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REVIEW KINO: „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“


In seinem letzten Film adaptiert Wolfgang Becker den Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“, in dem ein Hochstapler plötzlich zum Helden wird. Am 02.12. feierte er seine Premiere in Berlin, ab dem 11.12. läuft der Film in den deutschen Kinos. Hier unsere Besprechung.

CREDITS:
Land / Jahr: Deutschland 2025; Laufzeit: 113 Minuten; Regie: Wolfgang Becker; Drehbuch: Wolfgang Becker, Constantin Lieb; Besetzung: Charly Hübner, Christiane Paul, Leon Ullrich, Leonie Benesch, Thorsten Merten; Verleih: X Verleih; Start: 11. Dezember 2025

REVIEW:
„Ich schau mich um und seh‘ nur Ruinen“ tönt es aus den Lautsprechern und versetzt die Zuschauer zumindest musikalisch mit „Paul ist tot“ von Fehlfarben in die 80er. Visuell befinden wir uns allerdings in einer angestaubten Videothek in der Gegenwart, jenem Relikt vergangener Zeiten, das heute beinahe ausgestorben ist. Darin torkelt gerade Micha Hartung (Charly Hübner) aus dem Bett, nicht ahnend, dass er schon bald zum Helden wider Willen wird. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls sucht ein Journalist (Leon Ullrich) noch nach einer passenden Story und landet bei Micha. Der soll nämlich die größte Massenflucht der DDR als Mastermind geplant und durchgeführt haben: 1984 fuhr eine Bahn durch eine falsch gestellte Weiche mit 127 Fahrgästen in den Westen – angeblich war es der Videothekenbesitzer, der für die Weichenstellung verantwortlich war. Der will sich eigentlich nicht dazu äußern, denn – so viel darf verraten werden – die Geschichte ist weder in der Realität des Films noch in unserer Realität so passiert.

Doch der Journalist strickt eine Geschichte, die die Menschen mitreißt, sogar zum Weinen bringt. Schnell wird Micha in Talkshows und sogar beim Bundespräsidenten zum Abendessen eingeladen, Buchdeals werden ihm angeboten… Für den nicht gerade in Geld schwimmenden Hochstapler erweist sich das Ganze als überraschend lukrativ. Und dann trifft er auch noch Paula (Christiane Paul), die sich bei ihm bedankt, ihr damals zur Flucht verholfen zu haben und schnell zu mehr als nur einer Freundin wird. So verstrickt sich Micha immer weiter in ein Netz aus Lügen und Halbwahrheiten, ganz nach dem Motto „Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat“.

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Katharina Witt und Charly Hübner in „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ (Credit: X Verleih AG, Frederic Batier)

Im Gegensatz zu vielen anderen Werken rund um die deutsche Geschichte, basiert „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ weder auf wahren Begebenheiten, noch spielt der Film in der Vergangenheit. Stattdessen setzt er sich mit Themen wie Erinnerungskultur und der Wirkung der Medien in unserer Gegenwart auseinander – und wirkt dadurch absolut zeitgemäß. Die Zuschauer erleben mit, wie ein unscheinbarer Mann schnell zum Helden der Nation wird und (fast) alle Menschen seine Geschichte, ohne sie zu hinterfragen, für bare Münze nehmen. Auch der Journalismus kommt in dem Film, der unter anderem als feine Mediensatire fungiert, nicht immer gut weg. So beteiligt sich der Journalist, der den nicht gerade wahrheitsgetreuen Artikel über Micha geschrieben hatte, nur zu gerne an dessen plötzlichen Ruhm. Doch diese Geschichte würde nur halb so gut funktionieren, wären da nicht Charly Hübner und Wolfgang Becker. Hübner verkörpert Micha mit wahnsinnig viel Charme und lässt die Loser-Figur zu einem echten Sympathieträger werden, dessen Beweggründe durchaus nachvollziehbar sind. Und auch das macht den Film so interessant, denn er regt das Publikum ebenfalls zum Nachdenken an: Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wie man selbst in seiner Situation gehandelt hätte. Wäre man vielleicht auch bereit, sich in ein Dickicht aus Halbwahrheiten ziehen zu lassen, wenn man einmal in Geldnot steckt?

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Christiane Paul und Charly Hübner in „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ (Credit: X Verleih AG, Frederic Batier)

Inszeniert wurde diese Geschichte mit unfassbar viel Herzblut und Liebe für die Figuren von Wolfgang Becker. Für den 70-Jährigen handelte es sich erst um seinen fünften Langfilm fürs Kino – kurz nach den Dreharbeiten starb er an den Folgen einer schweren Krankheit. Fertiggestellt wurde der Film dann von Achim von Borries, der hier ebenfalls lobend hervorgehoben werden muss. Denn zu jeder Sekunde fühlt sich „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ wie ein Wolfgang-Becker-Film an, der sich hier, wie schon in „Good Bye, Lenin!“ mit der Ost-West-Thematik beschäftigt und dabei eine ganz alltägliche Geschichte in den Mittelpunkt stellt. So mäandert er etwas durch seine Handlungsstränge, wird mal zur Liebesgeschichte mit doch etwas zum Fremdscham verleitenden Dialogen, dann wieder zur Story eines ehemaligen Aktivisten, der nur noch durch Schulen tingelt, dessen Meinung sonst aber nicht mehr besonders gefragt ist. So fügen sich hier ganz verschiedene Teile und Perspektiven auf die Thematik zu einem Ganzen zusammen und es gelingt ein überaus facettenreiches Werk. Es geht hier nicht um Aufstieg und Fall eines Helden – stattdessen präsentieren Becker und seine Mitstreiter eine versöhnliche Geschichte, die mit viel Humor zum Nachdenken über zutiefst relevante Themen einlädt.

Lea Morgenstern