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REVIEW FESTIVAL: „Stiller“


Adaption des Romans von Max Frisch über einen Amerikaner, der an der Schweizer Grenze verhaftet wird, weil man vermutet, bei ihm könne es sich um den verschwundenen Architekten Stiller handeln. 

CREDITS:
Land / Jahr: Deutschland, Schweiz 2025; Laufzeit: 99 Minuten; Regie: Stefan Haupt; Drehbuch: Alexander Buresch, Stefan Haupt; Besetzung: Albrecht Schuch, Sven Schelker, Paula Beer, Max Simonischek, Marie Leuenberger; Verleih: STUDIOCANAL; Start: 31. Oktober 2025

REVIEW:
Wenn das Wesentliche für die Sprache unsagbar bleibe, wie es Max Frisch in seinem Werk wiederholt thematisierte, so auch im ersten seiner drei berühmten modernen Romane „Stiller“ aus dem Jahr 1954, wie kann es dann in einem Film, ein konkreteres Medium, zeigbar gemacht werden? Das mag der Grund sein, warum „Stiller“ 70 Jahre lang unverfilmt blieb (und es „Mein Name sei Gantenbein“ aus dem Jahr 1964, der dritte der Romane, eine verkopfte, noch komplexere Variation von „Stiller“, unverändert bleibt): Wie will man das in einem Film überzeugend vermitteln, diese vielen ineinander verschränkten Geschichten, die ihren Reiz im Roman daraus beziehen, dass es in der Schwebe bleibt, welche davon wahr ist, wirklich geschehen ist? Allein schon der Umstand, dass in Rückblenden aus dem Leben von Anatol Stiller offenbart werden MUSS, ob der in einem Zürcher Gefängnis einsitzende Amerikaner James Larkin White nicht genau der Mann ist, der ihm die Behörden vorwerfen zu sein, stellt eine Filmadaption dieser quecksilbrigen Reflektion über Identität und Fremdbild vor eigentlich unlösbare Probleme: Wie könnte man dem zunehmend verzweifelten Larkin jemals sein gebetsmühlenartig wiederholtes „Ich bin nicht Stiller“ jemals abnehmen, wenn man sähe, wie der wahre Stiller aussieht?

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Albrecht Schuch in „Stiller“ von Stefan Haupt (Credit: STUDIOCANAL)

Regisseur Stefan Haupt („Zwingli“) und sein Mitautor Alexander Buresch finden für viele der immanenten Probleme kluge Lösungen und auch ein paar freche Kniffe, verpassen der Adaption einen edlen Anstrich und setzen dann auf den Zauber, der sich wie von allein einstellt, wenn man den vierfachen Lola- und nunmehr auch einmaligen Österreichischer-Filmpreis-Gewinner Albrecht Schuch und die auf der Berlinale, in Venedig und beim Europäischen Filmpreis ausgezeichnete Paula Beer gemeinsam vor der Kamera spielen lässt, erstmals übrigens in einem Kinofilm, nachdem sie bereits in der Serie „Bad Banks“ gemeinsam vor der Kamera standen. Der Film gehört den beiden – und an ihrer Seite auch der großartigen Marie LeuenbergerStefan Kurt und Max Simonischek sowie in einem sehr wichtigen Auftritt Sven Schelker, der zumindest in diesem Film aus gutem Grund aussieht wie ein junger Albrecht Schuch. „Stiller“ ist zuerst einmal großes Schauspielerkino für ein erwachsenes Publikum und erst dann hochwertiges, blitzsauber produziertes Ausstattungskino, wie man es von Bernd Eichinger bei seinen Literaturverfilmungen gewohnt war, die Kinoentsprechung von Masterclass-Theatre, nur dass hier das gesamte Publikum in der ersten Reihe sitzt. 

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„Stiller“ mit Albrecht Schuch und Paula Beer (Credit: STUDIOCANAL)

Immer wieder blitzen Momente von Hitchcock und Highsmith auf, ohne dass der Film jemals ein Thriller werden würde. Aber ein bisschen kann man in diesem James Larkin White schon einen Tom Ripley erkennen, wenn er alle möglichen Begegnungen mit ehemaligen Bekannten und Freunden von Stiller und schließlich auch die Treffen mit dessen Frau und dessen ehemaliger Geliebter abschüttelt wie ein nasser Hund: Albrecht Schuch spielt seine Figur so sehr als Inbegriff eines quintessenziellen „Ami“, mit kurzgeschorenem Haar, Steve-McQueen-Outfit – die Weste könnte ein letzter Hinweis auf eine womöglich europäische Herkunft sein – und einem immer wieder eingestreuten „Come on“, dass einem zwangsläufig Zweifel kommen, der Verdacht aufkeimt, all das könnte ein großer Act sein, ein sich winden in einer Situation, in die sich die Hauptfigur sehenden Auges bewegt hat, als wolle Larkin ertappt und mit der Realität konfrontiert werden, der er entflohen ist, als wolle er bestraft werden für die Dinge, denen Stiller entflohen ist. Wenn Larkin denn tatsächlich Stiller sein sollte (für die fünf Leser, die „Stiller“ einst nicht in der Schule lesen mussten). Tatsächlich ist der Film, eine 50/50 Koproduktion der Münchner Walker + Worm und der Zürcher C-Films, ihre zweite Zusammenarbeit nach „Sisi & ich“ (Nummer 3, „Eurotrash“, ist aktuell in Arbeit), tatsächlich noch einen Tick interessanter, wenn man denn bereits weiß, worauf die Geschichte hinausläuft – nur um dann überrascht zu werden, dass der Film ein etwas anderes Ende findet als der Roman, weniger desillusionierend geraten ist. 

Thomas Schultze