Ernüchternder Dokumentarfilm, der elf Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, wie sie die Zeit im Dritten Reich erlebt haben.
FAST FACTS:
• Einzigartiges Zeitdokument, in dem hoch betagte Menschen erstmals ihr Schweigen brechen und vom Leben im Dritten Reich erzählen
• Ausgezeichneter Begleitfilm zu Produktionen der jüngeren Vergangenheit wie „Zone of Interest“, „Amrum“, „Deutsches Haus“ oder „Occupied City“
• Premiere bei den 59. Hofer Filmtagen
CREDITS:
Land / Jahr: Deutschland 2025; Laufzeit: 144 Minuten; Regie & Drehbuch: Patricia Hector & Lothar Herzog; Verleih: ImFilm; Start: 6. November 2025

REVIEW:
Zeugnis ablegen. Nach dem Ende der Apartheid in Südafrika treffen bei den Hearings der Truth and Reconciliation Commission die Opfer der Verfolgung im Sinne nationaler Versöhnung auf ihre Verfolger und Folterknechte und erzählen von ihren Erlebnissen. Beim Prozess gegen den rechtsradikalen Massenmörder Anders Behring Breivik treten in Oslos Überlebende und die Familien der Opfer in den Zeugenstand und erzählen, was ihnen wiederfahren ist. Für sein einzigartiges Mammutwerk „Shoah“ versammelt Claude Lanzmann 15 Überlebende des Holocaust und lässt sie in die Kamera berichten, was ihnen widerfahren ist in den Vernichtungslagern des Dritten Reichs. Zeugnis abzulegen, ist wichtig, ist essenziell, ist unverzichtbar. Zeugnis abzulegen, ist Dokumentation, Mahnung, Therapie. Spielt eine wichtige Rolle wider das Vergessen, hat eine reinigende Wirkung. Wer Zeugnis ablegt, lässt andere Menschen teilhaben, macht die persönliche Vergangenheit zum Allgemeingut. In „Das Ungesagte“ legen elf Menschen Zeugnis ab, geboren zwischen 1920 und 1936, brechen das Schweigen. Erzählen in fünf Kapiteln in die Kamera von Patricia Hector und Lothar Herzog („1986“), was sie noch nie erzählt haben, auch ihren Familien nicht, von ihrer Kindheit im Nationalsozialismus, vom Antisemitismus, vom Krieg, von Scham und Schuld. Und wie das alles sein konnte, das Unfassbare, das jetzt, 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder so erschreckend greifbar erscheint. Weil eine Gesellschaft, die nicht aus der Vergangenheit lernen will, dazu verdammt ist, sie zu wiederholen.

Es ist ein vermeintlich schlicht gestalteter Film, ist aber nie ein schlichter Film. Die Filmemacher besuchen ihre Gesprächspartner bei sich zu Hause und lassen sie erzählen. Unterschnitten werden die Gespräche mit privaten Fotos der Zeit, Memorabilien, die man behalten hat, und – sagenhaft! – persönlichen Filmaufnahmen sowie modernen Ansichten der Orte, von denen erzählt wird. Nur manchmal greifen die Filmemacher ein, fragen noch einmal nach oder antworten auf Fragen der Erzählenden. Ein bisschen erinnert der Ansatz an „Shoah“, der indes auf jede Form von Archivmaterial verzichtet hatte. Mehr noch muss man an Steve McQueens epochale Dokumentation „Occupied City“ denken, die die Besetzung von Amsterdam durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg nacherzählt. Schon die Disney+-Miniserie „Deutsches Haus“ legte vor zwei Jahren dar, dass sich nach dem Ende der Nazi-Herrschaft, dem Ende des Krieges ein kollektiver Mantel des Schweigens über das Land gelegt hatte, kraftvoll gewoben aus Traumata und Scham. Die Männer, die von den Schlachtfeldern heimkehrten, behielten für sich, was sie gesehen und getan hatten. Und gingen damit einen Schulterschluss mit dem Rest der Gesellschaft ein, die vergessen wollte, dass jüdische Nachbarn von einem Tag auf den anderen deportiert worden waren, und nichts davon gewusst haben wollte, was in den Konzentrationslagern geschehen war. Die gemeinschaftliche Amnesie mag das Wirtschaftswunder mit möglich gemacht haben, erweist sich aber bis heute als lähmendes Gift.

In „Das Ungesagte“ wird das Ungesagte ausgesprochen. Man verfolgt mit, wie die teilweise mehr als 100 Jahre alten Männer und Frauen mit sich ringen, manche unverändert verdrängen, andere messerscharf analysieren. Es ist eine heterogene Gruppe, mit unterschiedlichsten Erfahrungen, und doch einen sie die verblüffend klaren Erinnerungen an diese Zeit, wie man in den Großstädten ebenso wie in den Gemeinden in der Provinz mitgerissen wurde von der Begeisterung, dem Versprechen, Deutschland zum größten Land der Welt zu machen, auf das man wieder stolz sein konnte. Wie man sich außer Stande fühlte, sich gegen Entwicklungen, die man ablehnte, zur Wehr zu setzen. Was man erlebt hat, gefühlt hat, empfunden hat. Wie man Zeuge abscheulicher Verbrechen und teilweise selbst zum Verbrecher wurde. Als Gegengewicht kommen jüdische Überlebende zu Wort, wie wiederum sie die Zeit erlebt haben, und so setzt sich ein sehr greifbares Bild zusammen vom Leben in Deutschland vor bald 100 Jahren, das gar nicht so anders ist wie unser Leben: Man spielt miteinander, lacht miteinander, freundet sich an, verliebt sich, gründet Familien, hat Träume und Wünsche. Und doch ist alles grundlegend anders, weil unter den Augen der Menschen die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen werden, teilweise mit der Hilfe und Unterstützung der Gruppe betagter Herrschaften, die die Größe besitzen, endlich über das zu reden, was war – auch wenn klar ist, dass vieles unverändert unaufgearbeitet ist. Wenn auch unklar bleibt, wie reinigend es für sie war, sich vor der Kamera zu öffnen, ist die Erkenntnis für den Zuschauenden von elementarer Bedeutung.
Thomas Schultze