Zweieinhalbstündige Filmsinfonie über vier Generationen von Frauen auf einem Vierseitenhof, deren Leben auf erstaunliche Weise miteinander verbunden sind.
FAST FACTS:
• Zweiter Spielfilm von Mascha Schilinski nach „Die Tochter“ von 2017
• Erster Film einer deutschen Filmemacherin im Wettbewerb von Cannes seit 2016
• Erster Kinofilm der Produktionsfirma Studio Zentral (Maren Schmitt, Lucas Schmidt)
• Fantastisches Ensemble mit Luise Heyer, Lena Urzendowsky, Susanne Wuest, Laeni Geiseler, Hanna Heckt, Lea Drinda, Greta Krämer
• Euphorische Reaktionen nach der Weltpremiere
CREDITS:
Land / Jahr: Deutschland 2025; Laufzeit: 149 Minuten; Regie: Mascha Schilinski; Drehbuch: Mascha Schilinski, Louise Peter; Besetzung: Luise Heyer, Lena Urzendowsky, Susanne Wuest, Laeni Geiseler, Hanna Heckt, Lea Drinda, Greta Krämer; Verleih: Neue Visionen; Start: 11. September 2025
REVIEW:
„There is no time, there is no face, there is no face / I am following a shadow while I’m reaching for the sun“, singt die schwedische Künstlerin Anna von Hausswolff in ihrem ätherischen Acidfolk-Trauermarsch „Stranger“, das letzte Lied auf ihrem Album „The Miraculous“, das klingt, als hätte Lee Hazelwood in den melancholischsten Momenten seiner Schwedenphase einen Score für einen Spaghettiwestern geschrieben. Dreimal setzt Mascha Schilinski den Song ein in ihrer zweiten Arbeit als Spielfilmregisseurin, acht Jahre nach „Die Tochter“. Man liegt nicht falsch, wenn man ihn als Leitmotiv bezeichnet, zumal das Lied die schiere Ambition des Films besser beschreibt, seine ganz ureigentümliche Atmosphäre und anderweltliche Bebilderung, als es Worte (speziell aus meiner Feder) jemals tun könnten. Wer hätte gedacht, dass der Klang des Fallens – die Kopie des Films, die in Cannes zu sehen ist, trägt ausschließlich den internationalen Titel, „sound of falling“ – so ohrenbetäubend laut sein könnte, dass Schauen in die Sonne einem die Augen auf derart eindringliche Weise öffnen könnte. Es ist ein Film, der erlebt, erfahren werden will, dessen visueller Sogkraft man sich ausliefern muss, ein episches deutsches Gedicht in zweieinhalb Stunden, erfüllt von einer endlosen Todessehnsucht, in der sich die Liebe zum Leben spiegelt, ein Streifen durch die dunkelsten Ecken des Schwermut Forest.

Frauenschicksale aus vier Epochen beschreibt „In die Sonne schauen“, der das Publikum bei seiner Weltpremiere im Wettbewerb von Cannes mit seiner Flut unvergesslicher Bilder regelrecht sprachlos gemacht hat. Der Film gibt und gibt und gibt und umhüllt den Zuschauer in seiner bleischweren Atmosphäre, die einem den Kopf unter Wasser drückt und nach unten zieht in die Fluten, wie es der Film mit seinen Figuren immer wieder macht. Es gibt keine simple Chronologie, kein von A nach B, keine stringente Handlung. Was man sieht und fühlt, ist ätherisch, elliptisch, verrätselnd und unendlich faszinierend, weil die Erzählung einer ganz eigenen komplexen Choreographie verpflichtet ist, in der sich diese verschiedenen Epochen umtanzen, necken und ineinander verkrallen, eine Geistersinfonie, die an das apokalyptisch-intuitive Kino eines Carlos Reygadas gemahnt, die intensiven Filmwelten eines Lars von Trier mit weiblicher Empathie flutet und wie in einer filmischen Séance in Kontakt tritt und den Dialog sucht mit Hanekes Cannes-Gewinner „Das weiße Band“, ein nicht minder eigenwilliger Klassiker, nur dass Mascha Schilinskis Ambition noch größer ist, im Crescendo ihrer mit ihrem Kameramann und Lebensgefährten Fabian Gamper konzipierten Bilder ein Chor anhebt, der von Entbehrung und Härten in der Zeit um den Ersten und Zweiten Weltkrieg kündet und den Schmerz und Leid, das Sterben und Siechen bis in die heutige Zeit hallen lässt.
Alles dreht sich um einen Vierseitenhof in der Abgeschiedenheit der Altmark. Hier folgt „In die Sonne schauen“ in den 1910er-Jahren dem Mädchen Alma, das neugierig die Welt der Erwachsenen zu verstehen versucht, atavistische Riten und archaische Gottesfurcht erlebt, ein Leben, das sich immer nur um den Tod zu drehen scheint. Erika in den 1940er-Jahren im Schatten des Schreckens des zweiten großen Krieges ist erfüllt von einer morbiden Faszination für ihren einbeinigen Onkel, der in einem Zimmer des Hofs vor sich hin darbt, Angelika in den Achtzigerjahren formuliert für sich einen Freiheitsgedanken im geteilten Deutschland, der sich nicht in einer einfachen Flucht über die Grenze in den Westen erfüllen kann. Und Nelly wiederum kommt in der Gegenwart nicht umhin, in den Kreisläufen des bereits von anderen durchlebten gefangen zu sein. Gewalt ist allgegenwärtig, wird aber nicht gezeigt, mit der gewaltsamen Bildgestaltung aber fortwährend evoziert. Mit fortwährender Laufzeit vertiefen sich die Motive, beginnt man Zusammenhänge zu begreifen in dieser buchstäblich engen Welt, die der Film im Format 1,37 zu 1 festhält, beginnen sich zeitliche Eingrenzungen förmlich aufzulösen und schließlich auch die ehernen Gesetze der Physik in einem von der Regisseurin akribisch erschaffenen Erlebnisfreiraum, der in seinen besten Momenten dem transzendentalen Kino eines Carl Theodor Dreyer nahekommt, als würden sich „Tage des Zorns“, „Das Wort“ und „Gertrud“ in einen einzigen Film verdichten.

Man kann nicht gut genug über die Besetzung sprechen: Luise Heyer, Lena Urzendowsky, Susanne Wuest, Laeni Geiseler, Hanna Heckt, Lea Drinda, Greta Krämer. Alle großartig. Jede Schauspielerin ist nur diesem Film verpflichtet, die Rollen sind wie Mosaiksteine, die Mascha Schilinski mit alchemistischem Feingefühl zusammensetzt in diesem perfekten Beispiel eines komponierten Films, wie ihn Michael Powell einst apostrophierte, das fein austarierte Zusammenspiel von Bild, Rhythmus und Ton, um daraus etwas Eigenes und Eigenständiges zu erschaffen. „In die Sonne schauen“ kann man sich in dieser Form nur als Kinofilm vorstellen, als deutschen Kinofilm wohlgemerkt. Das Festival von Cannes hat gleich am ersten Tag seinen ersten Meilenstein gefunden, kein einfacher Film wohlgemerkt, das auf keinen Fall. Aber wie er einen fordert und auffordert, sich selbst in diesen fantasievollen Bildersturm zu versenken, das ist unwiderstehlich, ein Geschenk. Und wird einen noch lange beschäftigen, nachdem dieses Epos mit dem unfassbarsten von vielen Bildern seinen Abschluss findet und endgültig abhebt. „It’s not in line with the world I know“, singt Anna von Hausswolff. So ist das.
Thomas Schultze