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REVIEW KINO: „Conjuring 4: Das letzte Kapitel“


Vierter, letzter und bester Teil der Originalfilmreihe des Horror-Franchise, in dem die paranormalen Ermittler Ed und Lorraine Warren im Jahr 1986 bei der Untersuchung des Falls der von Dämonen heimgesuchten Smurl-Familie auf ihren Endgegner treffen.

CREDITS: 
O-Titel: The Conjuring: Last Rites; Land/Jahr: USA 2025; Laufzeit: 130 Minuten; Drehbuch: Ian Goldberg, Richard Naing, David Leslie Johnson-McGoldrick; Regie: Michael Chaves; Besetzung: Vera Farmiga, Patrick Wilson, Mia Tomlinson, Ben Hardy, Steve Coulter, Rebecca Calder, Elliot Cowan, Kíla Lord Cassidy, Beau Gadsdon, John Brotherton, Shannon Kook; Verleih: Warner Bros. Pictures; Start: 4. September 2025

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„Conjuring 4 – Das letzte Kapitel“ (Credit: Warner Bros.)

REVIEW:
„Seeing is believing“ lautet das erste Gebot des „Conjuring“-Franchise, das seit 2013 mit konstanter Regelmäßigkeit und ebenso ziemlich konstantem Erfolg im Horror-Genre die unglaublichsten Wahrheiten heraufbeschwört: die angeblich auf tatsächlichen Begebenheiten aus den 70er- und 80er-Jahren beruhenden, schauerlichen Fälle des berühmt-berüchtigten, erzkatholischen amerikanischen Dämonenjäger-Duos Ed und Lorraine Warren. „Based on a true story“ ist das wesentliche Merkmal der Reihe und ihr spezieller Gruselfaktor, der bis zum Exodus auf die Spitze getrieben wird. Kritische Betrachter sehen den wahren Horror aber noch eher in der Glorifizierung der Helden und deren reaktionärem Gedankengut. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass die echten Warrens Betrüger und Scharlatane waren, die wissentlich die Mental-Health-Issues Schutzbedürftiger ausnutzten, um ihre pseudowissenschaftlichen Bücher zu verkaufen. Zudem soll der 2006 verstorbene Ed Warren pädophil gewesen sein, und – wie Interview- und Talkshow-Aufnahmen nahelegen – mitnichten der ruhige, gelassene, attraktive Familienvater, den Patrick Wilson mit markanten Koteletten vor der Kamera verkörpert. Die Warrens auf der Leinwand sind gute Menschen, die sich bemühen, das Richtige zu tun und sich freiwillig in Gefahr begeben, ein glücklich verheiratetes, konservatives Ehepaar – und auf die Chemie zwischen Patrick Wilson und Vera Farmiga als nervöse Hellseherin im zugeknöpften Stil einer schottischen Adeligen kann sich das Franchise verlassen wie auf das Amen in der Kirche.

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„Conjuring 4 – Das letzte Kapitel“ (Credit: Warner Bros.)

Ebenso zuverlässig ist Grusel-Mastermind James Wan, der seit dem zweiten Teil mit seinem Studio Atomic Monster auch als Produzent verantwortlich zeichnet. Als Regisseur der ersten beiden Filme prägte er dessen DNA: eine oldschool Slow-Burn-Inszenierung mit geradliniger Dramaturgie, irritierenden Kamerawinkeln und Soundeffekten, einer verschwörerischen „Akte X“-Stimmung, aufdringlicher religiöser Symbolik, zahlreichen Schockmomenten, wenig Blut, inspiriert von „Der Exorzist“, „Amityville Horror“, „Das Omen“ und „Poltergeist“. Das alles eskaliert nun in epischem Ausmaß im letzten Kapitel, für das eine besonders spektakuläre Urban Legend ausgegraben wurde, die sich zu einer so dermaßen verstörenden und persönlichen Angelegenheit entwickelt, dass Ed und Lorraine ihre Arbeit anschließend einstellen werden. Es geht um nichts Geringeres als eine teuflische Vendetta, und es geht um das Schicksal von Jack und Janet Smurl, die 15 Jahre lang behaupteten, von einem Dämon in ihrem Haus in West Pittston, einem Vorort von Pennsylvania, geplagt zu werden, der sich unter anderem an einer ihrer vier Töchter vergangen haben soll. Der Spuk erhielt durch die Einbeziehung der Warrens, der Veröffentlichung eines Buchs und der Mystery-Romanze „Haunted – Haus der Geister“ mit Aidan Quinn und Kate Beckinsale von 1995 mediale Aufmerksamkeit. Obwohl die Story also in vielerlei Hinsicht bekannt ist, übertrifft „Conjuring 4“ mit ungeahnten Plot Twists die Erwartungen – und mit einem Maskenbild, das möglicherweise sogar hartgesottenere Gemüter bis in den Schlaf verfolgt.

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„The Conjuring: Das letzte Kapitel“ (Credit: Warner Bros.)

In der anfänglichen Rückblende ins Jahr 1964 sieht man Ed und eine hochschwangere Lorraine (hier gespielt von Orion Smith und Madison Lawler) bei ihrer ersten Begegnung mit einem Dämon, die zunächst dazu führt, dass ihre Tochter Judy unter so unheimlichen Umständen zur Welt kommt, dass einem noch bei der Erinnerung daran das Blut in den Adern gefriert. Eine Sequenz, die zugleich klarstellt, wer im Mittelpunkt der Geschichte stehen wird. Diese beginnt 1986 zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Warrens (nach Eds Herzinfarkt in „Conjuring 3: Im Bann des Teufels“) aus dem aktiven Exorzismus-Geschäft zurückgezogen haben und schlecht besuchte Vorträge an Universitäten halten. Der Hype um William Friedkins Meisterwerk, dem sie letztlich ihren Ruhm verdanken, ist vergessen, die Studenten halten sie für Möchtegern-„Ghostbusters“, und so konzentrieren sich die beiden lieber auf Tochter Judy (Mia Tomlinson) und deren Verlobung mit dem schüchternen, arbeitslosen Ex-Polizisten Tony (Ben Hardy). Judy trägt die gleichen romantischen Blusen, hat die gleichen Instinkte und eine ähnliche seherische Veranlagung wie ihre Mutter. Während diese ohne Rosenkranz und Kruzifix keinen Dachboden und keine Kellertreppe betritt, hat Judy einen „Lucy Locket“-Kinderreim gelernt, der ihre Visionen beruhigen soll. Doch das Böse schläft nicht, es wartet auf den Showdown mit den Warrens in einer düsteren Suburbia-Hölle mit übelster Luftverschmutzung: im Haunted House der Familie Smurl, unter dessen Dach es so lebendig zugeht wie in einer Episode der (unterschätzten) spirituell verwandten Serie „Evil“, in der die vier Töchter der Hauptfigur ständig durcheinander reden – genauso fühlt sich die immersive Atmosphäre in diesem Moment an, wobei der Eighties-Look der Figuren, die Needledrops und die verstreuten Hinweise auf bevorstehende freakige Ereignisse an Oz Perkins‘ „The Monkey“ erinnern (den James Wan ebenfalls produzierte). Das Lachen vergeht schnell, wenn das Grauen die älteren Smurl-Schwestern heimsucht und bis zum buchstäblichen Erbrechen ausgereizt wird.

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„The Conjuring: Das letzte Kapitel“ (Credit: Warner Bros.)

Man wird sich nach dem Kinobesuch eine Weile davor fürchten, in einen Spiegel zu sehen oder nachts das Licht auszuschalten – etwa so, wie es einem eben erst nach „Weapons – Die Stunde des Verschwindens“ erging, wenngleich Zach Creggers oder auch Oz Perkins‘ blutige Fantasien origineller, exzentrischer, tiefgründiger sind. „Conjuring 4“ bleibt seinem Retro-Charakter treu, zieht im Rahmen dessen alle Register, vor allem dann, wenn man nicht damit rechnet. Dank der deutlich von James Wan beeinflussten Handschrift von Regisseur Michael Chaves, der bereits im dritten Teil seine Experimentierfreude bewies, und des smarten Drehbuchs von David Leslie Johnson-McGoldrick (seit „Conjuring 2“ dabei), Ian Goldberg und Richard Niang („The Nun II) stimmt die Balance zwischen vertrauten und neuen Elementen. Alle ikonischen Symbole und Figuren kehren zurück, einschließlich der Mörderpuppe Annabelle, alles ist topnotch und präzise, mitunter klingt ein subversiver Unterton mit, wenn sich der Teufel in einem in Öl gemaltem John-Wayne-Porträt im Keller der Smurls versteckt oder die Gestalt eines Hillbilly-Axtmörders annimmt. Der wohl niederträchtigste Horror verbirgt sich im Ankleidezimmer eines Brautmodengeschäfts, das ausschließlich aus Spiegelwänden besteht und das Publikum mit einer weiteren creepigen Andeutung sexuellen Missbrauchs in Schockstarre versetzt. Auch wenn man sich eine Steigerung dämonischer Perversion nicht vorstellen möchte und ein Hauch von Endgültigkeit wie der Atem des Todes den Film durchweht, erzählt dieser vermutlich doch nicht das letzte Kapitel (es gibt Spekulationen über „The Nun III“, „Annabelle 4“ und eine „Conjuring“-Serie). Vielmehr handelt es sich um eine Schlüsselübergabe, einen Generationenwechsel, einen glorreichen Abgesang auf zwei Helden, die längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind.

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„The Conjuring: Das letzte Kapitel“ (Credit: Warner Bros.)

Offenbar haben sich die Filmemacher jedes Memo des Diversitätsmanagements und jede Kritik zu Herzen genommen. Der Katholizismus ist nicht länger zentraler moralischer Kompass und Motor der Handlung, selbst der beherzte Einsatz von Weihwasser und der Auftritt von Pfarrer Gordon (Steve Coulter) sind machtlos gegen das Unheil, das Ed und Lorraine heraufbeschworen haben und von dem sie eingeholt werden, als sei Satans Rache die Strafe Gottes. „Conjuring 4“ erzählt tatsächlich eine wahre Geschichte – die wahre Geschichte von Ed und Lorraine Warren als Spiegelbild des Bösen. Auch das schräge Frauenbild des Franchise wird damit geradegerückt: Waren die Opfer des Paranormalen bislang meist emotional instabile Mütter, lassen sich nun nicht einmal gepeinigte Teenagerinnen von der vorherrschenden „Satanic Panic“ unterkriegen. Ihre vermeintlichen männlichen Retter sind größtenteils passiv oder verwirrt. Ed Warren fungiert vorrangig als Erzähler seiner eigenen Legende, die er an seinen Schwiegersohn in spe weitergibt (um gleichzeitig Zuschauer, die nicht zur Fangemeinde gehören, mit den Hintergründen vertraut zu machen), und steht dabei augenzwinkernd mit der Küchenschürze am Herd. Der überraschendste Effekt von „Conjuring 4: Das letzte Kapitel“ ist vielleicht der, dass man (als Skeptikerin) die Sache nicht mehr ganz so sehr verteufelt wie zuvor. James Wan, der in einem Interview erklärte, dass er den Glauben an das Paranormale nicht für unmöglich hält, geht es weiterhin darum, den Verdienst der Warrens als Pioniere auf ihrem Gebiet zu würdigen, wie man auch im Epilog lesen kann, und wie es außerdem das entschlossen kitschige Finale suggeriert, in dem sich die Überlebenden der Reihe und der Produzent mit Cameo-Auftritten vor ihren Helden verneigen und versöhnliche Abschiedsworte finden – in einer Welt, in der das Böse immer und überall ist, ist Liebe die einzige Antwort. „Seeing is believing, but feeling is truth.“

Corinna Götz