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REVIEW KINO: „The Bikeriders“


Sozialstudie, Bikerfilm und Liebesgeschichte: Basierend auf Danny Lyons Fotoreportage von 1968, fängt Jeff Nichols Leben, Lieben und Kämpfen eines Motorradclubs im Wandel der Zeit ein.

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„The Bikeriders“ mit Austin Butler (Credit: Universal / Focus Features)

CREDITS:
Land / Jahr: USA 2023; Laufzeit: 116 Minuten; Regie, Drehbuch: Jeff Nichols; Besetzung: Austin Butler, Jodie Comer, Tom Hardy, Michael Shannon, Mike Faist, Norman Reedus, Boyd Holbrook; Verleih: Universal; Start: 20. Juni 2024

REVIEW:
In einer Szene von „Taxi Driver“ sieht man Cybill Shepherd in Zeitlupe durch den Raum gleiten und man hört dazu Robert De Niro als Travis Bickle aus dem Off sagen: „They. Can. Not. Touch. Her.“ Nun ist der neue Film von Jeff Nichols, sein erster seit „Midnight Special“ vor sieben Jahren, voller Verweise auf das Kino des jungen Martin Scorsese, dabei aber doch deutlich mehr „Mean Streets“ mit dieser genialen, erhaben und fast heilig anmutenden Vermählung von Bild und Musik als „Taxi Driver“. Und dennoch ist der Verweis valide, weil man so auch Austin Butler beschreiben könnte, oder besser gesagt: die Figur, die er in „The Bikeriders“ spielt, Benny: They. Can. Not. Touch. Him. Weil er sich nicht berühren lässt, weil er sich nicht lieben lässt, weil ihm die Zuneigung anderer egal ist, auch wenn sie sich nach ihm verzehren, wenn sie für ihn entflammt sind und in Flammen stehen, wie es hier Kathy und Johnny tun, die eine Bennys Ehefrau, der andere der Anführer des Motorradclubs, in dem Benny fährt, diese gottgleiche Gestalt, die Coolness in Person, nur sich selbst verpflichtet und vielleicht noch seiner Harley, ein Mann wie der Monolith in „2001“. 

In Danny Lyons 1968 erschienenem Fotobuch „The Bikeriders“ spielt Benny ebenfalls eine tragende Rolle. Auf zwei oder drei Fotos sieht man ihn. Aber immer nur von hinten oder mit gesenktem Kopf. Sein Gesicht sieht man nie. Als Leser kann man sich hineinträumen in ihn, eins werden mit diesem Unberührbaren. Im Kino muss man ihn zeigen. Und WIE Jeff Nichols ihn zeigt, diesen schönen Mann! Er redet nicht viel, er macht auch nicht viel. Aber das wenige, das er macht, macht er so hinreißend, dass man sich gleich hinter Kathy und Johnny anstellen will, weil man hin und weg ist. Wie er allein auf dem Motorrad sitzt und die linke Hand beim Fahren immer auf dem Schenkel ruhen lässt. Oder wie er eine Nacht lang vor Kathys Haus sitzt und nichts macht, als eine Zigarette nach der anderen zu rauchen, und am nächsten Morgen immer noch genauso dasitzt, was Kathys Boyfriend so sehr aus der Fassung bringt, dass er seinen Ranzen schnürt und für immer verschwindet. Was soll man einem solchen Typen entgegensetzen? 

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„The Bikeriders“ mit Austin Butler (Credit: Universal / Focus Features)

Er habe sein Buch von 1963 bis 1967 zusammengestellt, schreibt Danny Lyon im Vorwort späterer Auflagen von „The Bikeriders“, „to record and glorify the American bikerider“. Soll heißen: Die Fotos sind irre authentisch, aber gleichzeitig auch mythisch überhöht. Sie sind ikonisch. Sie schwärmen von diesen ungewaschenen Kerlen mit ihren archaischen Ritualen und ihren Spleens, saugen ihren Schweißgeruch auf, sind eins mit ihrem Eiergeschaukel. Und natürlich ihren Maschinen, die wie Verlängerungen ihrer selbst sind, Ausdruck ihrer Identität und Individualität, wie die Schlangenlederjacke, die Nicolas Cage in „Wild at Heart“ trägt in Gedenken an Marlon Brando in Sidney Lumets „The Fugitive Kind“. Ein zugegeben plump gewählter Vergleich, weil es so schön passt: Auch der von Tom Hardy Kraft seiner Naturgewalt gespielte Johnny hat sich nach dem Vorbild Brandos neu erfunden, allerdings im Spiegel von dessen Figur aus Laslo Benedeks „The Wild One“, Johnny Strabler. What are you rebelling against? – Whaddayagot!. Da, wo alles beginnt, die Moderne, wie wir sie heute kennen, Jugendkultur, Subkultur. Denim, Lederjacke, T-Shirts, Bikerboots. Jeff Nichols‘ Film fällt nicht herein auf dieses ganze Machgedöns. Er glorifiziert nicht. Er entlarvt diesen Haufen Kerle, die so richtig hart nur tun, wenn sie miteinander sind. Weil das Teil des Rituals ist. Teil des Spiels. Weil es ein Spiel ist. 

Johnny ist ein Möchtegern. Ein Poser. Er modelliert seine Persona nach Brando und spielt das den anderen vor. Und er kommt damit durch. Fäuste oder Messer, schnarrt er, als ein Mitglied seiner Gang ihn herausfordert, ein dicker, plumper Kerl, von dem Johnny weiß, dass er Fäuste sagen und ihm später unterlegen sein wird. Das macht mächtig Eindruck bei den anderen, was irgendwann dazu führen wird, dass er dann wirklich hart sein muss, um das Gesicht nicht zu verlieren: Mit jeder Entscheidung bastelt er an seinem eigenen Niedergang, eine tragische Figur. Er ist eben nicht Benny. Aber Mann, was würde er geben, so zu sein wie er, ein Mann ohne Allianzen und Verantwortung, der nur deshalb den Tränen nahe ist, nachdem ihm bei einem Barroom-Brawl fast der Fuß abgetrennt wurde, weil er Angst hat, womöglich nicht mehr Motorradfahren zu können. So sehr Johnny es auch versucht, so sehr Kathy es auch versucht, sie kommen einfach nicht ran an ihn, sie können ihn nicht haben. They. Can. Not. Touch. Him.

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„The Bikeriders“ mit Austin Butler und Jodie Comer (Credit: Universal / Focus Features)

„The Bikeriders“ ist ein quintessenziell amerikanischer Film über eine amerikanische Subkultur. Das bedeutet, er muss ihre ganz besonderen Eigenheiten kennen und verstehen. Er muss sie feiern und zelebrieren. Sonst fühlt man die Sache nicht, wird man nicht abgeholt. Er macht das mit tollen, griffigen Bildern, geboren aus den Fotos des Buches. Er macht das mit einem Soundtrack, der das Röhren der Motoren verschmelzen lässt mit zahllosen Songs, Rockabilly, Blues, R&B, Girlgroup-Pop („Out in the Streets“ von den Shangri-Las ist so etwas wie ein Leitmotiv), später dann auch mal Cream und die Psychedelic-Blues-Version von „Mannish Boy“ aus dem Muddy-Waters-Album „Electric Mud“ – „I’m a man, m – a – n“, aber eingetunkt in eine grotesk verzerrte Gitarre, und schließlich dann, als alles zu spät ist, die Unschuld und die Leichtigkeit und der Spaß dahin sind, als es hässlich wird und brutal und kaputt, als sich Vietnam und Gewalt und Drogen und Verbrechen in die Gang fressen, sie vom Motorradclub zur Rockergang wird, da hört man dann auch den Mongostomp der Stooges. Es war ein Traum, ein schöner Traum. Jetzt wird es ein Albtraum. 

Gleichzeitig schiebt Nichols den Mannbarkeitsriten den Riegel vor. Anders als Danny Lyon, der hier gespielt wird von Mike Faist, fällt er nicht herein auf die Vandals, wie der fiktionalisierte Club hier heißt, will er nicht ihre Anerkennung, zu ihnen gehören. Sein Blick ist geprägt von Sympathie, natürlich mag er diese vogelwilden Kerle. Aber er macht sich nicht eins mit ihnen. Das gelingt ihm durch den genialen Kniff, die Geschichte anhand der realen Interviews mit Kathy zu erzählen, die 1968 und 1973 entstanden sind und dem Film seinen Rahmen geben und seinen Abstand: Kathy durchschaut die Typen, ihr Gehabe, ihr Gegockel. Und erzählt mit einem Midwestern-Akzent von ihnen, als würde um jedes Wort ein Stück Kaugummi gewickelt. Jodie Comer ist eine Wucht, sie hält den Film auf dem Boden, wenn er zur Apotheose ansetzt, wenn er sich in Richtung Kenneth Anger streckt, „Scorpio Rising“ und so, Fetischkino pur, sehr sexuell und homoerotisch. Wie das halt ist, wenn die Motoren röhren, heavy metal thunder.

Dafür, dass der Film so heißt, wie er heißt, wird verblüffend wenig Motorrad gefahren. Eigentlich nur am Anfang. Dann treibt einem Jeff Nichols die Flausen aus: Zum letzten Duell kommen alle im Auto gefahren, weil es Oktober ist und eigentlich schon ganz schön frisch draußen. Sein Film ist ein Abgesang, ein Snapshot eines ganz kleinen Zeitfensters, einem kurzen Moment, der irgendwann unwiederbringlich vorbei ist. So wie Punk schon wieder vorbei war, als die ersten Kids anfingen, Johnny Rotten nachzumachen, ohne seinen ursprünglichen Impetus verstehen zu können oder verstanden zu haben, ist auch hier das Ende schon im Anfang angelegt. Time flies but aeroplanes crash. Tempus fugit. Zum Schluss sind viele ausgestiegen oder tot. Die zwei Kumpels Wahoo und Corky sieht man gerade noch rumalbern und sich rumschubsen, nach einem harten Schnitt sieht man sie auf ihren Harleys im Pulk der neuen Vandals fahren, mit denen sie nichts mehr verbindet als die Kutten und die Bikes, und sie könnten nicht elender aussehen. „The Bikeriders“ ist ein seltenes Ding. Ein bodenlos trauriger Film, der einen glücklich macht. Der. Einen. Berührt. 

Thomas Schultze