Eindringliches Drama über ein einstiges Klavier-Wunderkind, das nach Jahren in Asien wieder nach Lyon zurückkehrt, um mit dem Trümmerhaufen seines Lebens konfrontiert zu werden.
FAST FACTS:
• 16. Kino-Regiearbeit des gefeierten französischen Autorenkino-Stars Arnaud Desplechin
• Bestechend besetzt mit dem aktuellen Superstar François Civil und Nadia Tereszkiewicz
• Charlotte Rampling, Hippolyte Girardot und Anne Kessler in tollen Nebenrollen
• Großartig gefilmte Musik- und Konzertszenen
• Weltpremiere auf dem 50. Toronto International Film Festival
• Im Wettbewerb des 73. San Sebastián International Film Festival
• Französischer Kinostart am 15. Oktober 2025
CREDITS:
Land / Jahr: Frankreich 2025; Laufzeit: 115 Minuten; Regie: Arnaud Desplechin; Drehbuch: Arnaud Desplechin, Kamen Velkovsky; Besetzung: François Civil, Nadia Tereszkiewicz, Charlotte Rampling, Hippolyte Girardot, Alba Gaïa Bellugi, Jeremy Lewin, Anne Kessler
REVIEW:
Nervöse Angelegenheiten sind sie, die Filme von Arnaud Desplechin. Sie riechen nach überfüllten Aschenbechern, zerschmetterten Gläsern, verschüttetem Rotwein. Als wären sie umgesetzt von einem Mann, der in seinen Klamotten schläft oder seine Filme zumindest so aussehen lässt, als könne man diese Mutmaßung zulassen, als würden die Darsteller:innen schon seit Monaten mietfrei in diesen undisziplinierten Geschichten wohnen und hätten seither nicht ein einziges Mal aufgeräumt. Das ist ein Lob. Desplechins Filme atmen. Sie kennen das Leben. Auch sind sie nicht gerade einfach, sie sind sperrig, widerspenstig, beugen sich nicht, richten ihre Nase aber auch nicht nach dem Wind aus. Es ist weniger, dass Desplechin gegen den Strich inszenieren würde, weil er die Konventionen auf den Kopf stellen will. Vielmehr hat es den Anschein, dass er Konventionen gar nicht kennt. In jedem Fall sind sie ihm egal. Weshalb bei allem überschäumenden Lob der Kritik, allen Einladungen in den Wettbewerb nach Cannes oder eine der Nebenreihen, trotz der namhaftesten französischen Stars, die Schlange stehen, um von ihm inszeniert zu werden, noch nicht ein Film von ihm in den 35 Jahren seines Schaffens in Deutschland den Weg in die kommerzielle Kinoauswertung gefunden hat. Der eine oder andere ist auf DVD erschienen, ein paar liefen im Fernsehen. Kino aber nicht. Oder wenn, dann wurden sie vom Publikum nicht entdeckt. Ob sich das mit seinem neuesten Werk ändern wird, „Deux Pianos“, den man schon in Cannes und dann Venedig erwartet hatte, der aber nun erst in Toronto zu sehen war und aktuell im Wettbewerb von San Sebastián zu sehen ist, wie beispielsweise vor einem Jahr auch François Ozons „Wenn der Herbst naht“, wird sich weisen. Der Film ist très, très Desplechin, très, très français. Und auf entwaffnende Weise anrührend, wie man das von diesem legendär anstrengenden Filmemacher bisher nicht kannte. Oder: verblüffend zugänglich.
In einer frühen Szene betrinkt sich das einstige Piano-Wunderkind Mathias Vogler, gespielt gegen sein Image gebürstet von Überflieger François Civil, der D’Artagnan aus den beiden neuen „Die drei Musketiere“-Filmen und vor einem Jahr ein Boxoffice-Smash als Star von Gilles Lellouches „Beating Hearts“. Betrinken heißt in diesem Fall: Schmiersuff, totale Annihilation. Nach Jahren im Ausland, zuletzt in Japan, ist er dem Ruf seiner einstmaligen Lehrmeisterin gefolgt, der von der großartig strengen Charlotte Rampling gespielten Doyenne Elena, eine Art französische Lydia Tár, die keinen Widerspruch und nur Ehrerbietung duldet, und kehrt zurück nach Lyon, das er einst aus gutem Grund verlassen hat. Dass dieser gute Grund Claude sein könnte, glücklich verheiratet mit dem Galeristen Pierre und Mutter eines achtjährigen Sohnes, gespielt von Nadia Tereszkiewicz aus „Mein perfektes Verbrechen“, ahnt man in dem Moment, als man sieht, wie Mathias ihr nach seiner Rückkehr beim Verlassen einer Soirée Elenas unversehens im Hausgang begegnet, sie auf der Hacke kehrtmacht und er von ihrem Anblick bewusstlos wird. Und dann loszieht, um sich die Kante zu geben, noch mehr die Besinnung zu verlieren. Als der Barmann ihm nicht mehr länger ausschenken will, rastet Mathias aus und zerschmettert die Gläser auf dem Tresen. Man sieht, wie die Scherben sich auf dem Boden verteilen. Und man kommt nicht umhin, den Film genau so zu sehen, ein großer Scherbenhaufen, die einzelnen Glasstücke notdürftig aufgeklaubt und zusammengeklebt. Immer wieder wird Mathias gefragt werden nach seinem Leben und seiner Musik, um den Zusammenhang zwischen Sein und Kunst. Nie kann er eine Antwort geben. Der Film versucht es trotzdem.
„Das Leben ist seltsam“, hieß einer der frühen Filme von Arnaud Desplechin. Das findet „Deux Pianos“ auch. Am Anfang sind da zwei Geschichten, die erzählt sein wollen. Die Geschichte von Mathias und Elena: Sie hat ihn als Konzertpartner am Piano zurückgeholt nach Frankreich, damit er ihre Nachfolge antreten und endlich sein bisher verschwendetes Potenzial entfalten kann: Sie leide an Demenz, gesteht sie ihm, und wolle sich nach diesen letzten Konzerten zurückziehen. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Auf der einen Seite die Nestorin, die alles dafür geben würde, sich weiter erinnern zu können und unverändert das Leben zu führen, das sie genießt, auf der anderen Seite ihr Eleve, der auf einmal gezwungen wird, sich wieder zu erinnern an Dinge, die er dringend vergessen wollte, um nicht länger das Leben führen zu müssen, das er nicht ertragen könnte. Weil das dann die zweite Geschichte ist, für die sich der Film schließlich auch entscheidet: die Geschichte eines unerfüllten Liebesdreiecks, die erschwert ist, weil da als fünftes Rad am Wagen noch eine beste Freundin ist, die immer schon in Mathias verliebt war, sich aber nicht eingemischt hat, weil sie darum wusste, wie sehr er mit seinen Gefühlen für Claude und seinem besten Freund Pierre zu ringen hatte. Es gibt einen Todesfall: Während Mathias bei seinem ersten Konzert mit Elena über sich hinauswächst, erstmals wieder eins zu sein scheint mit seinem unerhörten Talent, stirbt Pierre unversehens an einem Herzinfarkt. Und öffnet die Tür für eine mögliche neue Annäherung von Mathias und Claude, wenngleich unter schwierigen Vorzeichen. Arnaud Desplechin ist eben kein Romantiker, glaubt zwar an die Größe der Gefühle, ist aber nicht überzeugt, dass die Liebe eine Himmelsmacht ist. „Meine Liebe ist groß, aber es reicht einfach nicht“, sagt eine der Figuren einmal und verweist auf die Krux, dass man ab einem gewissen Alter nicht mehr in einem Vakuum existiert – oder einem zumindest bewusst ist, dass man es nicht tut.
„Deux Pianos“ ist ein Film von großer Sinnlichkeit, er ist körperlich, bisweilen regelrecht fleischlich. Die Musikszenen sind der absolute Wahnsinn, das bereits erwähnte Konzert ebenso wie die Schlüsselszene ziemlich am Ende, wo Mathias zu einem blinden Vorspieltermin erscheint, um sich für die Rolle des Probendirektors am Theater zu bewerben: Wie er da am Flügel sitzt und mit sich ringt und schließlich eine bittersüße Entscheidung trifft, ist ein triumphaler Kinomoment. Dazu kommen immer wieder betörende Augenblicke von Desplechinscher Schönheit: die Hände von Charlotte Rampling hell im Vordergrund, während im schwarzen Hintergrund ihr Gesicht immer unschärfer wird; eine Fahrt in einem Mercedes-Capbrio, in dem die Kamera von oben ins Innere des Wagens blickt. Es gibt in einzelnen Szenen kaum merkliche Jumpcuts, bei einer Beerdigung werden schmutzige jüdische Witze erzählt. Es gibt wunderbare Figuren am Rand wie Mathias’ väterlichen Freund Max, gespielt von Hippolyte Girardot, oder seine einsam lebende Mutter, gespielt von Anne Kessler. Und alle wissen, was für eine Katastrophe von Mensch Mathias ist, das empfindliche Genie, den der leiseste Windhauch umwirft, der sich immer nur selbst im Weg steht, den man mit Glacé-Handschuhen anfassen muss, um nicht wieder eine Entgleisung heraufzubeschwören. Und der dann im Verlauf des Films doch ganz zart lernt, wieder einfach nur er zu sein. Auch wenn es bedeutet, alles sausen zu lassen, was man sich erträumt hat, auch wenn es einen Moment zum Greifen nah zu sein scheint.
Thomas Schultze