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REVIEW BERLINALE: „Oslo Stories: Träume“


Dritter Film der „Oslo Stories“ von Dag Johan Haugerud, in dem eine 17-Jährige sich Hals über Kopf in ihre neue Lehrerin verliebt und ihre Erlebnisse und Gefühle in leidenschaftlichen Texten festhält, die eine literarische Sensation sein könnten – wenn man sie denn veröffentlicht.

CREDITS:
O-Titel: Drømmer; Land / Jahr: Norwegen 2024; Laufzeit: 110 Minuten; Regie, Drehbuch: Dag Johan Haugerud; Besetzung: Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen; Verleih: Alamode; Start: 8. Mai 2025

REVIEW:
Es ist nicht ganz einfach: Nach „Sehnsucht“ (Berlinale 2024, Panorama, dt. Kinostart: 22. Mai 2025) und „Liebe“ (Venedig 2024, Wettbewerb, dt. Kinostart: 17. April, hier unsere SPOT-Besprechung) ist „Träume“ nun der letzte Film der Oslo-Trilogie von Dag Johan Haugerud, der das Licht eines A-Festivals erblickt, im Wettbewerb der 75. Berlinale, wohlweislich ziemlich ans Ende gepackt, weil es den Film in Norwegen bereits seit November regulär im Kino zu sehen gibt (eine der seltenen Nicht-Weltpremieren im Bärenrennen also, aber allemal verdient ausgewählt). Von seinem Schöpfer war er ursprünglich aber als zweiter Titel vorgesehen, weshalb er in den Credits wie in allen drei Filmen erst einmal entsprechend gelistet ist: Sehnsucht. Träume. Liebe. Dann werden Sehnsucht und Liebe ausgeblendet, wobei sie aber thematisch dennoch auch in diesem Film eine Rolle spielen. Haugerud war im Spätsommer selbst überrascht, als Alberto Barbera anstelle von „Träume“ den letzten Teil „Liebe“ einlud und damit die Reihenfolge aus dem Gleichgewicht brachte. Dass Alamode für die spektakuläre Kinoauswertung der „Oslo Stories“, die einen Start aller drei Filme binnen etwas mehr als einem Monat vorsieht, noch einmal eine andere Reihung gewählt hat, sei hier nur am Rande erwähnt. 

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„Träume“ von Dag Johan Haugerud (Credit: Alamode)

Weil es ja doch um „Träume“ gehen soll, ein Film, der grundsätzlich gesprochen für sich allein stehen kann, wieder einen anderen Aspekt der norwegischen Hauptstadt als Kulisse in den Mittelpunkt rückt, die Brücke schlägt vom alten zum neuen Oslo, von den tradierten Wohngebieten zu den förmlich mitten in der Stadt aus dem Boden gestampften neuen, hypermodernen Luxusvierteln. Wieder ist das Personal neu, sieht man von einer Figur ab, die in allen drei Filmen zu sehen ist (und in „Liebe“ den wichtigsten Part spielt, hier aber nur ganz kurz gegen Ende aufpoppt), wieder wird eine neue Geschichte erzählt, die sich perfekt zu den beiden anderen Geschichten gesellt, aber auf ihre Weise wieder komplett anders positioniert zum Wesen der Träume, der Liebe, der Sehnsucht. Mehr als in den beiden Filmen davor geht es um den kreativen Schaffensprozess, um den Impetus, Kunst erschaffen zu wollen und sich selbst darin zu Spiegeln, um die Wechselwirkung zwischen Realität und Fantasie, Tatsachen und Fiktion, um die kommerzielle Auswertung von Kunst, aber dann auch wieder um die Liebe selbst, Fragen nach Altern und Lebensentwürfen. 

Wie man sich dazu positioniert, das überlässt Haugerud einmal mehr dem Zuschauer:in selbst. Seine Ideen sind als Angebot zu verstehen, als Vorschläge, die im Film von den vier Hauptfiguren auf unterschiedlichste Weise diskutiert werden, miteinander oder in inneren Monologen, aber nie endgültig: Was man mit den „Träumen“ anfängt, wie man mit ihnen in Dialog tritt, was man für sich selbst herausholt, bleibt offen. Schon in meiner Besprechung zu „Liebe“ habe ich geschrieben: „Erwachsene Menschen, die sich über wesentliche Dinge des Lebens unterhalten, ohne jemals die Stimmen zu erheben: sachlich, neugierig, klug, fragend. Und die versuchen, sich einen Reim darauf zu machen, was uns ausmacht, wie Sex, Träume und Liebe zentrale Triebfedern sind für das, was uns ausmacht, was uns antreibt, was uns glücklich macht und traurig, wie wir unser Leben führen, ob selbstbestimmt oder gesteuert von äußeren Einflüssen.“ Das macht die Trilogie einzigartig, ihre Bereitschaft, das Publikum ernstzunehmen und auch herauszufordern: Haugerud ist ein Freidenker abseits von Konventionen und Einordnungen. 

Gut möglich, dass er sich als mittlerweile 60-jähriger Mann allemal unmittelbar wiedererkennt in seiner 16-jährigen Heldin Johanne, gespielt von Ella Øverbye, zumindest in gewissen Aspekten, die ihren Schaffensdrang anbetreffen, ihr tiefes Bedürfnis, all die Dinge, die in ihr vorgehen, schriftlich festzuhalten: Hier sind es vor allem ihre Gedanken und Sehnsüchte, weil sie, die selbst so liebend gern Literatur liest, sich zum ersten Mal verliebt hat, ausgerechnet in ihre neue Lehrerin Johanna, gespielt von Selome Emnetu: Sie kann nicht anders, aber Johanna raubt Johanne den Atem, lässt ihre Gedanken verrückt spielen und ihre Fantasie. Und schreibt all das nieder, in leidenschaftlichen Texten, die so eindringlich und kunstvoll verfasst sind, dass die Grenzen verschwimmen zwischen dem tatsächlich Passierten und lediglich Imaginierten. Das macht die Schwärmerei auch zu einem Rätselspiel, ob die gezeigten Bilder und die aus dem Off deklamierten Texte tatsächlich miteinander korrespondieren. Was wiederum auch die Grundlage eines Gesprächs zwischen Johannes Großmutter und Johannes Mutter.

Johannes Großmutter Karin, gespielt von der legendären norwegischen Schauspielerin Anne Marit Jacobsen, seit bald fünf Jahrzehnten eine Instanz, ist selbst eine Schriftstellerin und wurde von ihrer Enkelin ins Vertrauen gezogen, nur um innerlich erschüttert festzustellen, dass Johanne ein viel größeres Talent hat, als sie es jemals besaß, und ihr nun anrät, sich mit ihrer Verlegerin in Kontakt zu setzen, um eine mögliche Veröffentlichung zu diskutieren. Obwohl sie Johanne versprochen hatte, niemand sonst die intimen Texte lesen zu lassen, gibt sie sie auch ihrer Tochter Kristin, gespielt von Ane Dahl Torp, die sich schockiert zeigt von den sexuell expliziten Beschreibungen und sich nicht vorstellen kann, dass sie nur der Fantasie ihrer Tochter entsprangen. Während Kristin sich mit Johannes Lehrerin treffen will, beginnt Karin mit ihrem Alter zu hadern, über verpasste Chancen nachzudenken und resigniert festzustellen, dass viele Dinge, die sie Zeit ihres Lebens als Grundpfeiler ihrer Existenz angesehen hatte, nie wieder eine Rolle spielen werden. 

Noch einmal eine kurze Passage aus meiner Besprechung zu „Liebe“: „Haugerud lässt (…) nie einen Zweifel daran, dass es sich um Versuchsanordnungen handelt, um durchzuexerzieren, was ihm durch den Kopf geht, eine Utopie, wie man sein Leben auch führen kann, ohne sich immer gleich von Normen und Regeln unter Druck gesetzt zu fühlen.“ Anders als „Liebe“ ist „Träume“ weniger verschmitzt, anders als „Sehnsucht“ ist Träume“ weniger schockierend. Allen drei Filmen wohnt indes inne, dass sie bei allem Ernst und Nachdruck ungemein verspielt sind, sich bei aller Erdung und Nachvollziehbarkeit selbst keine Grenzen setzen: Nur die Fantasie ist die Grenze. Das eint Dag Johan Haugerud mit seiner Heldin Johanne. Und macht „Träume“ wie alle drei „Oslo Stories“ zu einem singulären Ereignis, dem man sich unmöglich entziehen kann. 

Thomas Schultze