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REVIEW KINO: „Wie das Leben manchmal spielt“


Französische Tragikomödie über einen betagten, mürrischen Richter und eine temperamentvolle, junge Kellnerin mit juristischen und finanziellen Problemen, die durch unverschuldete Ereignisse zueinander finden.

CREDITS: 
O-Titel: Marie-Line et son juge; Land/Jahr: Frankreich 2023; Laufzeit: 104 Minuten; Drehbuch: Marion Michau, Jean-Pierre Améris; Regie: Jean-Pierre Améris; Besetzung: Louane Emera, Michel Blanc, Victor Belmondo, Nathalie Richard, Philippe Rebbot; Verleih: Lighthouse; Start: 2. Oktober 2025

REVIEW:
Die Comédies dramatiques von Jean-Pierre Améris sind vielleicht selten Kassenschlager, bedienen im französischen Kino aber seit Jahren zuverlässig das Bedürfnis nach intelligenter, trostspendender und Optimismus verbreitender Unterhaltung, die ernsthafte soziale Probleme mit Humor, Charme und Menschlichkeit versüßt. In diesem Fall wendet der Filmemacher die gewohnten Erzählmuster auf eine umgekehrte „Miss Daisy und ihr Chauffeur“-Situation an, den großen Unterschied macht dabei die Besetzung: Neben dem 2024 verstorbenen, legendären Michel Blanc in einer seiner letzten Rollen ist die Sängerin Louane Emera zu sehen, die spätestens seit ihrer Teilnahme am „Eurovision Song Contest“ in diesem Jahr auch bei uns bekannt sein dürfte. Sie spielt die 20-jährige Marie-Line (ausgesprochen: Marylin) mit rosa gefärbten Haaren, zu kurzen Miniröcken und noch knapperen, grellen Tops, mit denen sie in dem Studentencafé, in dem sie am Anfang noch arbeitet, ein bisschen wie im falschen Film wirkt. Womit sie das Interesse des Regiestudenten Alexandre (Victor Belmondo, Enkel von Jean-Paul) weckt, der ständig über Truffaut redet, während sie selbst das Wort „Cineast“ erstmal nachschlagen muss. 

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„Wie das Leben manchmal spielt“ (Credit: Lighthouse)

Alexandre ist außerdem schuld daran, dass Marie-Line kurzzeitig im Gefängnis landet: Man erfährt zunächst aus Rückblenden, wie die beiden gemeinsame Zukunftspläne schmieden, bevor die Kellnerin von ihrem Freund aufgrund der Vorurteile seiner Kommilitonen auf zutiefst verletzende Weise geghostet wird. Als sie ihn auf einem Parkplatz zur Rede stellt, fällt Alexandre unglücklich auf die Motorhaube eines Autos und erregt damit die Aufmerksamkeit einer Polizeistreife. Marie-Line wird wegen tätlicher Gewalt verhaftet und dem Richter (Michel Blanc) vorgeführt. Bei diesem handelt es sich zufällig um einen ehemaligen Stammgast, dem sie kurz zuvor versehentlich einen doppelten Whisky über den Schoß gekippt hat, weshalb sie gefeuert wurde und folglich die 1500 Euro Schmerzensgeld, die ihr zusätzlich zu einer Bewährungsstrafe aufgebrummt werden, nicht bezahlen kann. Da der Richter kein Unmensch ist und gerade ohne Führerschein dasteht, verpflichtet er Marie-Line, ihn einen Monat lang in ihrem pinklackierten Renault Twingo durch Le Havre zu chauffieren.

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„Wie das Leben manchmal spielt“ (Credit: Lighthouse)

Die Gegensätze könnten kaum offensichtlicher sein: Sie trägt ihr Herz auf der Zunge, er hat es zu den Akten gelegt. Der Richter Gilles Doutremont, der fürwahr aus einer anderen Welt stammt, lebt nach dem Tod seiner Frau allein in einer Villa, in der sich Gesetzessammlungen und Antiquitäten bis an die Decke stapeln. Marie-Line wohnt mit ihrem Vater (gespielt von Philippe Rebbot als Frankreichs Antwort auf Pete Postlethwaite), der bei einem Betriebsunfall ein Bein verloren hat und in Depressionen und Verbitterung versinkt, in einem heruntergekommenen Reihenhaus, in dem nicht für ein einziges Buch Platz ist. Sie hat sich mit ihrer Lage abgefunden, statt wie ihre ältere Schwester, die mit ihrer Freundin durchgebrannt ist, ihren Träumen zu folgen. Die Figurenzeichnung ist mitnichten so schwarz-weiß oder rosarot, wie es zunächst scheint. Jean-Pierre Améris hat ein feines Gespür für Zwischentönte, lotet diese sorgsam und nuanciert aus, begegnet seinen Charakteren mit größter Sympathie und Zuneigung, ohne sie zu verurteilen, zu belächeln oder zu überzeichnen. Die Komik entsteht aus ihrer Schlagfertigkeit und der schrägen Dynamik, die sich zwischen ihnen entwickelt, deren Reibungspotential bereits im Cast angelegt ist. Louane Emera, die mit der französischen Version von „The Voice“ und mit Éric Lartigaus Wohlfühlkomödie „Verstehen Sie die Béliers?“ bekannt wurde (wofür sie 2015 den César als beste Nachwuchsdarstellerin gewann), behauptet sich bei ihrem zweiten Kinoauftritt selbstbewusst und energisch gegenüber ihrem berühmten Ko-Star, dessen Figur mit Regenmantel und Aktentasche an Monsieur Lambert aus den Zeichnungen von Jean-Jaques Sempé erinnert – eine Paraderolle für Michel Blanc, die er mit dramatischem Augenverdrehen und einer stillen Verzweiflung über das System verkörpert, die sich nur mit Tabletten und Whisky beruhigen lässt.

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„Wie das Leben manchmal spielt“ (Credit: Lighthouse)

Nach Überwindung des allgemeinen Kulturschocks wird Marie-Lines klappriger Kleinwagen zum Ort der Annährung, der Film zum humanistischen Lehrstück über Selbstverantwortung, sozialen Determinismus und symbiotische Verbindungen. Der Richter weigert sich, die Ausrede zu akzeptieren, die er ständig im Gerichtssaal und nun auch von Marie-Line zu hören bekommt, wonach eine prekäre Lebenssituation Ambitionen und Aufstiegschancen verhindere. Während die Kellnerin nach und nach ihre innere Erin Brockovich entdeckt, wird der Richter durch ihre „Kitalaune“ aus der Reserve gelockt. Sie hilft ihm dabei, sich vergangenen Fehlern zu stellen – und der Beziehung zu seiner heimlichen Liebe Evelyne (Nathalie Richard) auf die Sprünge. In entspanntem Erzähltempo werden Gemeinsamkeiten enthüllt, was über weite Strecken ohne Kitsch und Rührseligkeit passiert, wenngleich in einer Szene, in der beide nach einem Streitgespräch bei strömendem Regen und zu Julien Clercs tieftraurigem Chanson „Les Séparés“ im Autoradio die Brücke der Normandie überqueren, kein Auge trocken bleibt. Die melancholische Musik von Guillaume Ferran balanciert zwischen Melodramatik und Unbeschwertheit, zitiert dabei „Jules und Jim“ – so wie das Werk von Francois Truffaut ohnehin die Geschichte begleitet, um Marie-Lines Augen für Kunst und Kultur zu öffnen. „Wie das Leben manchmal spielt“ singt nicht nur ein Loblied auf die Überwindung gesellschaftlicher Grenzen, sondern auch auf die beflügelnde Kraft des Kinos. Die Figuren – einschließlich der Hafenstadt Le Havre, deren Lage und „Hässlichkeit“ einmal mehr eine metaphorische Rolle spielen – sind dabei fest in der Realität, der allzu optimistische Handlungsverlauf eher im Genre verankert. Der unerschütterliche Glaube, dass sich die Richtung eines Flusses ändern lässt, will den schwerwiegenden Themen des Drehbuchs und der Wahrhaftigkeit, mit der soziale Milieus betrachtet werden, nicht immer ganz gerecht werden, manche Abzweigung scheint am Ende etwas aus der (See-)Luft gegriffen zu sein. Was wiederum nichts daran ändert, dass man von den Protagonisten so sehr berührt wird, dass man ihnen ihre zweiten Chancen von ganzem Herzen gönnt.

Corinna Götz