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REVIEW FILMFEST MÜNCHEN: „Oktoberfest 1905“


Fortsetzung der preisgekrönten ARD-Serie, die in vier weiteren Folgen den erbitterten Kampf eines Brauerei-Clans um die Vormachtstellung auf dem Oktoberfest erzählt.

FFM Oktoberfest  ©ARD Degeto Zeitsprung Pictures Wolfgang Ennenbach scaled e x
„Okotberfest 1905“, inszeniert von Stephan Lacant

CREDITS: 
Land/Jahr: Deutschland/Tschechien 2025; Laufzeit: 4 Folgen à 45 Minuten; Creator: Alexis von Wittgenstein, Ronny Schalk; Drehbuch: Ronny Schalk (Headwriter), Dirk Eisfeld, Dani Merkel, Benjamin Sailer; Regie: Stephan Lacant; Besetzung: Klaus Steinbacher, Mercedes Müller, Mišel Matičević, Martina Gedeck, Brigitte Hobmeier, Lisa Maria Potthoff, Slavko Popadic, Marwin Haas, Max Schmidt, Michael Kranz, Eisi Gulp;Sender/Plattform: ARD; Start: Herbst 2025

REVIEW:
Ziemlich genau fünf Jahre nach dem Erfolg von „Oktoberfest 1900“ folgt nun eine Fortsetzung der Miniserie – wieder in vier Teilen, nach dem bewährten Muster und mit den bekannten Charakteren, sofern diese die Geschichte überlebt haben. Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung unter der Regie von Hannu Salonen, der vor der opulenten Kulisse des größten Volksfests der Welt ein ebenso üppiges, shakespearsches Dramengeflecht aus Intrigen und Verrat, Liebe und Hass und erbitterten Kämpfen um die Vormachtstellung in der Münchner Brauereibranche entsponnen hatte. Ein Konzept, das auch polarisierte, zum Beispiel durch die Betonung der Tatsachen, die Handlung und Figuren inspiriert haben sollen, was den Eindruck vermittelte, bayerische Unternehmenskultur und Stadtpolitik fußten auf einem Sumpf aus Verbrechen, Gier und Korruption, oder, wie es der internationale (Netflix-)Titel verspricht, auf „Beer & Blood“. Letztlich waren und sind die Autoren um Ronny Schalk aber möglicherweise gar nicht so sehr an historischen Fakten interessiert, wie es das aufwendige Produktionsdesign vermuten lässt. Man kann die „Oktoberfest“-Saga als deutsche Antwort auf „Boardwalk Empire“ betrachten, als High-End-Fernsehformat, das sich mit der Ausnahmeserie „Babylon Berlin“ messen will und mit einer atmosphärisch dichten Inszenierung, mutiger Bild- und Tongestaltung sowie einem beeindruckenden Starensemble im öffentlich-rechtlichen Abendprogramm herausragt.

Oktoberfest 1905“, inszeniert von Stephan Lacant („Schlafende Hunde“, „Freier Fall“), steht dem Vorgänger in dieser Hinsicht in nichts nach. Zu erwarten ist erneut eine bemerkenswerte Anzahl von Handlungssträngen, die größtenteils direkt an die zurückliegenden Ereignisse anknüpfen, wie die ersten beiden Episoden, die vorab beim Filmfest München präsentiert wurden, nahelegen. Für Zugereiste, die erst jetzt ins Geschehen einsteigen möchten, ist dies ohne Vorkenntnisse beinahe unmöglich, und die Sprachbarriere ist nicht einmal das größte Hindernis dabei. Im Zweifelsfall lässt sich die erste Staffel an einem Tag nachholen, insofern: Netflix and Chill! – oder „Ois Chicago“, wie der Münchner sagt, denn der Blick geht tatsächlich gleich zu Beginn der ersten neuen Folge über den großen Teich. Nach amerikanischem Vorbild plant Großbrauer Curt Prank (Mišel Matičević), der aus der Münchner Tradition noch immer das größte Volksfest der Welt machen will und dem schon die Fusion mit dem Konkurrenten Deibel Bräu der Familie Hoflinger gelungen ist, den Aufbau der ersten Achterbahn Europas, das „Prank Colosseum“. Schwiegersohn Roman Hoflinger (Klaus Steinbacher) verfolgt bescheidenere Ziele: Er hat sich an der Seite von Curts unehelicher Tochter Clara (Mercedes Müller) in der Riege der Großbrauer etabliert, will das Unternehmen durch den Erwerb eigener Ackerflächen unabhängiger, mithilfe eines Investitionskredits sicherer machen und seiner Familie eine Zukunft in Chicago ermöglichen. Durch Curts Größenwahn droht jedoch die Gefahr, die Bierburg auf dem anstehenden Oktoberfest an den zwielichtigen Bankier Adam Mertz (Rainer Bock) zu verlieren. Clara beginnt unterdessen eine Affäre mit dem russischen Plakatmaler Kyrill (Slavko Popadic), der als Schankkellner und Klavierspieler in der Gaststätte „Deutsche Eiche“ arbeitet. Dort findet Claras Freundin Colina Kandl (Brigitte Hobmeier) nach einer Haftstrafe für den gemeinsam begangenen Mord an ihrem gewalttätigen Ehemann ein neues Zuhause und eine neue Liebe in Person der emanzipierten Wirtin Nappi (Lisa Maria Potthoff) und tritt fortan als Burlesque-Sängerin auf. Maria Hoflinger (Martina Gedeck) wird hingegen nach ihrem Angriff auf ihren Erzfeind Curt Prank in der Psychiatrie festgehalten.

Dies ist nur ein Bruchteil der Erzählstränge, die allein in den ersten beiden Episoden verknüpft werden, in denen es weiterhin Schlag auf Schlag geht. Hat man die Figurenkonstellation erst einmal entwirrt, fällt es leichter, sich auf die expressionistische Wucht und die ständig vorwärtsdrängende Inszenierung einzulassen, mit ihren wechselnden Perspektiven und ungewöhnlichen Kameraeinstellungen, harten Schnitten, kurzen Szenen, krassen Kontrasten von Licht und Schatten, grotesk überzogener Gewalt und entschlossener Neigung zu Kitsch und Pathos, den Einsatz von Mystery- und Horror- und Verfremdungseffekten, bei dem Schauspieler mitunter ihre Botschaft mit diabolischem, ironischen Augenzwinkern direkt in die Kamera sprechen („Ist das Leben nicht manchmal eine Achterbahnfahrt?“). Der Blick ist entweder nah an den Protagonisten oder schwelgt in der Ausstattungsopulenz. Die Ästhetik gibt den Ton an, dem sich Drehbuch, Handlung, Figuren unterordnen. Das Brauwesen im Jahr 1905 ähnelt ein bisschen einer Westernstadt, die Straßen des Gärtnerplatzviertels werden von „widernatürlicher Unzucht“ beherrscht, gegen die Stadtrat Alfons Urban (Michael Kranz) mit brutaler Polizeigewalt vorzugehen gedenkt.

Auf den Hinweis: „Diese Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten“, der in der Vergangenheit Kritikern und Wiesnwirten wie, pardon, schales Bier aufgestoßen ist, wird verzichtet, dennoch steht das Geschehen meist im historischen Kontext, auf den in den Dialogen verwiesen wird, wie auf den Fortschritt der Jahrhundertwende und ganz besonders auf die Rolle der Frau. „Oktoberfest 1905“ beginnt mit einem zynischen Off-Kommentar von Maria Hoflinger über die beschämende Berechenbarkeit von Männern, die immer wieder die gleichen Fehler machen würden, während sich Roman und Curt auf dem Bildschirm ein Schussduell mit vielleicht tödlichem Ausgang liefern. Es deutet sich an, dass die Serie nicht nur darauf zurückkommen wird, sondern dass außerdem der spannendste, charakterlich und dramatisch schärfste Konflikt wohl zwischen Martina Gedeck und Mišel Matičević ausgetragen werden wird, die beide neben Brigitte Hobmeier bereits zuvor maßgeblich für die Authentizität und Überzeugungskraft der Serie verantwortlich waren. Nicht in jedem Fall ist die Figurenzeichnung so geglückt wie hier: Der Part von Slavko Popadic („KRANK Berlin“) und die ein oder andere verbotene Liebe, die sich nicht entwickelt, sondern behauptet wird, gehören nicht unbedingt zu den Höhepunkten der Erzählung, deren Glaubwürdigkeit dann eben auch mal stark ansteigt und manchmal steil fällt. Alles ist, wie schon gesagt, eine Achterbahnfahrt. Direkt zum Leser gesprochen. 

Corinna Götz