Auf 16mm gefilmtes, queeres Coming-of-Age-Drama über einen Teenager, der die Sommerferien mit seinen Eltern und Brüdern auf dem Donauradweg verbringt, wobei eine geheimnisvolle Begegnung mit einem anderen Jungen das familiäre Beziehungsgefüge verändert.

FAST FACTS:
• Poetisch-sinnlicher Debütfilm des spanischen Drehbuchautors und Regisseurs Jaume Claret Muxart, entstanden während seines Studiums an der Kunstschule EQZE in San Sebastian
• Deutsch-spanische Ko-Produktion von ZuZú Cinema, Miramemira und Schuldenberg Films
• Nach der Weltpremiere in der Sektion Orizzonti der 82. Mostra ist der Film als nächstes im Wettbewerb des San Sebastian Film Festivals zu sehen
CREDITS:
O-Titel: Estrany riu; Land/Jahr: Spanien/Deutschland, 2025; Laufzeit: 103 Minuten; Drehbuch: Jaume Claret Muxart, Meritxell Colell; Regie: Jaume Claret Muxart; Besetzung: Jan Monter, Nausicaa Bonnín, Francesco Wenz, Jordi Oriol, Bernat Solé, Roc Colell; Verleih: Salzgeber
REVIEW:
Laub flimmert, Licht flirrt, ein Gewirr aus Farben, Formen, Stimmen und anschwellender Geigenmusik rauscht an den Augen und Ohren des Betrachters vorbei: In der ersten immersiven Einstellung des Films radelt eine fünfköpfige Familie durch einen sonnendurchfluteten Wald wie durch ein bewegtes, impressionistisches Bild, das schließlich den stummen, direkt in die Kamera gerichteten Blick der Hauptfigur einfängt. Der 16-jährige Dídac, verkörpert mit einer magnetischen Performance von Newcomer Jan Monter, verbringt mit seiner schauspielernden, für klassische Romantik schwärmenden Mutter Monika (Nausicaa Bonnín), seinem Vater Albert (Jordi Oriol), Architekt und Bauhaus-Fan, und seinen jüngeren Brüdern Biel (Bernat Solé) und Guiu (Roc Colell) die Sommerferien auf einer Radtour, auf der sie dem Flusslauf der Donau von deren Ursprung im Schwarzwald bis ungefähr Passau folgen. Man beobachtet, wie die Familie miteinander lacht und streitet, von Zeltplatz zu Zeltplatz treibt – und wie Dídac immer abwesender und grüblerischer wird. Vielleicht spürt er, dass dies der letzte gemeinsame Urlaub der Familie sein könnte, wie Monika ihm zu verstehen gibt. Vielleicht ist sein Herz gebrochen, weil er in einen Jungen verliebt ist, dessen Zuneigung weniger eindeutig ist, wie er seinen Eltern an anderer Stelle anvertraut.

Während Monika wehmütig an ihre Teenagerzeit denkt, in der sie dieselbe Route schon einmal zurückgelegt hat, schweifen auch Dídacs Gedanken immer wieder ab. Ein etwa Gleichaltriger (Francesco Wenz) taucht beim Baden im Fluss nackt wie eine männliche Nymphe unter der Wasseroberfläche auf und huscht in der Cruising-Area eines Campingplatzes an ihm vorbei. Später begegnet er ihm in den menschenleeren Gängen bei der Besichtigung der Hochschule für Gestaltung Ulm, an der Albert studiert hat, der seine Familie für Architektur zu begeistern versucht. Mit der Anwesenheit des mysteriösen Wesens verschwimmen alle geometrischen Formen, die Grenzen zwischen der geografischen und inneren Reise. Dídac spürt, wie die Dinge ins Wanken geraten, wie er sich zu dem Unbekannten hingezogen fühlt und sich gleichzeitig von seiner Familie entfernt – vor allem von dem 14-jährigen Biel, der auf die drohende Veränderung ängstlich reagiert und sich an seinen Bruder klammert, bevor dieser ihm entgleitet.
Es ist einer dieser entscheidenden Sommer, wie sie im Kino untrennbar mit dem Coming-of-Age-Genre verbunden sind, diese entscheidende Phase, in der unbedingt etwas passieren muss, in der sich gefährliche (sexuelle) Abenteuer anbahnen, die zu einer neuen Sicht auf die Welt und das Selbst führen könnten – eine Erwartungshaltung, mit der der katalanische Autor und Regisseur Jaume Claret Muxart in seinem selbstbewussten Kinodebüt unterschwellig spielt. „Strange River“ hat eine traumhafte, suggestive, lyrische Stimmung, gefilmt im 16-mm-Format, mit langen Einstellungen in betörend weichem Licht. Die Farbpalette und das Kostümdesign wurden offenbar vom Bauhaus-Stil inspiriert, die Kamera (Pablo Paloma) ist ständig in Bewegung, jeder Hauch einer Veränderung wird durch Bild und Ton versinnbildlicht – und durch die unapologetischen intellektuellen Referenzen, die den metaphorischen Rahmen des Drehbuchs liefern, das sich ein wenig anfühlt wie die Adaption eines Entwicklungsromans, der aber nur in der Fantasie des Protagonisten existiert.

Dessen Gefühlswelt spiegelt sich in der sagenumwobenen blauen Donau (die schon im Mittelpunkt von JaumeClaret Muxarts Kurzfilm „Die Donau“ aus dem Jahr 2023 stand), im tiefsten Tal der Dichter und Denker, in romantischer Literatur und in modernistischer Architektur. Für eine bevorstehende Rolle studiert Monika ein Theaterstück von Friedrich Hölderlin ein, das auch den Plot des Films ziemlich gut umschreibt, der selbst hin und wieder den Charakter einer Bühneninszenierung hat, wobei die poetische Bildgestaltung und die (der Nouvelle Vague entliehenen) klassischen Musikstücke des Soundtracks den Dialog ersetzen. Manchmal klingt es entschlossen kitschig, wenn sich die erotische Spannung in Maurice Ravels Symphonie „Daphnis und Chloé“ entlädt, wenn Donner grollt und Regen prasselt und sich irgendwann buchstäblich alle Schleusen öffnen. Die Figurenkonstellation und Sensibilität erinnern oft an Lukas Dhonts Cannes-Gewinner „Close“, die Vorliebe für Aufnahmen nackter Oberkörper und die künstlerisch-wissenschaftlichen Vorträge der Eltern hingegen an „Call Me By Your Name“.
Mindestens zwei Seelen wohnen, ach, in Dídacs Brust und in der des Films, mit denen dieser innerlich ringt. Im letzten Akt flieht Dídac förmlich aus der klar gestalteten Welt des Vaters, um mit seinem geheimnisvollen Freund durchzubrennen wie seine Mutter als Teenagerin mit ihrer ersten Liebe, das Ende der Geschichte bleibt jedoch offen (wie Hölderlins Donau-Hymne „Der Ister“). „Strange River“ nimmt primär Dídacs unzuverlässige Perspektive ein, rückt aber auch die anderen Charaktere in den Vordergrund und vor allem die wahrhaftig beschriebene Familiendynamik. Jaume Claret Muxart zeigt einfühlsam, wie Eltern ihren Kindern Werte vermitteln, an die sie glauben, und das, was sie im Gegenzug von einer Generation lernen, die ein eher fluides Verständnis von Sexualität hat, die ihren Weg sucht, aber sich gar nicht erst zwischen zwei Richtungen entscheiden möchte. Nicht die Queerness ist die Ursache der emotionalen Turbulenzen: Es ist das romantische Verlangen, das die Reise ins Strudeln bringt, die Sehnsucht danach, begehrt zu werden, die Ungeduld des Herzens – ein moderner Klassiker.
Corinna Götz