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REVIEW FILMFEST MÜNCHEN: „The Exposure“/ „Nacktgeld“


Spielerisch stilisierte, hypnotische schöne, tragikomische Literaturverfilmung, in der die Anwaltstochter Lili vor der Zerreißprobe steht, als ihre Eltern verlangen, dass sie sich für ihren verschuldeten Vater selbstprostituiert, um ihn vor dem Gefängnis zu bewahren.

CREDITS:
O-Titel: The Exposure; Land/Jahr: Schweiz/UK 2025; Laufzeit: 90 Minuten; Drehbuch: Thomas Imbach; Regie: Thomas Imbach; Kamera: Tom Keller; Montage: Thomas Imbach, Rosa Albrecht, Andrew Bird, David Charap; Besetzung: Deleila Piasko, Milan Peschel, Jan Bülow, Katharina Schüttler, Claudia Hübschmann

REVIEW:
Es ist ein ähnliches Aha-Erlebnis wie bei „Blair Witch Project“, wenn man in den ersten zwei Minuten des Films kapiert, wie alles funktioniert und wie dann auch hier – wenngleich ganz anders – mit eingeschränkten Mitteln eine verblüffende Wahrhaftigkeit, eine Art suggestive Realität auf der Leinwand entsteht. „The Exposure“ (in Deutschland „Nacktgeld“) wurde als ökologisch nachhaltige Virtual Production vollständig im Studio realisiert. Die Schauspieler agieren auf einer Bühne vor LED-Bildschirmen, die darauf gezeigten Hintergründe sind Echtzeit-3D-Visualisierungen wie in einem Computergame (oder in vielen Hollywood-Produktionen seit „The Mandalorian“), auf die die Darsteller anders als vor dem Greenscreen folglich auch reagieren können. Thomas Imbach, der seit Langem als einer der mutigsten und innovativsten Filmemacher der Schweiz gilt, oft Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation auflöst und dabei immer einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik beweist, nutzt das Verfahren, um die Kamera zur Verlängerung der Augen und Ohren seiner Protagonistin zu machen. Deren Gedanken tragen wie in der Vorlage, Arthur Schnitzlers Stream-of-Consiousness-Novelle „Fräulein Else“ aus dem Jahr 1924, die Erzählung. „The Exposure“ ist nicht trotz, sondern dank der spezifischen technischen Voraussetzungen ein einzigartiger, aufregender, sinnlicher, verspielter, raffinierter, angstfreier und oft sehr lustiger Film von hypnotischer, kompromissloser Schönheit, und das alles verkörpert auch die umwerfende Hauptdarstellerin, Theater- und „Die Zweiflers“-Star Deleila Piasko.

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„The Exposure“ (Credit: Okofilm Productions)

Deleila Piasko ist „Fräulein Elses“ aufgewecktes Pendant, die Wiener Anwaltstochter Lili, die auf Einladung ihrer Tante Emma (Claudia Hübschmann) die Sommerferien in einem Grand Hotel in Sils Maria in den Schweizer Alpen verbringt, zusammen mit ihrem Cousin Paul (Jan Bülow), der eine heimliche Affäre mit der ebenfalls anwesenden, verheirateten Cissy (Katharina Schüssler) hat. Die trügerische Idylle wird gestört, als Lili ein Telegramm ihrer Mutter erhält: Ihr Vater hat ein Vermögen an der Börse verspielt, muss bis zum nächsten Tag eine beträchtliche Geldsumme auftreiben, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen. Zur Ehrenrettung der Familie soll Lili einen alten Bekannten, den angeblichen Gentleman und reichen Kunsthändler Dorsday (Milan Peschel), der zufällig im selben Hotel zu Gast ist, um Geld bitten – ausgerechnet den Mann, der ihr seit ihrer Kindheit nachstellt. Lili ringt sich durch, seine Einladung zu einem Spaziergang anzunehmen, schildert ihm das Dilemma, woraufhin dieser einen anzüglichen Deal vorschlägt: Er hilft ihr, falls er als Gegenleistung für 15 Minuten ihren nackten Körper betrachten darf. Lili gerät in einen schweren Gewissenskonflikt, spielt in ihrer Fantasie ihre Alternativen durch, bis sie immer mehr davon überzeugt ist, dass sie sich nur durch Suizid aus ihrer misslichen Lage befreien kann.

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„The Exposure“ (Credit: Okofilm Productions)

„Vielleicht bin ich schon tot“, hört man ihre Stimme aus dem Off in der Anfangsszene, in der sich Paul, Emma, Dorsday prüfend über die Kamera beugen, die Lilis Perspektive einnimmt. Anschließend sieht man eine Nahaufnahme ihres Gesichts mit geschlossenen Augen – eine Einstellung, die mit dem anschwellenden Synthesizersound im Hintergrund vielleicht zufällig oder auch nicht an einen legendären „Twin Peaks“-Moment erinnert. Die vorangegangenen Ereignisse werden von da an rückblickend aus Lilis Sicht beleuchtet, die zugleich als Erzählerin mit einer Vorliebe für Andeutungen und Vorausdeutungen Voice-over ihr eigenes Verhalten und die Inszenierung kommentiert, die durch ihren Blick gefiltert ist wie durch eine personifizierte 3D-Brille. Die Montage ist oft assoziativ, mal sprunghaft, in den fotorealistischen Hintergrundprojektionen, die die Natur oder Hotellandschaft abbilden, bewegen sich Avatare statt Statisten. Das immersive Sounddesign, rauschender Wind, knisternde Bäume, zwitschernde Vögel, plätscherndes Wasser, deutet subtil eine latente Bedrohung an, die von der Umgebung und dem Gipfel des Piz Palü ausgehen könnte, der sich zu Beginn in einem Bergsee spiegelt. Die künstlichen Welten verschmelzen organisch mit dem körnigen 16mm-Format und warmem Licht der gespielten Szenen, ebenso wie sich die literarische Sprache mit der gewitzten Alltagsrhetorik der Heldin mischt. Diese hat die Kontrolle über Wort und Bild, ermächtigt sich der Inszenierung ihrer eigenen Geschichte, in der sie ihr Inneres preisgibt und zugleich das Äußere entblößt, die Gesellschaft, die ihr Emanzipationsstreben auf dem Gewissen hat.

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„The Exposure“ (Credit: Okofilm Productions)

Deleila Piasko bewegt sich in dieser Kulisse, als könnte sie diese nur mit einem Blinzeln und Kopfnicken zum Leben erwecken oder zum Einstürzen bringen – „es geht ein Zauber aus von Ihnen, den sie selbst noch nicht ahnen“, sagt Milan Peschels Dorsday sehr bezeichnend. Wenn Lili das Bedürfnis hat zu tanzen, tanzt der ganze Film, in gleich zwei ergreifend komischen und berauschenden Szenen, die man sich einrahmen möchte, in denen der Score von Komponist Ephrem Lüchinger in euphorisch ausgelassenen Elektro-Swing umschlägt, bevor der Ton düsterer und subversiver wird, als würde Angelo Badalamenti am Synthesizer sitzen und auch die Bildgestaltung immer mehr lynchianische Vibes atmen. Die Selbstmordgedanken trüben Lilis Wahrnehmung, sorgen für Unschärfen und Dissonanzen im Hintergrund und fundamentale Risse, die das perfekte Bild zerstören. Ihr Nervenzusammenbruch deckt die heuchlerische Doppelmoral, das Anrüchige unter der glänzenden Oberfläche auf. Lili durchschaut diese so wie sie alle Nebenfiguren durchschaut, die sie umkreisen, von denen sie mit zynischer Herablassung belächelt oder mit Blicken ausgezogen wird, und denen sie nur durch die Flucht in ihre Traumwelt entkommen kann. „In diesem Zustand ist der Geist manchmal geschärft“, stellt Dorsday am Ende fest, wenn der Film zum Schluss auf die Anfangsszene zurückkommt. „The Exposure“ hat trotz der künstlerischen Raffinesse und Vielschichtigkeit eine anziehende Schärfe, Klarheit und Leichtigkeit, die Ästhetik ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu Wahrhaftigkeit und mitunter buchstäblich zu Schwerelosigkeit. „Die Luft ist wie Champagner“, zitiert das Drehbuch an mehreren Stellen die Vorlage – und ja, der Film ist es auch. 

Corinna Götz