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REVIEW CANNES: „Vie privée“


Raffinierter Psychothriller über eine Psychiaterin, die zu der Überzeugung, der Suizid einer ihrer Patientinnen könne in Wahrheit ein Mord sein.

CREDITS:
Land / Jahr: Frankreich 2025; Laufzeit: 105 Minuten; Regie: Rebecca Zlotowski; Drehbuch: Rebecca Zlotowski, Anne Berest, Gaëlle Mace; Besetzung: Jodie Foster, Daniel Auteuil, Mathieu Amalric, Virginie Efira, Vincent Lacoste, Luàna Bajrami, Dana Herfurth, Friederike Becht, Mirco Kreibich, David Ruland, Annamaria Lang, Tilo Werner; Verleih: Plaion Pictures

GUT ZU WISSEN:
Ohne einen Streit mit Thierry Frémaux vom Zaun brechen zu wollen, aber „Vie privée“, Rebecca Zlotowskis erste Regiearbeit seit ihrem wunderbaren „Les enfants des autres“, den sie 2022 im Wettbewerb von Venedig vorgestellt hatte, eine „Screwball-Comedy“ zu nennen, wie es der Cannes-Festivalchef auf der Programmpressekonferenz getan hatte, ist doch eine liebenswerte Fehlbeschreibung. Wobei er gar nicht einmal so falsch liegt, die komische Komponente dieses Psychothrillers, der sehr an „Psycho“, aber wenig an „Thriller“ interessiert, so betont herauszustellen. Da ist ein Tempo in den Dialogen, ein permanenter Schlagabtausch, der dem Film einen beschwingten Drive gibt, wenn Jodie Foster in ihrer ersten Hauptrolle mehr oder weniger komplett in französischer Sprache als amerikanische Psychoanalystin in Paris vom Suizid einer Patientin erfährt und bald den Verdacht hegt, es könnte ein Mord dahinterstecken, dem sie auf die Spur kommen will.

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„Vie Privée“ von Rebecca Zlotowski mit Jodie Foster (Credit: Plaion Pictures)

Einen „Murder in the Building“ muss man dennoch nicht erwarten. Das entspräche auch so gar nicht dem explizit feministischen filmemacherischen Anliegen von Rebecca Zlotowski. Ein Anliegen, das sie stets leitet bei ihren sehr intimen Charakterstudien außergewöhnlicher Frauen, ohne dogmatisch oder bärbeißig zu sein. Lieber lotet sie Grauzonen aus bei der eleganten, flüssigen Inszenierung, die so ganz dem Milieu entspricht, in dem Zlotowskis persönliche Geschichten spielen. Sie ist eine Beobachterin, eine besonnene Lenkerin, die ihre Figuren in der intellektuellen jüdischen Bourgeoisie verortet, das Publikum diese sehr spezielle Welt und ihre Riten und Gesetze ganz unmittelbar miterleben lässt. So auch in „Vie privée“, der seine Hauptfigur in ein Abenteuer schickt, das bei allen Wendungen und neuen Entwicklungen dann doch vor allem eine Erweckungsreise ins Innere ist, bisweilen sogar buchstäblich: um die Erlebniswelt der von Jodie Foster gespielten Lilian Steiner geht es, die ihren Beruf als Psychoanalystin so ernst nimmt, dass sie sich selbst aus den Augen verloren hat. 

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„Vie Privée“ von Rebecca Zlotowski mit Jodie Foster und Virginie Efira (Credit: Plaion Pictures)

Augen ist ein gutes Stichwort: Lilian hat sich damit arrangiert, dass ihre Ehe mit dem Augenarzt Gabriel – gespielt von einem wunderbar zurückhaltenden, zuckersüßen Daniel Auteuil – vor Jahren in die Brüche gegangen ist und ihr erwachsener Sohn sie als Fremdkörper wahrnimmt, kühl und mit wenig Mitgefühl für sein gerade geborenes Baby. Als sie vom offenkundigen Suizid ihrer Patientin Paul erfährt, in Rückblenden gespielt von Virginie Efira, dem Star  von Zlotowskis „Les enfants des autres“, sitzt der Schock tief. Nach dem Besuch der Schiv’a, wo sie von Paulas Witwer zornig konfrontiert wird, sie habe ihre ärztliche Aufsichtspflicht verletzt, kann sie nicht verhindern, dass ihr fortan reflexartig Tränen übers Gesicht fließen, ausgerechnet sie, die ihre eiserne Selbstkontrolle schätzt: Lilian fällt niemals aus der Rolle. Auch ein Besuch zum Check-up bei ihrem Ex bringt keine Linderung, aber zumindest ihn wieder zurück in ihr Leben. Erst eine Hypnotiseurin stoppt den Tränenfluss. Der Besuch bei ihr fördert aber auch eine beunruhigende unterbewusste Erfahrung zu Tage, die es in der Folge zu entschlüsseln gilt, ein bisschen wie Dalis bizarre Traumbilder in Hitchcocks „Ich kämpfe um dich“.

Das ruft die Psychoanalystin als nicht besonders geschickte Privatdetektivin auf den Plan, der zwar die entsprechenden Indizien vorliegen, die aber nicht die richtigen Schlüsse zieht. Auf diese Weise gelingt es Rebecca Zlotowski, gleich mehrere Privatleben zu sezieren: das der Familie von Paulas Patientin, deren en passant und doch so empathisch erzähltes Schicksal, als es sich schließlich in seinem vollem Ausmaß offenbart, einem ebenso ans Herz geht, wie die Wegstrecke, die Lillian zurückgelegt hat – ein Weg, von dem sie gar nicht wusste, dass sie ihn würde gehen müssen, der aber essenziell ist für ihren Seelenfrieden. Wenn man sie am Schluss sieht, wie sie sich der mehreren hundert Stunden Aufnahmen entledigt, die sie von ihren Sitzungen mit ihren Patienten gemacht hat, ist das ein effektives Sinnbild dafür, dass man immer wieder mal Ballast abwerfen sollte, damit man weiter nach vorne gehen kann. Das Prinzip Hoffnung kann nicht schaden in Cannes, wo Rebecca Zlotowski nach „Belle Épine“ und „Grand Central“ zum dritten Mal vertreten ist, diesmal außer Konkurrenz: Diese Art von leichtfüßigem und klugem französischen Starkino mit hohem Unterhaltungswert und messerscharfer Intelligenz ist herzlich willkommen.

Thomas Schultze