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REVIEW KINO: „Das perfekte Geschenk“


Bissige französische Gesellschaftssatire über das Schenken und Beschenktwerden zu Weihnachten und eine Familie, die beides verlernt hat. 

CREDITS: 
O-Titel: Les Cadeaux; Land/Jahr: Frankreich 2024; Laufzeit: 84 Minuten; Drehbuch: Raphaële Moussafir, Stéphane Kazandjian; Regie: Raphaële Moussafir, Christophe Offenstein; Besetzung: Camille Lellouche, Chantal Lauby, Gérard Darmon, Mélanie Doutey, Vanessa Guide, Gringe, Max Boublil, Tom Beeb, Liliane Rovère; Verleih: Neue Visionen; Start: 13. November 2025

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„Das perfekte Geschenk“ von Raphaële Moussafir (Credit: Neue Visionen)

REVIEW:
Dieser Film ist das perfekte Geschenk für Menschen, die immer noch an den Weihnachtsmann glauben und eines Besseren belehrt werden müssen, eine Art Feelbad-Komödie über Konsumzwang und fehlende Empathie, eine nüchterne und ernüchternde Weihnachtsfarce darüber, wie kurzsichtige Kaufentscheidungen nachhaltig menschliche Beziehungen zerstören und statt schöner Erinnerungen nur Stress und Traumata verursachen, und das alles wird erzählt am Beispiel einer gut situierten, emotional versteinerten Familie mit Nachnamen Stain. „Ein Geschenk ist wie ein schlechter Witz: Man kriegt etwas Furchtbares, und soll sich auch noch darüber freuen“, klagt die Protagonistin Charlotte (gespielt von einer schlagfertigen Camille Lellouche) gleich am Anfang ihrem Psychiater (Jean-Jacques Vanier), bei dem im Folgenden noch weitere Angehörige auf der Couch landen – die Therapiesitzungen sind sozusagen der dekorativ um den Film herumgewickelte rote Faden. 

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„Das perfekte Geschenk“ von Raphaële Moussafir (Credit: Neue Visionen)

Charlotte hat den Ruf des ewigen Singles, sie ist zugleich die Einzige in der Familie, die auf gar keinen Fall beschenkt werden möchte. Ihr Wunsch wird beharrlich missachtet, indem ihr alle Jahre wieder die gleiche Single-Bettwäsche für Einzelbetten beschert wird, die nun demütigend auf ihrer Doppelbettmatratze liegt. An ihrem Geburtstag, der zu allem Übel zwei Tage vor Weihnachten stattfindet, wird sie von Freund:innen und Kolleg:innen zu einer Überraschungsparty genötigt. Sie ist gezwungen, Dildos in diversen Varianten auszupacken und den Auftritt eines Strippers (Tom Leeb) zu erdulden, den sie daraufhin als Begleiter zum Weihnachtsessen bei ihren Eltern engagiert, der neurotischen Françoise (Chantal Lauby) und dem hypochondrischen Michel (Gérard Darmon). Unterdessen gerät ihre gestresste Schwester Julie (Mélanie Doutey) in der Shoppingmall mit ihrem Mann Adrien (Gringe) in Streit über einen gut gemeinten Pullover mit Schulterpolstern und steht dadurch kurz vor dem Fest der Liebe kurz vor der Trennung. Ihr Bruder Jérôme (Max Boublil) wiederum will mit seiner neuen Freundin Eindruck schinden, der superangesagten und supernaiven Popsängerin Océane (Vanessa Guide), die beharrlich in jedes Fettnäpfchen tritt. 

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„Das perfekte Geschenk“ von Raphaële Moussafir (Credit: Neue Visionen)

Der satirische Übermut des Films gipfelt darin, dass Océane einer jüdischen Tante (Liliane Rovère) ein Liedchen über den Holocaust vorsingt, das sie mit dem einprägsamen Titel „Tochter von Birkenau“ für sie geschrieben hat, weil ein Buchhändler davon abgeraten hatte, einer Holocaust-Überlebenden „Das Tagebuch der Anne Frank“ zu schenken. Raphaële Moussafir, bislang vor allem bekannt als Drehbuchautorin, scheut bei ihrem Regiedebüt kein Tabu und keine Geschmacklosigkeit, wofür sich ihr brillanter Cast aus prominenten Film- und Comedy-Größen mit sichtlicher Spielfreude bedankt. In der dialoglastigen Inszenierung nach dem Vorbild gesellschaftskritischer Ensemblekomödien wie „Le Prénom“ liefern die Darsteller fabelhaft fiese Darbietungen französischen Humors, insbesondere in der ersten Hälfte, in der einige pointenreiche Szenen beinahe wie in einer Christmas-Variety-TV-Show aneinandergereiht werden. Die Familienmitglieder ziehen direkt und unverblümt übereinander her, mit Vorliebe in Gegenwart irritierter Verkäufer:innen, von denen sie mit verstörender Selbstverständlichkeit verlangen, passende Präsente für Töchter, Schwestern oder Tanten zu finden, da sie es offenbar aufgegeben haben, sich selbst darüber Gedanken zu machen. Man schickt sich neckische Sprachnachrichten, anstatt miteinander zu reden, die Entfremdung und Berührungsängste sind so vorherrschend, dass die Figuren in jedem Moment, in dem man eine Umarmung oder zärtliche Geste erwarten würde, gefühlt einen Schritt zurücktreten.

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„Das perfekte Geschenk“ von Raphaële Moussafir (Credit: Neue Visionen)

Selbst der Psychiater wendet sich resigniert von seinen Patient:innen und ihren überdramatisierten, oberflächlichen First-World-Problemen ab, zeigt wie das Drehbuch wenig Interesse an deren seelischen Befindlichkeiten und straft sie mit Ignoranz. In einem überraschenden Moment der Aufrichtigkeit empfiehlt er schließlich dem depressiven 75-jährigen Michel, der überzeugt davon ist, dass ihn an Heiligabend der Schlag treffen wird, sich nicht so ernst zu nehmen. „Um Angst loszuwerden, müssen Sie Freude empfinden“, lautet der therapeutische Ratschlag, der in der zweiten Hälfte dazu führt, dass sich Michel im Hintergrund rührend darum bemüht, sich selbst und die Menschlichkeit zu retten. Am Ende wird das Zusammenrücken der Familie scherzhaft durch die Verdauungsprobleme einer Großtante erschwert, weil der Film sich und seine Themen letztlich auch nicht so richtig ernst nimmt, womit er ein bisschen zum Teil des Problems wird, das er eigentlich anprangert.

Corinna Götz