Liebevoller Blick auf ein paar Chaoten in der oberschwäbischen Provinz, von denen einer besonders viel Pech hat.

FAST FACT:
• Sitcom der beiden HFF-München-Studenten Marc Philip Ginolas und Marius Beck
• Weltpremiere bei MOP Serien des 46. Filmfestival Max Ophüls Preis
• Mit Jeremias Meyer, der in Saarbrücken auch in Julia Windischbauers „Callas, Darling“ zu sehen war & „Discounter“-Darling David Ali Rashed
CREDITS:
Land/Jahr: Deutschland 2024; Regie: Marc Philip Ginolas, Carly Coco; Buch: Marius Beck; Marc Philip Ginolas; Cast: Jeremias Meyer, David Ali Rashed, Sebastian Jakob Doppelbauer, Nina Gnädig; Produzenten: Charlotte Groth, Maximilian Greil, Paul Beck, Marius Beck; Sender: ZDFneo
REVIEW
Carlo ist in seinem Heimatort Hintervorderbach in der tiefsten oberschwäbischen Provinz nicht der einzige Tschappel, aber vielleicht doch derjenige, auf den dieser auch liebevoll gemeinte Ausdruck für „Schwachkopf“ passt. Im Dialekt-Wörterbuch findet man deshalb auch verniedlichende Bezeichnungen wie „Dümmling“, „Närrchen“, „Blödling“. Denn trottelig ist er, dieser Carlo, wie er so durch den Tag schlendert, nicht so recht weiß, wie vor, wie zurück, wo er hinwill. Angestachelt von seinen beiden Kumpels Blabla (der gerne viel schwätzt) und Aydin (Mr. Obercool) setzen sie eine saudumme Idee nach der nächsten um. Immerhin hat Carlo das Abi und den Führerschein in der Tasche. Das gilt es gebührend zu feiern, bevor er wie Hänschen klein in die weite Welt gehen will, bis nach Australien gleich, wo auch zufällig die von ihm angebetete Schulkameradin Pia hinwill.
Wer selbst auf dem Land aufgewachsen ist (und das wie die Rezensentin gar nicht mal so weit entfernt von Ravensburg), der weiß, was bei „Tschappel“ Sache ist: Autounfälle verursachende Wildwechsel, Dorffeste, bei denen viel zu viel Alkohol fließt, öde Sommertage ohne Schwimmbad. Die Comedy-Serie (8 x 23 Minuten) entstand für ZDFneo und feierte in der Reihe MOP Serien beim Filmfestival Max Ophüls Preis Weltpremiere. Die Bücher schrieben Marius Beck und Marc Philip Ginolas, beide Studenten an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Beck stammt selbst aus der Gegend um Ravensburg, ebenso sein Cousin Paul Beck, der die Sitcom mit seiner Apollonia Film mitproduziert hat (die ndF-Tochter LAX Entertainment produzierte ebenfalls). Die Becks wissen also, wie man da so spricht, in Ravensburg. Und so wird auch in „Tschappel“ gesprochen – nämlich breitestes Schwäbisch. Entsprechend authentisch wirken die Dialoge im Drehbuch. Ginolas wiederum (geboren im Harz) hat sich zudem auch noch um die Regie gekümmert – gemeinsam mit Carly Coco, die ihren Beruf an der Filmakademie Baden-Württemberg erlernte. Alles junge Menschen, denen es gelungen ist, die Ödnis auf dem Land mit viel Humor einfangen und immer einen liebevollen Blick auf ihre Figuren werfen.
Jeremias Meyer ist also dieser Carlo, der nicht so recht weiß wohin, mit seinen großen Kulleraugen und Wuschelfrisur perfekt besetzt. Der aufstrebende Schauspieler, gebürtig aus München, hatte mit dem Erlernen des schwäbischen Dialekts offenbar keine Probleme. An seiner Seite labert der Österreicher Sebastian Jakob Doppelbauer ebenfalls im perfekten Schwäbisch als Blabla und Dorf-Philosoph („Hintervorderbach isch doch total unlogisch. Entweder isch ma hinterm Bach oder vorm Bach“) und „Discounter“-Darling David Ali Rashed als Aydin, der sich zur Sicherheit seine Adresse hat tätowieren lassen, falls er im Suff nicht mehr heimfinden sollte und natürlich eine Erklärung dafür hat, warum sein schwäbisch nicht so exzellent ist wie das der anderen: er sei ja noch nicht so lange hier wie all die anderen. Es tschappelt also ganz schön in Hintervorderbach. Da ist es gut, wenn man die Bschüttegrube (aka Güllegrube) auspumpt und zum Pool umfunktioniert – denn man wünscht Carlo nichts mehr, als eine erfrischende Abkühlung, um einen vielleicht klareren Kopf zu bekommen. Aber sonst würde ja der Titelsong von Wir sind Helden gar nicht mehr passen, bei dem im Refrain gesungen wird: „Ich weiß nicht weiter, ich weiß nicht, wo wir sind“. Aber Moment: Das ist ja gar nicht schwäbisch…
Barbara Schuster