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REVIEW CANNES: „Fuori“


Verfilmung von zwei autobiographischen Büchern der italienischen Schriftstellerin Goliarda Sapienza, die sich nach einem Gefängnisaufenthalt am Tiefpunkt ihres Lebens befindet. 

CREDITS:
Land / Jahr: Italien 2025; Laufzeit: 117 Minuten; Regie: Mario Martone; Drehbuch: Mario Martone, Ippolita di Majo; Besetzung: Valeria Golino, Matilda de Angelis, Elodie

REVIEW:
Aus der Zeit gefallen wirkt das Kino von Mario Martone, niemandem verpflichtet außer sich selbst und den Figuren, denen es durch ihr Leben folgt, stets Figuren auf der Suche nach einer Verbindung zu ihrem flüchtigen Leben, das ihnen entglitten ist. „Fuori“, der dritte Film, mit dem der neapolitanische Filmemacher nach Cannes reist, wirkt dabei wie ein gezielter Gegenentwurf zu dem Vorgänger „Nostalgia“, den Thierry Frémaux ebenfalls in seinen Wettbewerb eingeladen hatte und der dem allgegenwärtigen Pierfrancesco Favino eine seiner üppigsten Rollen beschert hatte als Unterweltgröße, die nach Jahren in ein verändertes Neapel zurückkehrt. Adaptiert von dem gleichnamigen Roman von Ermanno Rea, lotete dieser Film mit Wehmut eine explizite Männerwelt aus, deren Ehrenkodices wie ein Relikt aus der Vergangenheit wirken. Auch „Fuori“ ist eine Buchverfilmung, greift die beiden autobiographischen Veröffentlichungen „Tage in Rebibbia“ aus dem Jahr 1983 und die nach deren Erfolg erstellte Folgeveröffentlichung „Le certezze del dubbio“ aus dem Jahr 1987 von Goliarda Sapienza auf, die der Intellektuellen aus einer Jahre andauernden Talsohle halfen.

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„Fuori“ von Mario Martone (Credit: 01 Distribution)

In den Büchern beschreibt Sapienza ihre Zeit als Inhaftierte in dem Frauengefängnis Rebibbia und ihre Zeit danach, als sie Kontakt mit den Frauen hielt, die sie hinter Gittern kennengelernt hatte und die ihr dann in dieser schwierigen Zeit in ihrem Leben mehr beistanden als die Freunde und Bekannten aus dem Kulturbetrieb, in dem sie sich Zuhause gefühlt hatte, als Wegbegleiterin wegweisender italienischer Filmemacher in den Fünfzigerjahren und dann als aufstrebende Schriftstellerin in den Sechzigern. Nachdem sie neun Jahre an ihrem 700-seitigen Großwerk „Die Kunst der Freude“ gearbeitet und dafür in Kauf genommen hatte, von der Hand in den Mund zu leben, fand Sapienza nach Fertigstellung keinen Verleger. Sie war Mitte 50, war mittellos, arbeitslos und ohne Aussicht auf Besserung, lässt sich zu einem von den Medien vielbeachteten Juwelendiebstahl hinreißen, bei dem sie erwischt wird und in der Folge zu Zuchthaus verurteilt wird.

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„Fuori“ von Mario Martone (Credit: 01 Distribution)

„Fuori“ ist weit davon entfernt, ein Biopic zu sein, und wenig interessiert an dem kreativen Prozess seiner Hauptfigur: Tatsächlich hat sie ihr Großwerk bereits geschrieben, als die Handlung einsetzt. Wie in einem Mosaik führt Mario Martone Vergangenheit und Gegenwart zusammen, springt frei assoziativ in den Zeitebenen, die Zeit im Gefängnis, die Zeit danach, und zeichnet ein eindringliches Porträt einer schwierigen, oftmals widersprüchlichen Frau, die sich im Krieg mit sich selbst befindet und erst durch die Solidarität ihrer vormaligen Mithäftlinge einen Weg aus der Krise findet. Valeria Golino als Goliarda Sapienza ist nicht nur deshalb ein Geniestreich, weil sie der gestrauchelten Schriftstellerin auch dann nicht die Würde verlieren lässt, als sie an ihrem Tiefpunkt angekommen ist, und eine Schönheit und Stärke in ihrer Verzweiflung findet, sondern weil sie als Filmemacherin erst im vergangenen Jahr Sapienzas 1998 posthum erschienenen Schlüsselroman „Die Kunst der Freude“ Jahr als fünfteilige Miniserie verfilmt hatte.

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„Fuori“ von Mario Martone (Credit: 01 Distribution)

An ihrer Seite spielen Matilda de Angelis aus „Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel“ und der HBO-Serie „The Undoing“ und der italienische Popstar Elodie in ihrem ersten wichtigen Kinoauftritt die tragenden Rollen, vor allem erstere erweist sich für Goliarda Sapienza als Katalysator, als Fährfrau, die sie mit ihrer unbändigen Lebenslust aus der Reserve lockt: eine unapologetische linke Politaktivistin, deren Rücksichtslosigkeit bei ihrem Weg zur Selbstverwirklichung erst einmal wie ein Befreiungsschlag wrkt, schließlich aber weiterreichende Konsequenzen nach sich zieht. Mario Martone feiert die Schönheit dieser Frauen, ist dabei nie anzüglich oder anmaßend: Sie sehen atemberaubend aus, sind immer stilvoll und top gekleidet, strahlen diese Schönheit aber auch durch ihr Auftreten und Persönlichkeit aus. Es ist, wie eine der älteren Insassen des Gefängnisses anmerkt: „Das ist doch eine gezielte Gemeinheit, uns durch die jungen Dinger erst recht wie alte Schachteln fühlen zu lassen.“ „Fuori“ lässt sich mit „Draußen“ übersetzen: Draußen aus dem Gefängnis, das einen körperlich einsperrt, für die Hauptfigur aber auch draußen aus dem Gefängnis, das sie innerlich zurückgehalten hat und zum Schreiben zurückkehren lässt. 

Thomas Schultze