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REVIEW FILMFEST MÜNCHEN: „Brick“


High-Concept-Thriller über ein junges Paar, das feststellt, dass sein Wohnhaus unversehens komplett von einer schwarzen Wand umgeben ist.

CREDITS:
Land / Jahr: Deutschland 2025; Laufzeit: 99 Minuten; Regie, Drehbuch: Philip Koch; Besetzung: Matthias Schweighöfer, Ruby O. Fee, Frederick Lau, Salber Lee Williams, Murathan Muslu, Alexander Beyer, Sira-Anna Faal, Josef Berousek, Axel Werner; Plattform: Netflix; Start: 10. Juli 2025

REVIEW:
Ist das die schnellste Exposition aller Zeiten? Man braucht ungefähr 15 Sekunden, um die Prämisse von „Brick“ zu verstehen. Ein Paar öffnet die Tür zu seiner Wohnung und kann sie nicht verlassen, weil da eine schwarze Wand steht. Zack. Das ist es. Mehr muss man nicht wissen, um dem ersten Spielfilm von Philip Koch als Regisseur seit „Play“ aus dem Jahr 2019 folgen zu können. Mehr braucht es nicht, um gefesselt zu sein. Weil man weiß, dass jetzt ein Mysterythriller folgen wird wie aus der „Twilight Zone“, eine High-Concept-Konstellation wie aus „Blackmirror“, die ein Katz-und-Mausspiel mit seinen beiden Protagonisten spielen wird, für die es um Leben und Tod und alle anderen existenziellen Fragen geht. Die aber ebenso mit dem Publikum spielt: Wie hält man die Spannung aufrecht in dieser Versuchsanordnung, die zunächst wenig mehr ist als pure Behauptung: Paar, Wand, was tun? Wie erfüllt man sie mit Leben, wie geht man neue Wege, schlägt Haken, bewegt man die Figuren und die Kamera, um nie den Eindruck aufkommen zu lassen, dass man im Grunde einem Kammerspiel beiwohnt?

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„Brick“ mit Ruby O. Fee und Matthias Schweighöfer (Credit: Netflix)

Philip Koch gibt deutscher Genre-Unterhaltung schon seit einigen Jahren einen guten Namen. Weil „Brick“ zwar sein erster SPIELFILM ALS REGISSEUR seit „Play“ sein mag, der Autor, Regisseur und nunmehr mit seiner Firma Nocturna Pictures auch Produzent zuletzt als Schöpfer und Filmemacher der ambitionierten Serie „Tribes of Europa“ sowie als Autor und Produzent von „60 Minuten“ sozusagen im Doppelpunch für Netflix (und jeweils auch schon mit Wiedemann & Berg als Produzenten) schon eine klare Marschrichtung vorgegeben hat. Sein neuer Film ist nun sein verwegenstes Angebot bislang, eine Idee, die man auf einer Pralinenschachtel festhalten kann, deren Inhalt dann aber doch voller Überraschungen steckt, nicht einfach nur süße Nichtigkeiten anbietet, sondern ein volles Mahl bereithält: Je weiter sich besagtes Paar, Tim und Olivia, gespielt von dem Real-Life-Couple Matthias Schweighöfer und Ruby O. Fee (in Kürze auch in „Das Leben der Wünsche“ wieder gemeinsam vor der Kamera zu sehen), seiner Lage bewusst wird, je aussichtsloser sie wird, sich ihre Situation verengt, desto weiter scheint sich der Film zu öffnen: mit jedem neuen Stockwerk eine zusätzliche Handlungsebene. 

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Brick; Matthias Schweighöfer; Ruby O Fee. Cr. Courtesy of Netflix © 2025

Was so einfach beginnt und auch als Spannungsmoment über die konzise Laufzeit von 99 Minuten trägt, nimmt verschiedene Eigenleben an, je mehr der Film verrät (oder besser: zu verraten scheint). Es geht um die Lösung des zentralen Problems: Wie kommt man aus dieser Situation wieder heraus? Aber auch um die Beantwortung der Frage, warum diese Mauer da ist, warum sie nicht nur die Wohnung der beiden Protagonisten, sondern das gesamte Miethaus zu umspannen scheint, und was es mit der ganzen Angelegenheit auf sich hat. Aber dann nutzt „Brick“ seine Ausgangssituation auch, um weitere Figuren vorzustellen, insgesamt werden es neun sein, und auch hier wieder die Frage zu stellen: Ist dem aufbrausenden Marvin aus der Wohnung nebenan, zu der man mit Hilfe eines Baseballschlägers und Vorschlaghammers vordringen kann, gespielt von Frederick Lau, und seiner beschwichtigenden Freundin Ana, gespielt von Salber-Lee Williams, zu trauen? Was ist von den anderen Figuren zu halten, denen die Vier auf ihrem Weg durch die Stockwerke in den Keller begegnen, darunter ein alter Mann und seine Enkelin (Axel Werner und Sira-Anna Faal) sowie ein bedrohlich wirkender Typ, gespielt von Murathan Muslu? Jeder ist erst einmal verdächtig. Nicht jeder hat etwas zu verbergen. Verraten wird hier nichts, nur so viel: „Brick“ ist nicht zimperlich. Es wird gestorben, und das nicht zu knapp. 

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„Brick“ mit Matthias Schweighöfer und Frederick Lau (Credit: Netflix)

Aber weil der Titel „Brick“ sich tatsächlich weniger auf die vermeintlich titelgebende Wand bezieht, die für die Lage verantwortlich ist, aber trotz ihrer dynamischen Haptik tatsächlich wie aus einem Guss ist (Top-Szenenbild: Theresia Anna Ficus), sondern die einzelnen Bausteine meint, aus denen sich die Handlung zusammensetzt, die verschiedenen Elemente, mit denen Philip Koch hier so versiert, in den besten Momenten wie in einem Film von Brian De Palma jongliert, arbeitet sich der Film mehr und mehr zu seinem zentralen Konflikt vor, der Beziehung seiner beiden Hauptfiguren, die, wie sich herausstellt, längst nicht so harmonisch miteinander leben, wie man eingangs glauben mag, zwar ein eingespieltes, aber auch angeschlagenes Team sind.

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„Brick“ mit Ruby O Fee; Frederick Lau; Salber Lee Williams (Credit: Netflix)

Das Spannungsszenario ist ein Spiegelbild der Beziehung, neben der Wand, die sie gefangen hält, ist da noch eine unsichtbare Wand, die sie zu trennen droht. Das ist gut und souverän gespielt von den beiden Protagonisten. Gerade Matthias Schweighöfer scheint sich als Schauspieler endlich einmal wieder richtig zu strecken, lässt aufblitzen, warum man ihn einmal für einen der aufregendsten jungen Darsteller in Deutschland hielt, bevor ihm der Durchbruch zum internationalen Star gelang. Er und Ruby O. Fee erden den Film, geben ihm menschliches Gewicht, während Philip Koch den Plot mit Hilfe seines überaus versiert arbeitenden Kameramann Alexander Fischerkoesen nach vorne drängen lässt und geschickt immer genau so viel Information ausspielt, damit der Zuschauer dranbleibt. Man will wissen, was kommt. Und man will nicht, dass den Helden etwas zustößt. Wie es sein soll. In einem guten Thriller, ob aus Deutschland oder sonst woher. 

Thomas Schultze