SmHJHX

Am Freitag, den 25.10. werden wir ab 15.00 Uhr bis ca. 18 Uhr umfangreiche technische Wartungsarbeiten durchführen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

REVIEW CANNES: „Ein einfacher Unfall“  


Absurdes Drama über eine Gruppe politischer Häftlinge im Iran, die einen ehemaligen Peiniger entdeckt zu haben glauben. 

https://www.youtube.com/watch?v=_f7noSoSDd0

CREDITS:
O-Titel: Un Simple Accident; Land / Jahr: Iran, Frankreich, Luxemburg 2025; Laufzeit: 105 Minuten; Regie, Drehbuch: Jafar Panahi; Besetzung: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten, Majid Panahi

GUT ZU WISSEN:
Nachdem er sich mit Mohammad Rasoulof und Mostafa al-Ahmad bei deren Aufrufen gegen Polizeigewalt in der Folge des Einsturzes einer Einkaufspassage in der südwestiranischen Stadt Abadan mit mehr als 40 Todesopfern im Mai 2022 solidarisch erklärt hatte, wurde Jafar Panahi im Juli des Jahres gezwungen, eine bereits 2010 verhängte Haftstrafe von sechs Jahren anzutreten. Im Februar 2023 kam er nach sieben Monaten wieder auf freien Fuß – zwischenzeitlich war der Gewinner des Goldenen Bären in Venedig für „No Bears“ mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet worden. „Ein einfacher Unfall“ ist der erste Film, den der iranische Filmemacher seit seiner Freilassung gedreht hat. Die traumatische Erfahrung im Gefängnis spricht aus jedem Bild des Films, der gekennzeichnet ist von einer Bitterkeit, die man in Panahis Schaffen bislang nicht gefunden hat, einer Verarbeitung der Rachegedanken und Gewaltfantasien, die er gegenüber denen gehegt haben muss, die ihn festgehalten hatten. 

  scaled e x
„Un Simple Accident“ von Jafar Panahi (Credit: Jafar Panahi Productions Les Films Pelleas)

Und doch lässt Panahi die Vergeltung nicht gewinnen, hält die schwelende Gewalt im Zaum, lässt nach einer langen Nachtpassage wieder die Sonne zurück in seine Bilder und mit ihnen eine Leichtigkeit. Und so bitterernst das Thema ist, mit dem Panahi Erlebtes offenbar filmisch zu verarbeiten sucht, so verschmitzt und trocken humoristisch ist die Erzählung. Nicht von ungefähr merkt eine Figur irgendwann einmal an, ihre Situation erinnere sie an „Warten auf Godot“: Es ist schon auch ein absurdes Szenario, das Jafar Panahi für „Ein einfacher Unfall“ erdacht hat, der wie so viele seiner Filme, insbesondere sein Berlinale-Gewinner „Taxi Teheran“, in einem Auto beginnt. „Nach einem kleinen Missgeschick kommt es zu einer Reihe von Ereignissen”, heißt es in der offiziellen Inhaltsangabe. Kann man stehen lassen, eröffnet aber nicht die Dimensionen, die der Film aus seiner denkbar simplen Prämisse entwickelt. Filme über vormalige Häftlinge, die überraschend ihren Peinigern wieder begegnen, gibt es Zuhauf. Man denke an Roman Polanskis „Der Tod und das Mädchen“ oder – ein aktuelles Beispiel – der eindringliche „Die Schattenjäger“. Aber Panahis Blick und Erzählung ist distinktiv anders.

Ein Familienvater ist nachts mit seiner hochschwangeren Frau und seiner kleinen Tochter auf dem Weg nach Hause. Als ihm ein streunender Hund vors Auto läuft, muss der Wagen mit einer Panne anhalten und bringt den Familienvater zufällig in Kontakt mit dem rechtschaffenen Ladenbesitzer Vahid, der vor Jahren als politischer Gefangener gefoltert und malträtiert worden war, und in seinem Gegenüber den Peiniger von einst zu erkennen glaubt: Seine quietschendes Beinprothese verrät ihn. Vahid entführt den Mann und will ihn trotz dessen Unschuldsbeteuerungen in der Wüste lebendig begraben, hat dann aber doch Zweifel und sucht den Kontakt zu anderen ehemaligen Insassen ihres Folterknasts, um sich von ihnen die Identität bestätigen zu lassen. Es kommt eine bunte Truppe zusammen, eine Hochzeitfotografin, ein Brautpaar, ein impulsiver Hitzkopf, die mit ihrem Opfer in einer Kiste im Laderaum von Vahids Kleinbus durch die Gegend fahren und sich einen Reim darauf machen müssen, was zu tun ist.

Dass die Fruchtblase der Frau ihres Gefangenen platzt, ist nur eines von vielen unerwarteten Hindernissen, die den zusammengewürfelten Schicksalstrupp mit ihrer eigenen Humanität konfrontieren und ihrem Willen, Vergangenes Vergangenes sein zu lassen und das Vergeben der Rache vielleicht doch vorzuziehen, so sehr es ihnen auch in den Fingern jucken mag, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Es ist eine emotionale Tour de Force, die man in „Ein einfacher Unfall“ erlebt, der am Ende vielleicht Milde walten lässt, aber mit seiner klaren Konstruktion und unmittelbaren Umsetzung doch allemal ein erklärter Akt des Widerstands sowohl von Männern wie auch Frauen ist, vielleicht nicht so säurehaltig wie „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ vor einem Jahr, aber doch keinen Deut weniger deutlich im Benennen seines Anliegens. Die Zeit der metaphorischen Symbolik ist vorbei: Das iranische Kino ist direkt geworden, klipp und klar und sucht die Konfrontation mit dem Regime nunmehr frontal.

Thomas Schultze