Irische Feelgood-Komödie um einen Schriftsteller, der sich an einem chaotischen Wochenende in Dublin neben seiner eigenen Mutter um drei weitere ältere Exzentrikerinnen kümmern muss.
FAST FACTS:
• Unwiderstehlich charmantes, queeres Remake des italienischen Hits „Das Festmahl im August“ von Giovanni DiGregorio aus dem Jahr 2008
• Darren Thorntons erster Film seit „Ein Date für Mad Mary“ aus dem Jahr 2017, erneut nach einem Drehbuch, das er gemeinsam mit seinem Bruder Colin Thornton verfasst hat
• Durchschlagend erfolgreiche Weltpremiere auf dem letztjährigen London Film Festival; Gewinner des Publikumspreises
CREDITS:
O-Titel: Four Mothers; Land / Jahr: Großbritannien 2024; Laufzeit: 89 Minuten; Regie: Darren Thornton; Drehbuch: Colin und Darren Thornton; Besetzung: James McArdle, Fionnula Flanagan, Anne Nolan, Stella McCusker, Paddy Glynn, Gaetan Garcia; Verleih: Pandora Film; Start: 10. Juli 2025
REVIEW:
„Es geht um die erste Liebe, aber es ist auch eine Betrachtung der queeren Kultur. Es geht um Irland, um unsere Vergangenheit und Zukunft… Ich glaube, das Buch handelt von Macht und sozialen Strukturen.“ Edward Brady (James McArdle), Mitte dreißig, steht mit seinem Coming-of-Age-Debütroman „Aeons“ kurz vor dem internationalen Durchbruch, doch es ist ihm nahezu unmöglich, sein eigenes Werk in Worte zu fassen, wie seine stammelnden Erklärungsversuche nicht nur zu Beginn des Films zeigen. Allein der Gedanke an eine Lesereise durch die USA, die sein Verlag vorbereitet, bereitet ihm Panikattacken, was vor allem daran liegt, dass er sich Vollzeit um seine 81-jährige Mutter kümmert und es nicht übers Herz bringt, sie vorübergehend in einem Heim unterzubringen – geschweige denn, ihr überhaupt von seinen Plänen zu erzählen. Alma (Fionnula Flanagan) erholt sich von einem Schlaganfall, in dessen Folge sie ihre Stimme verloren hat, und hält ihren Sohn mit einem virtuellen Sprachassistenten und einer Handglocke auf Trab. Als wären das nicht schon genug Probleme, beschließen seine besten Freunde Colm (Gearoid Farrelly), Billy (Gordon Hickey) und sein Therapeut Dermot (Rory O‘Neill), der ihn gerade erst vor der „Co-Abhängigkeit von einer fordernden Frau“ gewarnt und zu „Selfcare“ ermahnt hat, dass sie eine Pause von ihren eigenen, betagten Müttern benötigen, die sie spontan vor Edwards Tür absetzen, um zu einem Pride-Urlaub nach Gran Canaria aufzubrechen. „Es ist die Monotonie, wenn wir nicht abhauen, sterben wir vielleicht“, heißt es in der Nachricht, die sie Edward hinterlassen, dessen Selbstlosigkeit sie schamlos ausnutzen.
Edward hat verlernt, „Nein“ zu sagen und auf sich selbst zu hören, seine eigene Stimme wird von der beige-braunen, pastellfarbenen Eintönigkeit des Dubliner Reihenhauses, in dem er mit Alma lebt, erstickt und klingt in seinem schlimmsten Albtraum genauso ausdruckslos wie deren Sprachcomputer. Mit Unterstützung des attraktiven Physiotherapeuten Raf (Gaetan Garcia), der zufällig sein Ex-Freund ist, dem er hinterhertrauert, versucht er die unterschiedlich exzentrischen Wünsche seiner anspruchsvollen Besucherinnen im Laufe eines Wochenendes unter einen Hut zu bringen und sich dabei um die wichtigste Entscheidung seiner Karriere zu drücken. Abgesehen von der Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation und der mehr oder weniger akzeptierten sexuellen Orientierung ihrer Söhne scheinen die Damen, die sich wie trotzige Kinder verhalten, nichts gemeinsam zu haben: die grimmige Jean (Dearbhla Malloy) weigert sich, einen Rollator zu benutzen; die katholische Maude (Stella McCusker) will ständig die Totenwache fremder Menschen besuchen; Rosey (Paddy Glynn) lässt alle an ihrer Online-Affäre teilhaben. Die Kamera betrachtet sie selbst dann, wenn sie „wie die Sardinen“ nebeneinander auf dem Sofa sitzen getrennt, isoliert voneinander, hält jeden ihrer fein nuancierten, schweigenden Gesichtsausdrücke fest, hinter denen sich ebenso wie in der zurückhaltenden Mimik von James McArdle eine Menge unausgesprochener, schmerzhafter Gefühle verbergen, die im Laufe des Films behutsam, wie mit Samthandschuhen an die Oberfläche befördert werden. Hin und wieder werden die auf engstem Raum gefilmten, präzisen Einstellungen von befreienden Panorama-Aufnahmen der Umgebung oder Split-Screen-Referenzen an „The Brady Bunch“ unterbrochen, während das Chosen-Family-Konzept, das das Drehbuch verfolgt, und die Dynamik der Protagonistinnen tatsächlich ein bisschen an den Serienklassiker „Golden Girls“ erinnert.
Der Tonfall der Inszenierung hält stets die Balance zwischen der gnadenlosen Ehrlichkeit und bissigen Ironie, die unter Edwards Freunden vorherrscht, und der lähmenden Stille, die die besondere Mutter-Sohn-Beziehung belastet, die man in dieser Komplexität und aus dieser Sichtweise noch nicht oft im Kino gesehen hat. „Vier Mütter für Edward“ basiert zwar lose auf der italienischen Komödie „Das Festmahl im August“ von Giovanni DiGregorio. Regisseur Darren Thornton und sein Bruder Colin Thornton, der mit ihm das Drehbuch geschrieben hat, übernehmen jedoch lediglich die Grundidee der Vorlage, ändern die Vorzeichen und verarbeiten zugleich eigene Erfahrungen. Inspiriert von Vorbildern wie Tamara Jenkins‘ „Die Geschwister Savage“ und Alexander Paynes „Nebraska“, ist ihr Film eine nüchtern-lakonische, unaufgeregt-realistische, melancholisch-beschwingte Auseinandersetzung mit Familiendynamiken und -Traumata, Alterseinsamkeit und Entfremdung. Dabei drängt sich die queere Perspektive nie in den Vordergrund, bahnt sich eher hintergründig ihren Weg durch die geradlinige Erzählung, um in einem emotionalen Höhe- und Wendepunkt auf den Tisch und zur Sprache zu kommen – auf einem Roadtrip im Seniorenbus, auf dem sich die Mütter an das Coming-Out ihrer Söhne erinnern, und der mit einer überraschend kathartischen spirituellen Gemeinschaftssession bei einer Hellseherin (Niamh Cusack) endet. Der ironische Humor der Komödie liegt vor allem darin, wie sich die Mutter-Rollen immer eindeutiger und auch tragischer im Charakter des Protagonisten spiegeln, der bis zur Selbstaufgabe in deren Fußstapfen tritt. Oder, mit den Worten von Edward, die er endlich wiederfindet: „Im Subtext erforschen wir den postkolonialen Konflikt in Irland, das Erbe der katholischen Kirche. Soziale Strukturen und Identität. Und wie es sich anfühlen muss, gefangen zu sein.“
Corinna Götz