmann, André Röhner, Florence Kasumba, Emilia Maier, Philip Birnstiel, Götz Otto, Veronica Ferres; Sender / Plattform: ZDFneo, ZDF Mediathek; Start: 30. September 2025
REVIEW:
In keiner Phase seiner nunmehr auch schon mehr als 30 Jahre währenden Karriere als Filmemacher war Rainer Matsutani nicht ein flammender Fürsprecher des Genrekinos, von fantastischen Geschichten aller Art, zurückgehend zu seinem ersten Kurzfilm, „Klinik des Grauens“ von 1992. Das manifestiert sich nicht nur in leidenschaftlichen Aufrufen und Gastbeiträgen, sondern auch im filmemacherischen Schaffen Matsutanis, der sein Auskommen findet als zuverlässiger Auftragsregisseur von öffentlich-rechtlichen Serien wie „Dr. Klein“ (mehr als 20 Folgen) oder „SOKO Stuttgart“ (mehr als 40 Folgen), aber als Autor und Auteur konsequent nach immer neuen Wegen sucht, dem Genrebrachland Deutschland das Fürchten beizubringen: „Hameln“ ist zwingender Teil eines roten Fadens, seine erste Arbeit seit der Science-Fiction-Dystopie „Spides“ vor fünf Jahren, die für Sky, damals noch sehr aktiv in der heimischen Produktion (RIP), entstanden war.

Wie eigentlich alle relevanten Arbeiten Matsutanis ist auch dieser für ZDFneo realisierte, von der Studio-Hamburg-Tochter Real Film (Henning Kamm) und Don’t Panic Films (Rainer Matsutani, Alexander Kiening) sowie Michael Lehmann produzierte Sechsteiler, gefördert von Film- und Medienstiftung NRW, dem Medienboard Berlin Brandenburg, nordmedia und GMPF, pures High-Concept, eine lustvolle Gedankenspielerei, eine Hypothese, ein Was-wäre-wenn in Reinkultur. Was wäre, wenn man einen Deal mit dem Tod/Teufel machen könnte, war die Triebfeder von „Nur über meine Leiche“ von 1995 und später noch einmal von „666“ aus dem Jahr 2001… Was wäre, wenn ein Geist eine Frau im Diesseits vereinnahmen könnte, um Vergeltung zu üben, liegt „Zimmer 205“ von 2011 zugrunde… Was wäre, wenn eine geheimnisvolle Clubdroge von einer Invasion Außerirdischer kündet, befeuerte jüngst „Spides“. Und auch jetzt könnte der Pitch nicht griffiger und klarer sein: Was wäre, wenn der Rattenfänger von Hameln zurückkäme, roundabout750 Jahre später, um sein Werk zu vollenden?

Ein bisschen muss man an „Kohlrabenschwarz“ denken, Tommy Krappweis’ für Paramount+ entstandene Serie, die ihrerseits tief in die deutsche Märchen- und Mythenkiste griff, aber der inhärenten Düsternis ein gewisses Augenzwinkern, einen ausgleichenden schwarzen Humor entgegenstellte. „Hameln“ erzählt seine Geschichte straight, legt den düsteren Schatten der Vergangenheit auf die Gegenwart und die Rattenfängerstadt in Niedersachsen, wo der Legende nach 1284 ein von der Gemeinde um sein Salär betrogener Flötenspieler 130 Seelen nahm und spurlos verschwinden ließ, sämtliche Kinder der Stadt mit drei Ausnahmen: Ein Blinder, ein Tauber und ein Lahmer – so hieß es damals – blieben zurück. Genau um diese Drei dreht sich alles in den sechs Mal 45 Minuten, in denen Rainer Matsutani als Creator, Showrunner, Headautor und Regisseur gemeinsam mit Autor Sandro Lang sein grimmiges Szenario ausbreitet.

In ihren Träumen sehen sich das fast blinde Mädchen Finja, der gehörlose Janni und der im Rollstuhl sitzende Ruben, wie sie gemeinsam im mittelalterlichen Hameln vor einer Bedrohung fliehen. Nun müssen sie im Hier und Jetzt zusammenfinden, weil unheimliche Dinge vorgehen in der Gemeinde, Jugendliche aus vermeintlich heiterem Himmel schreckliche Bluttaten anrichten, ihre Eltern ermorden. Die Bluttaten sind, wie sich zeigen wird, Vorboten und der Schlüssel zu einem düsteren Geheimnis. Um kollektive Schuld, um die Altlasten der Vergangenheit geht es, während „Hameln“ der Rückkehr des Rattenfängers den Weg ebnet, der allerdings nicht alleine kommt, sondern die gequälten Seelen der 130 Kinder mitbringt, die er einst genommen hatte.

Ziemlich wildes Garn, das die Miniserie spinnt und zu einem effektiven Szenario vereint, auch wenn man sich manchmal eine weniger pflichtbewusste Umsetzung gewünscht hätte, etwas Wilderes, Atavistischeres, etwas mehr „Wicker Man“ vielleicht. Aber dieses Methodische, Aufgeräumte, das manchmal klassizistisch und hüftsteif wirken mag, verstärkt durch einen bestenfalls pflichtbewussten Musikteppich, ist ein steter Wesenszug in den Inszenierungen Matsutanis, der kein Bilderstürmer ist, kein junger Wilder, sondern ein aufgeräumter und sauberer Erzähler, der nichts überstürzt, dem es Freude bereitet, sein durchgeplantes Szenario zu etablieren und dann in Bewegung zu setzen. Der Horror kommt schleichend, mit konventionellen Mitteln, aber er kommt.
Sorgfalt ist das operative Wort und betrifft alle Aspekte der Produktion, von Look & Feel über den Dreh an Originalschauplätzen wie beispielsweise der historischen Bungelosenstraße hin zum Cast, wo man mit Jannik Mannheimer als Janni an der Seite von Caroline Hartig, Jonathan Elias Weiske und Riccardo Campioneeinen tatsächlich gehörlosen Schauspieler besetzte (der übrigens als erster gehörloser Schauspieler an einer deutschen staatlichen Schauspielschule aufgenommen wurde). In mehr oder minder großen Gastrollen schauen unter anderem Veronica Ferres, Florence Kasumba und schließlich Götz Otto als Rattenfänger (kein Geheimnis – in der Fotomappe des ZDF ist er vielfach in seinem Kostüm vertreten) vorbei. Was man sich nicht erwarten darf, ist eine deutsche Entsprechung aktueller tonangebender amerikanischer Produktionen wie „Longlegs“ oder „Strange Darling“, sondern eher einen Gegenentwurf zu Tilman Singers ebenfalls in Deutschland entstandenen, vogelwilden „Cuckoo“: Der Wahnsinn hat hier Methode. Und genau diese Methode ist es, die „Hameln“ ihren besonderen Reiz verleiht.
Thomas Schultze