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REVIEW KINO: „Lilly und die Kängurus“


Empathischer Crowdpleaser über einen gescheiterten TV-Moderator aus Sydney, der mit Hilfe eines elfjährigen Aborigine-Mädchens und elternloser kleiner Kängurus einen neuen Lebenssinn im australischen Outback findet.

CREDITS:
O-Titel: Kangaroo; Land / Jahr: Australien 2025; Laufzeit: 107 Minuten; Regie: Kate Woods; Drehbuch: Harry Cripps; Besetzung: Ryan Corr, Lily Whiteley, Deborah Mailman; Verleih: STUDIOCANAL; Verleih: 21. August 2025

REVIEW:
Einen weiten Weg hat das australische Kino zurückgelegt, seitdem vor mehr als 50 Jahren in Nicolas Roegs zeitlos faszinierendem „Walkabout“ erstmals ein Aborigine-Junge in der Hauptrolle eines Kinofilms vor der Kamera gestanden war. Vielleicht noch nicht weit genug, um den Ureinwohnern des fünften Kontinents wirklich gerecht zu werden. Aber dass Aborigines in „Lilly und die Kängurus“ wie selbstverständlich als die cooleren Hauptfiguren gleichberechtigt an der Seite des tollpatschigen Helden aus Sydney, der eine Lektion fürs Leben braucht, in einem Crowdpleaser und Feelgood-Film auftreten, ohne dass großen Aufhebens darum gemacht wird, ist ermutigend. Aber diese ungemein leichte Hand, ohne die ernsten Themen aus den Augen zulassen, ist ohnehin das Trumpfass der ersten Kinoarbeit der Australierin Kate Woods seit 25 Jahren, eine sensationell erfahrene Filmemacherin mit mehr als 40 Jahren Erfahrung und knapp 70 Credits auf dem Buckel, zuletzt Highend-Fernsehen wie „The Lincoln Lawyer“, „Bosch Legacy“ oder „The Umbrella Academy“. Der Film markiert zugleich eine Rückkehr in ihre Heimat, zunächst an den berühmten Bondi Beach, dann weit, weit weg in die Outbacks, wo es um des Widerspenstigen Zähmung und um die Rettung des Nationaltiers Australien geht, oder genauer gesagt: Kängurujunge, die von ihren Müttern getrennt wurden, down under „Joeys“ genannt.

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„Lilly und die Kängurus“ (Credit: STUDIOCANAL)

Lose basiert der Film auf dem Leben von Chris „Brolga” Barns, dem Gründer des Kangaroo Sanctuary, der bereits im Mittelpunkt der sechsteiligen BBC-Dokuserie „Kangaroo Dundee“ aus dem Jahr 2013 stand und in seiner Heimat einen ebenfalls so klingenden Namen hat wie der auch hierzulande kultisch verehrte und 2006 tragisch verstorbene „Crocodile Hunter“ Steve Irwin. Sein Leben (und Lebenswerk) bildet aber nur einen groben Rahmen für eine fiktionale Geschichte, die im Grunde eine Fish-out-of-water-Story erzählt, von einem oberflächlichen und nur an Popularität interessierten TV-Moderator Chris Mastermind, dessen aufstrebende Karriere einen radikalen Absturz erlebt, nachdem er in einem vermeintlichen heroischen Akt versehentlich Verantwortung für den Tod eines Delfinjungen trägt. Auf der anderen Seite des Kontinents will er einen Neuanfang wagen, bleibt aber in dem winzigen Kaff Silver Gum hängen, wo ihm zunächst unverhohlene Ablehnung der Einwohner entgegenschlägt: Ein arrogantes Großstadt-Leichtgewicht wie er ist hier nicht willkommen. Erstmals kreuzen sich seine Wege mit der zwölfjährigen Lilly, als er bei der überhasteten Flucht aus Silver Gum zu allem Überfluss ein trächtiges Känguru überfährt und sich dessen unversehrten Jungen annimmt. Für Lilly sind Kängurus alles, sie erinnern sie an ihren jüngst verstorbenen Vater, dessen Verlust es der Einzelgängerin ganz zur Sorge ihrer liebenden Mutter unmöglich macht, sich in die Schulgemeinschaft einzufügen. 

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„Lilly und die Kängurus“ (Credit: STUDIOCANAL)

Um die aufkeimende Freundschaft der beiden Außenseiter wird es gehen, um ihre Annäherung und die daraus entstehende Erkenntnis, dass es weitergeht mit dem Leben, dass es gut sein kann, dass man seinen Frieden mit sich machen kann, auch wenn vielleicht nicht so, wie man es sich zunächst für ausgemalt hat. Die im Drehbuch von Harry Cripps mit grobem Pinselstrich und doch wunderbar empathisch gezeichneten Nebenfiguren packen Fleisch auf die Rippen der Erzählung. Jeder einzelne von ihnen wächst einem ans Herz. Und doch geht es immer um die beiden Figuren im Zentrum der Handlung, gespielt von Ryan Corr und der Entdeckung Lilly Whiteley in ihrer ersten Filmrolle – sowie eine stetig wachsende Schar von Kängurus, um die sie sich kümmern. Es gibt Humor und Slapstick, ein bisschen Drama und schließlich viel Emotion in dieser einfühlsamen Zeichnung eines australischen Lebens in Einklang mit der Natur und Solidarität füreinander. 

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„Lilly und die Kängurus“ (Credit: STUDIOCANAL)

Der deutsche Titel der ersten Produktion des neu gegründeten STUDIOCANAL-Ablegers  Cultivator Films Australia mag gezielt das Coming-of-Age-Wildlife-Erbauungskino eines Gilles de Maistre evozieren (siehe „Ella und der schwarze Jaguar“, siehe „Mia und der weiße Löwe“), was aus kommerzieller Hinsicht nachvollziehbar ist („Ella“ knackte im Januar 2024 die Mio.-Ticket-Marke), ist aber auch ein bisschen Ettikettenschwindel. Sollte er indes dazu führen, dass sich dadurch mehr Kinogehende motiviert fühlen, ein Ticket für diesen von Kate Woods punktgenau inszenierten Film zu lösen, diese gelungene Mischung aus Familienkomödie und aufrichtig empfundene Hommage an einen nachhaltigen Way of Australian Life, dann wollen wir das gelten lassen. Es ist ziemlich unmöglich, nicht vom Charme dieses schönen, kleinen Films überwältigt zu werden. 

Thomas Schultze