Konsequent-packender Paranoiathriller über einen jungen Syrer, der als Mitglied eines Netzwerks, das in Europa flüchtige Kriegsverbrecher zur Strecke bringen will, in Straßburg seinen Folterknecht von einst aufgestöbert haben will.
FAST FACTS:
• Verschwörungsthriller in der Tradition von „Der Dialog“, „Blow Out“ und „Das Leben der Anderen“
• Sensationelles Spielfilmdebüt des französischen Filmemachers Jonathan Millet
• Weltpremiere als Eröffnungsfilm der Sémaine de la Critique des 77. Festival de Cannes
• Zahlreiche Festivalteilnahmen und Auszeichnungen, unter anderem in Busan, Kairo, Chicago, London sowie Französische Filmtage in Tübingen
• Internationale Koproduktion mit Nikofilm (Nicole Gerhards) als deutscher Produktionspartner
CREDITS:
O-Titel: Les Fantômes; Land / Jahr: Frankreich, Deutschland, Belgien 2024; Laufzeit: 106 Minuten; Regie: Jonathan Millet; Drehbuch: Jonathan Millet, Florence Rochat; Besetzung: Adam Bessa, Tawfeek Bahom, Julia Franz Richter, Halab Rajab; Verleih: ImmerGuteFilme; Start: 13. März 2025
REVIEW:
Manchmal gibt es kaum eine intensivere Seherfahrung im Kino als das Hören. In Coppolas „Der Dialog“ gerät Gene Hackman in eine Glaubenskrise, weil er befürchtet, dass ein Pärchen, das er abhören soll, ermordet werden könnte. In DePalmas „Blow Out“ wird John Travolta von einer zufällig erstellten Audio-Aufnahme, auf der er einen Mord zu hören glaubt, in den Wahnsinn getrieben. In Henckel von Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ entdeckt Ulrich Mühe wider Erwarten seine Menschlichkeit beim Abhören verdächtiger Zielpersonen. In diese Ahnenreihe von lupenreinen Filmklassikern gesellt sich der erste Spielfilm des französischen Dokumentarspezialisten Jonathan Millet, angereichert um eine aktuelle politische Komponente, ein, sagen wir, wie’s ist, sensationell guter Thriller, der in seinem Spannungsszenario zwischen „München“ und „Der Tod und das Mädchen“ ganz grundlegende existenzielle Dinge verhandelt, sich intensiv befasst mit Rache, Vergebung, Schuld und Selbstjustiz und dabei einfache Antworten verweigert.

Hier ist es der von Adam Bessa („Harka“) gespielte junge Syrer Hamid, den der Akt des Hörens mit seinen eigenen Ohren in seinen Grundfesten erschüttert: Er selbst war im Foltergefängnis Sednaja, kann sich mit dem ihm Widerfahrenen aber erst wirklich auseinandersetzen, als er über Kopfhörer Aufnahmen anderer Insassen hört, die dem sadistischen Folterknecht Harfaz, Branchenname „Der Chemiker“, ausgeliefert waren. Einst war Hamid Lehrer, hatte er Frau und Tochter, ein Leben. Jetzt hat er nur noch letzteres, und auch davon nicht mehr viel. Als der Film beginnt, wird er mit anderen Leidensgenossen von syrischen Militärs in die Wüste gefahren und dort sich selbst überlassen. Ob die anderen überleben, erfährt man nicht. Zwei Jahre später jedenfalls ist Hamid in Straßburg, ein drahtiger junger Mann mit eingefallenem Gesicht, ein Schatten seiner selbst, ein Geist in seinem eigenen Leben, unter falschem Namen, ohne Identität und soziale Kontakte, abgesehen von Videocalls mit seiner Mutter in einem libanesischen Flüchtlingslager, der er vorlügt, er sei in Berlin und baue sich dort ein neues Leben auf. Seinen durch Säureverätzungen vernarbten Rücken sehen wir nie frontal, und erst als eines der Opfer die Foltervorlieben des „Chemikers“ thematisiert, ahnen wir, was ihm widerfahren ist, sehen von der Seite, dass die Hinterseite seines Rückens einer Mondlandschaft gleicht.

Tatsächlich hat Hamid sich der Yaqaza-Zelle angeschlossen, ein Untergrundnetzwerk aus Zivilisten, die flüchtige Kriegsverbrecher des syrischen Regimes verfolgen und der Justiz ausliefern. Sie kommunizieren aus verschiedenen europäischen Städten beim gemeinsamen Videogaming miteinander. Wir lauschen ihren Debatten, während man in dem Egoshooter einen Soldaten von hinten sieht, der sich seinen Weg durch eine brennende Wüstenstadt bahnt. Besagter Folterknecht Harfaz ist aktuell ganz oben auf der Liste von Verbrechern, die sie zur Strecke bringen wollen: Ein unscharfes Foto ist der einzige Hinweis auf sein Aussehen. Die Gefolterten trugen immer einen Sack über den Kopf, haben ihn nie gesehen, nur gehört. Mehrfach ist er den Aktivisten durch die engen Maschen ihres Netzes geschlüpft. Eine heiße Spur führt jetzt nach Hamburg, nur Hamid ist überzeugt, ein junger Araber in Straßburg sei der Gesuchte. Die anderen wiegeln ab, er lasse sich von seinen Emotionen lenken. Und ganz lässt sich das auch nicht von der Hand weisen. Mit wachsender Obsession observiert Hamid den Verdächtigen, folgt ihm auf Schritt und Tritt, umkreist ihn, nähert sich ihm von hinten und saugt seinen Duft ein – einer von drei jeweils entscheidenden Momenten im Film, in denen ein anderer Mensch Hamid ganz nahekommt. Er ist überzeugt, den Richtigen gefunden zu haben.

Wiederholt trifft er sich mit einer jungen Frau aus dem Netzwerk im Park, gespielt von Julia Franz Richter, die aktuell mit „Pfau – Bin ich echt?“ im Kino zu sehen ist und auf der Berlinale mit Rollen in dem Panorama-Eröffnungsfilm „Welcome Home Baby“ und dem Wettbewerbstitel „Mother’s Baby“ einen großen Aufschlag hatte. Sie gehört auch der Zelle an, lässt sich nach und nach von Hamid anstecken. Aber erst als Hamid sich nach etwa der Hälfte der Laufzeit an einen Mensatisch zu dem von Tawfeek Barhom aus „Die Kairo Verschwörung“ gespielten Verdächtigen setzt, zieht der Film die Schlinge zu, verdichtet sich das bislang hypothetische Rätselspiel zum Politthriller, zum Katz-und-Mausspiel, setzt sich seine Handlung in Bewegung, als habe er nur darauf gewartet, den ersten Dominostein anzustoßen. Und doch wird „Die Schattenjäger“ nie eindeutig und schon gar nicht platt, wenn er seine Handlung auch nach Berlin und Beirut verlegt, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, die sich dann in ganz anderen Konsequenzen manifestiert, als man zunächst erwartet. Weil es Jonathan Millet in seinem mit Florence Rochat geschriebenen Drehbuch darum geht, in der Konfrontation mit dem unaussprechlich Unmenschlichen das Menschsein nicht aus den Augen zu verlieren. Der Film war Eröffnungsfilm der letztjährigen Sémaine de la Critique des 77. Festival de Cannes. Er wäre auch in der Sélection officielle gut aufgehoben gewesen, das hätte seine internationale Sichtbarkeit erhöht. Wollen wir hoffen, dass er ein Publikum findet. Weil er große Klasse ist, von der ersten Szene bis zur mit Bedacht gewählten Abblende. Was man sieht, ist ohrenbetäubend laut, mit einem Soundkostüm, das unter die Haut geht.
Thomas Schultze