Matti Geschonnecks Zweiteiler „Sturm kommt auf“ zeichnen große Schauspielleistungen bekannter Namen wie Josef Hader, Verena Altenberger oder Sebastian Bezzel aus. Die Geschichte um einen jüdischen Schuster nach Ende des Ersten Weltkrieges in der bayerischen Provinz lässt stark an die Gegenwart denken.

FAST FACTS:
• Basiert auf dem Roman „Unruhe um einen Friedfertigen“ von Oskar Maria Graf
• Der Zweiteiler für ZDF und ORF ist eine grandiose Mischung aus Heimatfilm, Western und Melodram
• Regisseur Matti Geschonneck hat schon viele Grimme-Preise gewonnen, zuletzt für „Die Wannseekonferenz“
CREDITS:
Auftraggeber: ZDF, ORF; Regie: Matti Geschonneck; Drehbuch: Hannah Hollinger; Produktion: Claussen+Putz – Jakob Claussen, Uli Putz, Film AG Produktions – Alexander Glehr, Johanna Scherz; Cast: Josef Hader, Sigi Zimmerschied, Verena Altenberger, Frederic Linkemann, Antonia Bill, Sebastian Bezzel, Susi Stach, Helmfried von Lüttichau; Weltpremiere: 30.6.25 Neues Deutsches Fernsehen beim Filmfest München
REVIEW:
Der vielfache Grimme-Preis-Gewinner Matti Geschonneck („Die Wannseekonferenz“) hat mit seiner Drehbuchautorin Hannah Hollinger mehr als ein Jahrzehnt an der Umsetzung von Oskar Maria Grafs Buch „Unruhe um einen Friedfertigen“ gearbeitet. Letztlich waren es dann Jakob Claussen von der Claussen+Putz Filmproduktion und Frank Zervos vom ZDF, die den Zweiteiler „Sturm kommt auf“ möglich machten.
Auf dem Filmfest München wurde als Uraufführung der erste Teil um den Schuster Julius Kraus (ganz groß: Josef Hader) in einem oberbayerischen Dorf nach dem Ersten Weltkrieg gezeigt, der gleichzeitig moderner Heimatfilm, Alpenwestern und Zeitporträt mit gewaltigen Parallelen in die Jetzt-Zeit ist.
Ganz konzentriert und mit ruhiger Hand erzählt Geschonneck diesen Dorfmikrokosmos, als ob er für das ganze Deutschland steht: Die Armut und der Hunger nach dem Ende des Krieges, die politische Verunsicherung durch kommunistischen Räte-Modelle, die scheitern und die von der Front zurückkehrenden verrohten und verwahrlosten Männer, die sich teils in Freischärler-Gruppen organisieren, um wieder „Zucht und Ordnung“ herzustellen.
Zeiten, in denen man sich schwer raushalten kann
Der gebrechliche und spindeldürre Schuster Julius hält sich aus allem Politischen raus, weil ihm das zuwider ist und immer Ärger bedeutet. Vielleicht hängt es auch mit seinen jüdischen Wurzeln zusammen, dass er so vorsichtig ist. Aber es sind Zeiten, wie der Originaltitel von Oskar Maria Grafs Buch „Unruhe um einen Friedfertigen“ andeuten, in denen es nicht länger funktioniert, sich rauszuhalten.
Spätestens als der sich wegen seiner kommunistischen Überzeugung verstecken müssende Ludwig Allberger (Sebastian Bezzel) plötzlich beim Schuster in der Hütte steht und um Hilfe bittet. Der Schuster hat nicht viel, nur einen erwachsenen Sohn in den USA, der unregelmäßig Briefe schreibt und die Nachbarin Elies Heingeiger (Verena Altenberger), die ihm Essen bringt und gelegentlich Gesellschaft leistet.
Verena Altenbergers Figur Elies hat auch einen kleinen Sohn ohne Vater, der in der eigenen Familie gerade von ihrem Bruder Silvan (ziemlich monströs: Frederic Linkemann) schlecht behandelt wird, so dass sie gerne den Schuster heiraten und ausziehen würde. Dagegen hat aber der Bruder, der inzwischen Freischärler-Anführer ist, etwas wegen der Erbschaft einzuwenden.
Zweiter Teil spielt in den 1930er-Jahren
Während der erste Teil die Nachkriegsjahre schildert, macht der zweite Teil einen Sprung in den 1930er-Jahre bis zur Machtergreifung. Altenbergers Figur Elies singt in einem Chor wunderschön klare traditionelle Musik, die dem Film nicht nur Leitmotive, sondern auch den richtigen Rhythmus gibt.
So ist das Ganze weniger wie „Oktoberfest 1900“ vom Italowestern beseelt, sondern erinnert mehr an die Frühwerke eines Luis Trenker, der mit seinem 1930er-Jahre-Western „Der Kaiser von Kalifornien“ die spätere italienische Bewegung des Neorealismo mit Naturaufnahmen, der eindrucksvollen Schwarzweiß-Fotografie und den vielen ausdrucksstarken Großaufnahmen von Gesichtern vorwegnahm.
Allein für die zahlreichen wunderschönen, alten, zerfurchten, zerlebten oder zarten Gesichter in Großaufnahme lohnt sich der Geschonneck-Film schon, der sich darüber hinaus zu einem grandiosen und niederschmetternden Melodram entwickelt. Es ist ein ziemlich großer Wurf und eines der besten Werke in der diesjährigen Reihe Neues Deutsches Fernsehen auf dem Filmfest München 2025, das bis in die kleinste Nebenrolle topbesetzt ist.
Michael Müller