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REVIEW KINO: „Oxana – Mein Leben für Freiheit“


Eindringliches und spannendes Biopic über die Künstlerin und FEMEN-Leitfigur Oksana Schatschko,die als Aktivistin unter anderem gegen sexuelle Ausbeutung und pro-russische Einflüsse in der Ukraine kämpfte.

CREDITS:
O-Titel: Oxana; Land/Jahr: Frankreich/Ukraine/Ungarn 2024; Laufzeit: 103 Minuten; Drehbuch: Diane Brasseur, Charlène Favier, Antoine Lacomblez; Regie: Charlène Favier; Besetzung: Albina Korzh, Maryna Koshkina, Lada Koshkina, Oksana Zhdanova, Yoann Zimmer, Noée Abita; Verleih: X-Verleih; Start: 24. Juli 2025

REVIEW:
Ohne den Kampfgeist der ukrainischen Künstlerin Oksana Schatschko hätte es die radikal-feministische FEMEN-Bewegung wohlmöglich nie gegeben. Daran erinnerte 2013 bereits die Dokumentation „Je suis FEMEN“ („FEMEN – Mit Leib und Seele“) des Schweizers Alain Margot, auf die das Biopic der französischen Drehbuchautorin und Regisseurin Charlène Favier nun zum Teil zurückgreift. „Oxana – Mein Leben für Freiheit“ ist eine komplexe Reflexion über die Kosten des Aktivismus, die Suche nach Identität und Freiheit und das Vermächtnis von Oksana Schatschko, die sich mit 31 Jahren am 23. Juli 2018 in ihrer Wohnung im Pariser Exil das Leben nahm – fast genau ein Jahrzehnt nach der Gründung der Organisation.

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„Oxana“ (Credit: 2024 Rectangle Productions)

Der Film zeichnet die Chronik ihres unermüdlichen Kampfes nach und stellt dem Tag ihres inneren Aufstands die lange Zeit der öffentlichen Revolte gegenüber: In einer atmosphärisch, fragmentarisch inszenierten Rahmenhandlung werden die fiktiven Ereignisse der letzten 14 Stunden ihres Lebens beleuchtet, in denen die Protagonistin (gespielt von Albina Korzh) vor der Eröffnung ihrer ersten Ausstellung durch Paris streift. Dabei hinterfragt der Film fortwährend ihre Gemütsverfassung, nach der sich eine Journalistin in einem Interview erkundigt, ein Mann, mit dem sie in der Umkleidekabine des Schwimmbads spontanen Sex hat, ihre Mutter, mit der sie telefoniert, ein Freund, dessen Anrufe sie ignoriert und in dessen Wohnung sie nach einem Behördentermin zurückkehrt. Parallel dazu, in eingeschobenen Rückblenden, wird die Anfangsgeschichte von FEMEN erzählt, die in der Provinzstadt Chmelnyzkyj südwestlich von Kiew beginnt, wo Oksana unter ärmlichen Verhältnissen aufwächst.

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„Oxana – Mein Leben für Freiheit“ von Charlène Favier (Credit: X Verleih)

Man erfährt, dass ihr Vater arbeitslos und alkoholkrank ist, ihre Mutter hingegen stets ihre künstlerischen Ambitionen unterstützt, sie liebevoll „meine kleine Jeanne d´Arc“ nennt. Dank einer Ausnahmebewilligung wird Oksana als Zwölfjährige zur Ikonenmalerin ausgebildet. Später, nach einem Wohnungsbrand, bei dem viele ihrer Werke zerstört werden, verwandelt sich ihr religiöser Eifer in gesellschaftlichen Protest: In einer Zeit, in der Frauen in der Ukraine die Wahl haben, „zu heiraten oder Prostituierte zu werden“, organisiert sie 2008 mit ihren Freundinnen Aleksandra Shevchenko (Lada Korovai) und Anna Hutsol (Oksana Zhdanova) ihre erste Aktion, prangert mit Kunstblut übergossen Korruption im Gesundheitswesen und sexuellen Missbrauch an. „Unsere Mission: Aufstand! Unser Gott: die Frau!“, schreiben sich die Studentinnen auf die Stirn, „Fuck Putin“ auf die nackten Brüste.

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„Oxana – Mein Leben für Freiheit“ von Charlène Favier (Credit: X Verleih)

Ihre Mutter bindet die Blumenkränze, die sie im Haar tragen, Oksana entwirft die Ikonographie der Gruppe, die sich mutig gegen patriarchale Strukturen, Gewalt gegen Frauen, für die Gleichstellung der Geschlechter und das Recht auf Selbstbestimmung einsetzt und deren Namen und skandalträchtige Symbolik schon bald über die Landesgrenzen hinaus für Schlagzeilen sorgen. Mit der medialen Aufmerksamkeit wächst das Risiko, die Provokationen richten sich immer lautstärker gegen das Regime, das mit aller Macht zurückschlägt. Bei einer Demonstration in Moskau landet Oksana in Isolationshaft, muss mit gebrochenen Armen nach Frankreich fliehen, wo bereits eine der Gründerinnen, Inna Shevchenko (Maryna Koshkina) eine neue Gruppierung anführt, in der Oksana ihre Werte und Ideologie verraten sieht. Mit Hilfe der Malerin Apolonia (Noée Abita) versucht sie, sich als Künstlerin neu zu orientieren, ersetzt den Heiligenschein ihrer Marienfiguren durch Burkas und Kalaschnikows.

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„Oxana – Mein Leben für Freiheit“ von Charlène Favier (Credit: X Verleih)

Auf die provozierende Frage einer Journalistin, was von einer Kriegerin bleibt, wenn man ihr den Krieg wegnimmt, antwortet sie: „Für mich ist alles eins. Ich bin eine politische, geflüchtete Künstlerin und Sextremistin, ich werde immer FEMEN sein.“ Für Oksana gibt es kein Dasein ohne Rebellion. Die Gefahren, Konsequenzen, persönlichen Kosten, die psychische Belastung und Isolation, die mit ihrem Wunsch nach Freiheit einhergehen, scheint sie bewusst in Kauf zu nehmen. Einige biografische Aspekte und Beziehungen mögen vage und spekulativ sein, aber Albina Korzhs authentisches, elektrisierendes Spiel, unterstützt von der hypersensiblen Kameraarbeit von Eric Dumont („Carême“), lässt keinen Zweifel an Oksanas Stärke, ihrem Zorn, ihrer Furchtlosigkeit – und an ihrer seelischen Verwundbarkeit, die sich nicht erst in den Jahren im Exil bemerkbar machen. 

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„Oxana – Mein Leben für Freiheit“ von Charlène Favier (Credit: X Verleih)

In einem Schlüsselmoment greifen die Erzählebenen auf eine gleichzeitig aufrüttelnde und niederschmetternde Weise ineinander, als Oksana eine Beamtin der Asylbehörde um Anerkennung ihres Status‘ als politischer Flüchtling anfleht und die brutalen Übergriffe des KGB nach einem Protest in Belarus schildert, bei dem sie verschleppt, gedemütigt und mit dem Feuertod bedroht wurde. Nicht einmal in Paris kann sie sich der Unterdrückung entziehen – ihr Ausgeliefertsein ist das zentrale Thema, das sich durch den Film zieht, als glühender Funke, der die Handlungsstränge verbindet, der sich im Goldgrund der Ikonen widerspiegelt und unauslöschlich in der Protagonistin zu brennen scheint, wie es nicht zuletzt die flammende Symbolik vermittelt, die die Handlung zusätzlich umklammert: Das erste und letzte Bild zeigt Oksana mit Blumen im Haar vor der lodernden Feuerstelle des traditionellen Fests der Sommersonnenwende ihrer Heimat, zunächst als Mädchen, später als Erwachsene, umringt von euphorisch tanzenden, nackten Männern und Frauen, deren Hände nach ihr greifen, an ihr zerren. Was auf schmerzlich ironische Weise an die Heiligsprechung einer Märtyrerin erinnert, einer Ikonenmalerin, die selbst zur Ikone wird.

Corinna Götz