SmHJHX

Am Freitag, den 25.10. werden wir ab 15.00 Uhr bis ca. 18 Uhr umfangreiche technische Wartungsarbeiten durchführen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

REVIEW KINO: „Tatti, Paese di sognatori“


Sehr persönlicher Dokumentarfilm des Schweizer Filmemachers Ruedi Gerber über ein kleines Dörfchen in der Maremma, das vom Aussterben bedroht war, dann aber zu neuem Leben erblühte.

CREDITS:
Land/Jahr: Schweiz, Italien 2025; Laufzeit: 92 Minuten; Regie, Drehbuch, Produktion: Ruedi Gerber; Kamera: Felix von Muralt, Greta de Lazzaris; Schnitt: Aline Hervé, Stefan Kälin; Festival: Zurich Film Festival 2025

REVIEW:
Der Schweizer Filmemacher Ruedi Gerber hat Mitte der Siebzigerjahre auf der Suche nach Ruhe und Entschleunigung das kleine Dörfchen Tatti in der toskanischen Maremma per Zufall entdeckt. Er wollte mit Freunden aufs Land ziehen, um dort in Gemeinschaftlichkeit die künstlerische Kreativität fließen zu lassen. Ein bisschen Hippiestyle eben. Er verliebte sich in den Landstrich und die paar wenigen noch dort verbliebenen alten Einwohner. Und blieb. Er kaufte sich eine marode Landvilla vor den Toren des Dorfes, renovierte sie und begann, mit Hilfe der letzten verbliebenen Bauern, dem Zwillingspaar Mario und Massimo, alte Rebsorten anzupflanzen und das Land durch biodynamische Landwirtschaft aufzuwerten. In seinem Dokumentarfilm „Tatti, Paese di sognatori“, in dem er nicht nur die Geschichte des Dörfchens erzählt und alte Aufnahmen von damals einwebt, als er als Fremder dort ansässig wurde, zeichnet er vor allem durch die Protagonisten ein berührendes Bild des sozialen Zusammenhalts und bricht im Wahnsinn der Welt herunter, auf was es ankommt als Gesellschaft: ein respektvolles Miteinander.

TATTI PAESE DI SOGNATORI chd TATTI PEASE DI SOGNATORI Still  x
„Tatti, Paese di sognatori“ von Ruedi Gerber (Credit: ZFF)

Die Landflucht in Italien wurde vielfach dokumentiert, in Artikeln und Reportagen. Mehrere 1000 Dörfer sind vom Aussterben bedroht. Die junge Generation zieht in die Welt oder zumindest in die ringsum liegenden Städte. Die Alten bleiben. Wie das eben so ist. Tatti ist eines dieser Dörfer. Früher lebten hier über tausend Menschen, im benachbarten Ort wurde Bergbau betrieben, was viele Arbeiter von Nah und Fern anzog. Zu Hochzeiten gab es in Tatti mehrere Metzgereien und Bäckereien, vier Bars, ein Kino, ein Theater und Dutzende von Bauernhöfen. Und auch wenn sich die Jungen vom Acker gemacht haben: die alten Dorfbewohner halten zusammen. Da ist erwähntes Zwillingsbrüderpaar Mario und Massimo, ohne die nichts geht in Tatti, die man ruft, wenn ein Auto im Graben liegt, die die letzten Bauern sind im Ort und jede Früh nach ihrer Mutter schauen, die meist im Topf rührend Ricotta macht. Da ist die über 90-Jährige, die als Kind bei einem schlimmen Unfall ihre Mutter verloren hat, da ist die alte Frau am Fenster, die Volkswaisen singt, da ist der Trucker, dem immer wieder das Herz aufgeht, wenn er nach vielen Kilometern auf den Straßen Europas wieder nach Tatti zurückkehrt und da ist der gute Nachbar, der hoch oben Geflügel züchtet und der für Gerber stets zur Stelle ist, wenn es darum geht, ein Auge auf sein Haus zu werfen. Alles gute Seelen, die Herzen am rechten Fleck, ein ehrliches Leben lebend.

Und da ist Ruedi Gerber, der dabei half, dass das Dorf wieder aufblüht und einen nachhaltigen Aufschwung erfährt. Das Dorfrestaurant konnte wieder öffnen, junge Leute haben die Bar wieder in Gang gebracht, aus dem verwaisten Coop ist ein Dorfladen mit vielen selbstproduzierten Leckereien aus der Region geworden, Kinder spielen auf den Bolzplätzen. Und sogar die Busanbindung nach Grosseto gibt es wieder. „Tatti“ ist ein sehr persönliches Werk geworden, ohne dass sich der Filmemacher dabei in den Vordergrund drängt oder das Landleben romantisiert. Dennoch ist es ein poetischer, träumerischer Blick auf das Leben, ein Film, der zum Innehalten und Nachdenken anregt in unserer globalisierten, vom Kapitalismus getriebenen Welt. „In Tatti gibt es nichts und gibt es alles“, wie eine Frau aus dem Dorf so treffend sagt. 

Barbara Schuster