SmHJHX

Am Freitag, den 25.10. werden wir ab 15.00 Uhr bis ca. 18 Uhr umfangreiche technische Wartungsarbeiten durchführen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

REVIEW KINO: „Im Schatten des Orangenbaums“



Mit „Im Schatten des Orangenbaums“ ist Cherien Dabis ein hochaktueller Film gelungen, der sich dem Nah-Ost-Konflikt aus palästinensischer Sicht nähert. Hier lesen Sie unsere Besprechung.

CREDITS:
Land / Jahr: Zypern/Deutschland/Katar/Griechenland/Saudi-Arabien/Jordanien 2025; Laufzeit: 145 Minuten; Regie: Cherien Dabis; Drehbuch: Cherien Dabis; Besetzung: Cherien Dabis, Maria Zreik, Saleh Bakri, Adam Bakri, Mohammad Bakri, Dominik Mariner; Produktion: AMP Filmworks/Displaced Pic./Nooraluna Prod./Pallas Film/Red Sea Film Fund/ZDF/arte/Twenty Twenty Vision Filmprod.; Verleih: X Verleih / Warner Bros.

REVIEW:

Zu behaupten, „Im Schatten des Orangenbaums“ habe eine bewegte Produktionshistorie, wäre untertrieben. Während der Vorproduktion in Palästina ereigneten sich am 7. Oktober die Anschläge der Hamas auf Israel. Prompt musste die in den USA etablierte Regisseurin Cherien Dabis („Ozark“, „Only Murders in the Building“) ihre Arbeit nach Griechenland und Zypern verlegen. Man könnte es für tragische Ironie halten, dass ein Film über die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung nicht mehr in seiner geplanten Produktionsheimat entstehen konnte.

ImSchattenDesOrangenbaums c X Verleih AG x
„Im Schatten des Orangenbaums“ erzählt den Nah-Ost-Konflikt am Beispiel einer palästinensischen Familie (Credit: X Verleih)

Dabis übernimmt in dem Historiendrama auch die Hauptrolle der Mutter Hanan. Sie erzählt in der Rahmenhandlung des jordanischen Oscarbeitrags in der Kategorie „Bester Internationaler Film“ die Geschichte ihrer Familie und insbesondere die ihres verstorbenen Sohnes, der 1988 während der ersten Intifada erschossen wurde. Die episodisch strukturierte Erzählung beginnt 1948, als Großbritannien Palästina an Israel übergab. Dort setzt die Handlung beim Großvater des Toten an, einem Orangenbauern aus Jaffa, der seine Heimat verteidigen will. Er landet in einem Straflager, seine Familie flieht ins Westjordanland. Eine zweite Episode in den 1970er-Jahren beleuchtet, ob der Familie in ihrer neuen Umgebung ein Ankommen möglich gewesen wäre. Doch auch dort muss der Vater des später getöteten Sohnes mit der Willkür des israelischen Militärs ringen. Als er mit seinem Jungen auf der Straße angehalten wird, fällt der erste Dominostein einer politischen Radikalisierung innerhalb der Familie. Es folgt der Todesfall 1988, der die Zukunft der Angehörigen maßgeblich prägt – zumal der verstorbene Sohn zum Organspender wird und sein Herz in einem anderen Menschen weiterlebt.

Dass eine solche Geschichte in der heutigen Zeit unweigerlich politisch aufgeladen rezipiert wird, lässt sich kaum abstreiten. Unter den diesjährigen Filmen wie „The Voice of Hind Rajab“ oder „Palestine 36“, die Palästina in den Fokus rücken, sticht „Im Schatten des Orangenbaums“ hervor, weil es im Kern um das Verständnis einer Kohärenz des Konflikts geht. Die Frage steht im Raum: Wie konnte sich die politische Lage zwischen Israelis und Palästinensern auf persönlicher Ebene derart zuspitzen? Warum sind die Ressentiments so tief verankert? Der Film bewegt sich dabei auf einem schmalen Grat zwischen Rechtfertigung und historischem Zeugnis – er versteht sich eindeutig als Letzteres. Unter dem Motto „Menschlichkeit ist ein Zeichen des Widerstandes“ positioniert er sich klar gegen Gewalt. Ob das bloße Ertragen Trost spenden kann, muss vor allem die Mutter beantworten.

ImSchattenDesOrangenbaums c X Verleih AG x
„Im Schatten des Orangenbaums“ (Credit: X Verleih)

Cherien Dabis verleiht ihrer Figur tiefe Würde in einem aufgeheizten Umfeld, das wehmütig und voller Groll auf das Verlorene blickt. Dem Vater, dargestellt von Saleh Bakri, kann man seinen Hass kaum verübeln – nach Verlust von Heimat und Sohn weiß er selbst nicht mehr, gegen wen er ihn richten soll. Das israelische Militär, das im Film besonders schlecht wegkommt, könnte ihn jederzeit zum nächsten Opfer machen; politische Macht fehlt der palästinensischen Bevölkerung ebenfalls. So richtet sich der Zorn gegen eine unspezifische israelische Allgemeinheit. Die Chronologie der Kränkungen führt zu einer begründeten Xenophobie, die hier kein Kulturgut, sondern Konsequenz eines traumatischen Erlebens ist. Die Mutter hingegen verdrängt ihre Trauer, sie sehnt sich nach einem Neuanfang. Doch das Jahr 2023 und die Folgeereignisse zeigen  bedauerlicherweise, dass eine Verständigung zwischen den Völkern weiterhin in weiter Ferne liegt.

„Im Schatten des Orangenbaums“ verhandelt den Nahostkonflikt als Dilemma, das Einzelne innerhalb der Gesellschaft nicht lösen können. Das lässt sich als Appell an politische Entscheidungsträger verstehen: Wenn die Bevölkerung keine Lösungen mehr findet, müssen sie auf systemischer Ebene geschaffen werden. Diese jedoch bleibt im Film weitgehend ausgespart; die Täter aus den Reihen des israelischen Militärs erscheinen als austauschbare Fälle individueller Ausfälligkeit. Dass auch dort Politik gemacht wird, blendet der Film aus.

ImSchattenDesOrangenbaums c X Verleih AG x
Cherien Dabis brilliert als Regisseurin, Autorin und Schauspielerin (Credit: X Verleih)

Großen Wert legt „Im Schatten des Orangenbaums“ darauf, Palästina als konkreten Ort zu zeichnen. Die Bildsprache zeugt von tiefer Zuneigung zu Menschen und Landschaft – umso erschütternder, wenn man sich fragt, wie ein so idyllisch wirkender Ort über Jahrzehnte Schauplatz eines derart blutigen Konflikts sein konnte.

Eine Lösung für diesen festgefahrenen, hochkomplexen Konflikt bietet der Film nicht – und das ist auch nicht sein Ziel. Vielmehr legt Cherien Dabis ein eindringliches Zeugnis dafür ab, dass in Palästina Menschen leben, die nichts mehr wollen, als ihr Leben ungefährdet zu führen, denen dies jedoch durch eine politische Situation verwehrt bleibt, für die sie sich nicht entschieden haben.