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REVIEW TV: „Polizeiruf 110: Jenseits des Rechts“


Die spannende Suche nach dem Mörder eines Amateur-Pornodarstellers führt in eine vertrackte juristische Sackgasse und zu tragikomischen Wendungen.

CREDITS: 
Land/Jahr: Deutschland 2024; Laufzeit: 88 Minuten; Drehbuch: Tobias Kniebe; Regie: Dominik Graf; Besetzung: Johanna Wokalek, Stephan Zinner, Emma Preisendanz, Jule Gartzke, Florian Geißelmann, Martin Rapold, Michael Roll, Falka Klare, Carin C. Tietze; Sender/Plattform: ARD/BR; Start: 29. Dezember 2024

REVIEW:
Wenn der „Sonntagabendkrimi“ von Dominik Graf inszeniert wurde, lehnt man sich nicht unbedingt entspannt zurück, sondern sitzt leicht angestrengt zum Bildschirm gebeugt auf der Sofakante. Man hört und sieht genauer hin, als man es an dieser Stelle gewohnt ist, weil die Zwischentöne häufig lauter sind als die Dialoge, weil man sich in dem hastigen Gewirr von Stimmen und dramatischen Soundfetzen, Rückblenden, sprunghaften Schnitten, ungewöhnlichen Kameraeinstellungen, Assoziationen erst einmal zurechtfinden muss – genau das ist das Gute daran. Nichts ist hier Dienst nach Vorschrift oder Quote, wovon auch Grafs siebter Beitrag zur „Polizeiruf 110“-Reihe handelt, sein erster mit dem Münchner Ermittler:innen-Duo Cris Blohm und Dennis Eden, sein zweiter nach einem Drehbuch des Filmjournalisten und Autors Tobias Kniebe, der sich einmal mehr mit den Paradoxien der Rechtsprechung beschäftigt: damit, wie das Gesetz die Suche nach Gerechtigkeit unter Umständen behindert, wenn etwa entscheidende kriminaltechnische Erkenntnisse gar nicht erst als Beweismittel herangezogen werden dürfen.

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„Polizeiruf 110: Jenseits des Rechts“ (Credit: BR/PROVOBIS Gesellschaft für Film und Fernsehen mbH /Hendrik Heiden)

Natürlich ist auch hier ein Mord geschehen. Am frühen Morgen wird die Leiche des jungen, krass erfolgreichen Amateur-Pornofilmers Lucky (Florian Geißelmann) in seinem Wohnwagen in einem alternativen Künstlerquartier aufgefunden. Die Todesursache: Atemstillstand nach einer toxischen Dosis von Ketamin und anderer Drogen, die ihm gewaltsam verabreicht wurden, wie die abgebrochene Spritze in seinem Arm verrät, Hautfetzen unter einem Fingernagel lassen auf einen Kampf schließen, außerdem wurden Kamera-Equipment und sämtliche Datenträger entwendet. Lucky war seit kurzem schwer verliebt in Mia (die großartige Emma Preisendanz aus Dominik Grafs legendärer „Tatort“-Doppelfolge „In der Familie“ von 2020), die mit ihm in seinen letzten Sexvideos auf der Website Amorphoria zu sehen ist. Mias Vater ist der prominente, verwitwete Edelmetallhändler Ralph Horschalek (Martin Rapold), der sich gerade mit Aktivisten herumärgern muss, die seine Geschäftsbeziehungen zu einem weltweit geächteten Waffenhändler anprangern. Nun fürchtet er erst recht um seinen Ruf, da die Pornokarriere der Tochter an die Öffentlichkeit gelangen könnte, als Kriminalhauptkommissarin Cris Blohm (Johanna Wokalek) und Kommissar Dennis Eder (Stephan Zinner) ihn bei ihren Ermittlungen ins Visier nehmen. Die naheliegende Vermutung scheint sich zu bestätigen, zumal Rechtsmedizinerin Franca Ambacher (Jule Gartzke) bei einem DNA-Abgleich feststellt, dass der Mörder ein naher Verwandter von Mia sein muss. Allerdings darf dieses Wissen aufgrund juristischer Fallstricke nicht ausgeplaudert werden, es weiterzugeben, wäre eine Straftat. So weiht Franca kurz vor dem Nervenzusammenbruch lediglich Cris Blohm ein, die damit selbst in die Zwickmühle gerät, vor der Wahl steht, dem dringendsten Verdacht nachzugehen, ihre Karriere und das Vertrauen ihres Kollegen zu riskieren, oder einen alternativen Weg zu finden, um den Täter eindeutig zu identifizieren.

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„Polizeiruf 110: Jenseits des Rechts“ (Credit: BR/PROVOBIS Gesellschaft für Film und Fernsehen mbH /Hendrik Heiden)

Der Casus knacksus des Films liegt darin, dass der (aufmerksame) Zuschauer bereits in der Anfangssequenz Hinweise auf das Ende erhält, in einer raffinierten Exposition, wie sie wohl nur Dominik Graf schaffen kann, in der eine (der Tat vorausgehende) Sitzung von Mia Horschalek bei ihrem „Edel-Shrink“ Martin Weibold (Michael Roll) in Splitscreen-Optik zerlegt wird, in eine Montage aus albern verspielten und gleichzeitig verstörend harten Sexszenen, Nahaufnahmen von räumlichen Details und Gesichtern, in denen jedes Zucken von Bedeutung ist, und in der die Tochter aus gutem Hause ihrem etwas zu vertraut wirkenden Therapeuten das irritierende Geständnis macht, dass sie sich mit „Lucky Love“ und vor dessen Kamera endlich frei fühle – „weil er mich sieht und, sorry, weiß, dass ich von ihm benutzt werden will“ – wofür sie aber alle hassen würden. Vieles spricht gegen diese Verbindung, vieles spricht vor allem gegen Mias Vater, und man erlebt im Folgenden, wie Cris Blohm „innerlich immer bockiger“ wird, als ihr Hauptverdächtiger von seiner abgebrühten Anwältin Verena Wegener (Carin C. Tietze) in einem herrlich eloquenten Monolog vorsorglich verteidigt und sogar vom Polizeipräsidenten in Schutz genommen wird – die Munich Gold AG sei schließlich von großer Bedeutung für den Wirtschaftsstandort. Während Dennis Eden zur allgemeinen Belustigung im Internet und China nach Anhaltspunkten sucht, kommen ihm Horschaleks „Sys-Admins“ in die Quere, die Luckys Amorphoria-Account hacken und seinen Content löschen sollen. Unterdessen suchen die Rechtsmedizinerin und Cris Blohm juristischen Rat und nach einer Gesetzeslücke, das kluge Drehbuch nimmt sich Zeit, um auch dem Publikum die schwer verständliche Sachlage zu erörtern, warum der vorliegende genetische Nachweis niemals Akten, Notizen und Protokolle erreichen darf, liefert zugleich weitere relevante Hinweise wie Fußabdrücke vom Tatort – Spuren, die gleich wieder vernachlässigt werden.

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„Polizeiruf 110: Jenseits des Rechts“ (Credit: BR/PROVOBIS Gesellschaft für Film und Fernsehen mbH /Hendrik Heiden)

Stattdessen verschafft sich Cris im Alleingang bei der Influencerinnen-Geburtstagsparty von Mias Schwester Sasha (Falka Klare) Zugang zur Villa der Familie Horschalek, um den mutmaßlichen Täter mit nicht ganz legalen Methoden und vollem Körpereinsatz zu überführen, was in den letzten dreißig Minuten für hochspannende und hochkomische Wendungen bis zum kompromisslosen Schlussakkord sorgt. Fast will man sich dann doch zurücklehnen bei dieser unterhaltsamen One-Woman-Show von Johanna Wokalek, die als Partycrasher in der Abstellkammer ausharrt – man möchte derzeit keiner anderen Ermittlerin im deutschen Fernsehen lieber beim Scheitern zusehen als der hemdsärmeligen, sympathischen, überaus überzeugenden Kommissarin Blohm, die die „strategische Empathie“ ebenso gut beherrscht wie ihre Vorgängerin Bessie Eckhoff, und die sich ihrer Schwächen und Fehltritte sehr wohl bewusst ist. „Ich seh‘ mich schon auch als Mensch“, sagt sie an einer Stelle, nachdem sie bereits am Anfang dabei ertappt wird, wie sie ein Möbelstück in einen Kleintransporter hievt, das „zum Verschenken“ auf den Gehweg gestellt wurde, wobei ihr helfender Kollege über Leute schimpft, die „einfach zu viel haben“. Es weht ein anarchistischer Geist durch den Film, durch die Inszenierung, die Dialoge und sogar durch München. Es geht um Widerstand und Freiheit, auch in der Kunst, um Menschen, die sich nichts vorschreiben lassen wollen und die Kontrolle verlieren, darum, was echt oder fake ist, falsch oder richtig, vor oder jenseits des Gesetzes. Das Urteil bleibt dem Zuschauer überlassen, wohlmöglich ist aber alles verwerflicher und anrüchiger als das, was man im ersten Augenblick dafür hält.

Corinna Götz