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REVIEW KINO: „Was ist Liebe wert – Materialists“


Kluger, scharfsinniger und eleganter Liebesfilm über eine junge, ehrgeizige Partnervermittlerin in New York, die hin- und hergerissen ist zwischen zwei Männern, einem reichen Traummann, der ihr Klient ist, und ihrem alles andere als perfekten , mittellosen Ex.

CREDITS: 
O-Titel: Materialists; Land/Jahr: USA 2025; Laufzeit: 109 Minuten; Drehbuch: Celine Song; Regie: Celine Song; Besetzung: Dakota Johnson, Chris Evans, Pedro Pascal, Zoë Winters, Marin Ireland, Dasha Nekrasova, Emmy Wheeler, Sawyer Spielberg, Eddie Cahill, John Magaro; Verleih: Sony; Start: 21. August 2025

REVIEW:
Mit nur einem Film gelang es der amerikanischen Dramatikerin, Drehbuchautorin und Regisseurin Celine Song, das Kinopublikum davon zu überzeugen, dass die Liebe tatsächlich existiert, und zwar jenseits der üblichen verklärten Betrachtungsweise. Mit ihrem wahrhaftigen, unsentimentalen, scharfsinnigen Erzählstil setzte sie sich in ihrem Oscar-nominierten Debüt „Past Lives – In einem anderen Leben“ mit erwachsener Beziehungsproblematik in unserer komplexen Gegenwart auseinander, und auch ihr zweiter Film folgt der Mission, unsere Vorstellungen von Romantik gerade zu rücken und in der Realität zu verankern. Wieder geht es um eine schöne Frau zwischen zwei Männern, wieder spielt die Geschichte in der Heimatstadt der berühmtesten Lovestorys aller Zeiten, und der glamouröse Cast und die Vermarktung erwecken den Eindruck, die Filmemacherin würde damit kommerziellere Wege einschlagen – was einerseits der Fall, andererseits ironisch gemeint ist. „Was ist Liebe wert – Materialists“ lockt mit dem Versprechen einer glossy RomCom, um mit der Leere dahinter abzurechnen, das Genre vor unseren Augen und Ohren auseinander zu nehmen und als zeitgemäße Version wieder zusammenzusetzen, als gemeine Satire auf den Gefühlskapitalismus der Dating-Kultur, in der Emotionen einfach nach links gewischt werden.

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„Was ist Liebe wert – Materialists“ von Celine Song mit Dakota Johnson (Credit: Sony)

Die Hauptfigur, Lucy Mason, gespielt von Dakota Johnson, arbeitet als Matchmakerin für die hochkarätige Partnervermittlungsagentur „Adore“ in New York und verkörpert das Prinzip: „Nur wer sich gut verkauft, hat eine Chance auf die Liebe.“ Ihre Kund:innen sind Investmentmanager und Elite-Junggesell:innen, die keine Zeit zu verlieren haben und sich den Luxus leisten, Lucys Dienste in Anspruch zu nehmen, die auch ein Algorithmus erledigen könnte. Ihre analytische Expertise basiert auf Statistik und Berechnung. Sie könnte ebenso gut an der Börse, in einem Leichenschauhaus oder für eine Versicherung arbeiten, wie sie sagt. Ein roter Faden des Films sind die immergleichen Casting-ähnlichen Situationen, in denen sie sich in schicken Cafés und Bars mit Klienten:innen trifft, die ungeniert die schockierend oberflächlichen, sexistischen, diskriminierenden Anforderungen aussprechen, die ihre Dates zu erfüllen haben, die in erster Linie das Einkommen, Alter, Körpergröße, Body-Mass-Index und Haarwuchs betreffen. Durch ihren Beruf bewegt sich Lucy zwar in privilegierten Sphären, verdient jedoch nicht genug, um selbst aufzusteigen. Daher hat sie beschlossen, dass der nächste Typ, den sie datet, ihr zukünftiger Ehemann sein wird und folglich „sehr, sehr reich“. 

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„Was ist Liebe wert – Materialists“ von Celine Song mit Dakota Johnson und Pedro Pascal (Credit: Sony)

Eine Voraussetzung, von der ihr Exfreund John (Chris Evans) weit entfernt ist, ein erfolgloser Schauspieler, der als Aushilfskellner gerade so über die Runden kommt. Eine Rückblende verrät, dass sich das Paar aus finanziellen Gründen getrennt hat, Lucy sich dafür verachtet, dass ihr Geld so wichtig ist. Sie ist eine Materialistin, macht sich selbst keine Illusionen, ihren Neuanwerbungen aber umso mehr, redet ihnen ein, dass sie die idealen Ehepartner finden werden, auch wenn es manchmal länger dauert – auf diese Weise hat sie immerhin bereits acht Ehen gestiftet. Nach einem weiteren Geschäftsabschluss trifft sie bei der Hochzeitsfeier auf den nächsten potenziellen Kunden, den Bruder des Bräutigams, Private-Equity-Broker Harry Castillo (Pedro Pascal), der ein Zwölf-Millionen-Dollar-Appartement in Tribeca besitzt, ein Traummann, „eine volle Zehn in jeder Kategorie“, oder, wie man bei „Adore“ sagt, ein „Einhorn“. Ein guter Fang für die Agentur – aber Harry interessiert sich nur für Lucy, die nach einer Reihe exklusiver Dates in gehobenen Restaurants und einer Nacht in seinem absurd geschmackvollen Penthouse ihr perfect match gefunden zu haben scheint. Doch eine zufällige Begegnung mit John und ein Missbrauchsskandal, den sie wohlmöglich mitzuverantworten hat, erschüttern ihre professionelle Sicht auf die Liebe und ihre perfekte Fassade.

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„Was ist Liebe wert – Materialists“ von Celine Song mit Dakota Johnson und Chris Evans (Credit: Sony)

Dieser Job sei der einzige, in dem sie gut ist, meint Lucy, die von Dakota Johnson mit einer höchst kontrollierten Performance und eiskalter Distanz verkörpert wird, ihr fein nuanciertes Spiel deutet unter der Oberfläche wie in „Daddio – Eine Nacht in New York“ auf subtile Weise die Unsicherheit und Verletzlichkeit ihrer Figur an. Celine Song zerlegt nicht nur das Genre, sondern zugleich das Bild einer unabhängigen, starken Frau: Als College-Abbrecherin und gescheiterte Schauspielerin hält Lucy wenig von ihren eigenen Fähigkeiten, unterschätzt ihren „Marktwert“, überspielt ihr mangelndes Selbstwertgefühlt mit Selbstbeherrschung. Sie ist ein Opfer des Optimierungswahns und ihrer Branche, in der das Alter von Frauen unverhandelbar ist, die auf keinen Fall älter als 29 sein dürfen, um den Höhlenmenschen-Kriterien der männlichen Klientel zu entsprechen. Dem Neandertaler-Klischee entzieht sich lediglich das „Einhorn“ Harry, den Pedro Pascal als charmant sympathische Mischung aus Harrison Ford in „Die Waffen der Frauen“, Humphrey Bogart in „Sabrina“ und Mr. Big in „Sex and the City“ spielt, der Lucy überraschenderweise ähnlicher ist, als man es anfangs für möglich hält. John hingegen – „arm, hab‘ Bernie gewählt, komme aus einer beschissenen Familie“ – ist der Einzige, der hinter die Fassade blickt. Er sieht Lucy so, wie sie wirklich ist: als Seelenverwandte. Seine entwaffnende Aufrichtigkeit treibt die Handlung voran, und man hat Chris Evans selten in einer so einer unverblümt geerdeten Rolle erlebt, mit traurigen Augen, verwuschelten Haaren und einem verwahrlosten Mitbewohner wie Hugh Grant in „Notting Hill“.

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„Was ist Liebe wert – Materialists“ von Celine Song mit Dakota Johnson (Credit: Sony)

„Was ist Liebe wert – Materialists“ mag so aussehen, ist alles andere als romantisch, und nicht einmal eine Komödie. Die Referenzen, die in der Figurenkonstellation und der umwerfenden, raffiniert aufwendigen Bildgestaltung verstreut werden, reichen von „Frühstück bei Tiffany“ über das Gesamtwerk von Nora Ephron und James L. Brooks bis hin zu Merchant-Ivory-Produktionen, sogar die Needledrops (Cat Power, Harry Nilsson, Francoise Hardy) sind Filmzitate. Kameramann Shabier Kirchner taucht die Leinwand in ein luxuriöses, goldenes Licht, der Humor ist zynisch, das Erzähltempo verlangsamt. Der sanfte, melancholische Score von Daniel Pemberton bremst den Schwung der Erzählung aus wie die präzise, pointierte Verhandlungssprache die Emotionalität. Die Dialoglastigkeit erinnert oft an ein Theaterstück (in einer Szene sieht man John tatsächlich als Schauspieler in dem Drama „Tom und Eliza“ von Celine Song auf der Bühne). Ton und Stimmung verändern sich im letzten Teil, wenn Lucy und John eine Hochzeitsfeier außerhalb der Stadt crashen – dem Rat eines Brautvaters folgend, den dieser in einer Rede am Anfang liefert: „Wenn man verloren ist, geh einfach dorthin, wo die Liebe ist.“ Für den berührendsten Moment sorgt Zoë Winters in einer Nebenrolle als schwer vermittelbare Sophie, die auch Lucy schließlich an ihre Menschlichkeit erinnert. Am Ende verfällt die Erzählung ein wenig der Oberflächlichkeit, die sie kritisiert, die Dating-Mechanik wird auf eine oft frustrierende Weise übererklärt, der Plot zusätzlich mit einem diskussionswürdigen „Caveman“-Verweis umklammert. Das Drehbuch stellt immer wieder neue Fragen, liefert brutal ehrliche Antworten darauf, warum Menschen heutzutage überhaupt heiraten. „Liebe ist einfach, Dating ist kompliziert“, sagt Lucy zu Beginn. Oft fühlt sich der Film an wie Letzteres, obwohl man ihn sehr lieben möchte. 

Corinna Götz