SmHJHX

Am Freitag, den 25.10. werden wir ab 15.00 Uhr bis ca. 18 Uhr umfangreiche technische Wartungsarbeiten durchführen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.

REVIEW FILMFEST MÜNCHEN: „Euphorie“


Die RTL+-Serie „Euphorie“ zeigt mit epischer Pop-Geste den Weltschmerz der Generation Z, lässt Vergleiche mit der US-HBO-Version vergessen und hat mit dem schauspielerischen Dreigestirn Derya Akyol, Sira-Anna Faal und Eren M. Güvercin ein starkes emotionales Zentrum zu bieten.

Euphorie
V.l.: Sira-Anna Faal, Derya Akyol und Eren M. Güvercin in „Euphorie“ (Credit: RTL / Zeitsprung / Nirén Mahajan)

FAST FACTS:

• Basiert auf dem israelischen Serien-Original „Euphoria“ von HOT, das später auch HBO für die USA adaptierte
• Zeitsprung Pictures hat acht Episoden produziert, Serien-Start ist für Oktober auf RTL+ angedacht
• Es geht um die Generation Z, Weltschmerz, Sex, Drogen und mentale Gesundheit
• Newcomer Derya Akyol, Sira-Anna Faal und Eren M. Güvercin spielen die Hauptrollen

CREDITS:

Auftraggeber: RTL Deutschland (Leitung: Hauke Bartel; Redaktion: Thomas Disch); Produktion: Zeitsprung Pictures – Michael Souvignier, Till Derenbach, Lennart Pohlig (Executive Producer); Drehbuch: Jonas Lindt (Headautor), Paulina Lorenz, Raquel Kishori Dukpa, Antonia Leyla Schmidt; Regie: Antonia Leyla Schmidt, André Szardenings; Kamera: Jonathan Ibeka; Casting: Liza Stutzky; Cast: Derya Akyol, Sira-Anna Faal, Eren M. Güvercin, Kosmas Schmidt, Renée Gerschke, Dilara Aylin Ziem, Vanessa Velemir Diaz, Luna Jordan; Episoden: 8; Weltpremiere: 2.7.25 Filmfest München; Start: Oktober 2025 auf RTL+  

REVIEW:

Als RTL im Jahr 2024 ankündigte, gemeinsam mit Zeitsprung Pictures eine deutsche Serien-Adaption des israelischen Originals „Euphoria“ zu machen, das vor allem durch die US-Fassung von HBO mit Zendaya, Hunter Schafer, Sydney Sweeney oder Jacob Elordi weltweit bekannt wurde, rümpften die deutschen Hollywood-hörigen Serienjunkies erst einmal die Nasen.

Dabei hatte RTL-Fiction-Chef Hauke Bartel den richtigen Riecher, dass es heutzutage schwer genug ist, bei so vielen Inhalten überhaupt Gesprächsthema zu werden. Nach der Premiere der ersten drei Episoden auf dem Filmfest München in der Reihe Neues Deutsches Fernsehen kann nicht mehr nur nicht mit der Nase gerümpft werden, sondern es gilt anzuerkennen, dass das junge Team um Headautor Jonas Lindt, der mit geschrieben habenden Regisseurin Antonia Leyla Schmidt und Regisseur André Szardenings ihr ganz eigenes Ding daraus gemacht haben.

„Euphorie“ erzählt in acht Episoden von einer Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland zwischen Sex, Drogen und psychischen Problemen. Newcomerin Derya Akyol spielt mit Mila eine der drei Hauptrollen. Eine 16-Jährige, die Sex und Reality-Formate liebt, einen davon gelaufenen Vater und eine überlebensgroße Mutter hat und die letzten Monate in der Jugendpsychiatrie verbrachte.    

Newcomerin Derya Akyol reißt Szenerie magnetisch an sich

Sie ist die Erzählerstimme und emotionales Bindeglied in „Euphorie“, was darstellerisch umso beeindruckender von Derya Akyol umgesetzt wird, weil sie trotz schmächtiger Statur in ihrer ersten großen Hauptrolle die Szenerie magnetisch an sich reißt. In der Psychiatrie lernt sie Ali (Sira Anna-Faal) kennen und lieben. Eine deutlich ruhigere, ernstere und erwachsener wirkende Person, die aber von Bindungsängsten getrieben ist.

Der Dritte im Bunde ist Jannis (Eren M. Güvercin), ein ätherischer Schönling und Nachwuchsschauspieler, der mit Drogen dealt und sich mit Mila anfreundet. Spannend bei der von Lisa Stutzky assistierten Casting-Entscheidung der drei Hauptrollen ist, dass zwei der drei Nachwuchsstars auch bei der sehr guten funk-Jugendserie „Druck“ dabei waren. Auf diese Weise erinnert „Euphorie“ an das öffentlich-rechtliche Coming-of-Age-Format.

Traut sich die großen visuellen Gesten

Aber ansonsten ist die RTL+-Serie nochmal ein ganz anderes Biest. Mit mehr als 100 Drehtagen und einem riesigen Ensemble-Cast, in dem man in jeder Folge, fast in jeder Szene noch eine weitere spannende Figur entdecken kann, nimmt „Euphorie“ in seiner Weltschmerz-Schilderung der Gen Z epische Ausmaße an. Es ist ein Format, das sich die großen visuellen Gesten traut. Die Kamera ist immer in Bewegung, es gibt imposante Krankamerafahrten, Figuren, die in die Kamera sprechen und sogar wunderschöne Animationssequenzen.

Euphorie
Die Serie fängt das Lebensgefühl der Gen Z ein (Credit: RTL/Zeitsprung Pictures/Nirén Mahaja)

Sucht man den unvermeidlichen Vergleich mit der sicher bekanntesten US-Adaption von HBO, lässt sich nach den ersten drei Episoden sagen, dass die deutsche Version weniger versext ist, was aber eher am puritanischen Amerika liegen mag. Provokanter ist an „Euphorie“ dann schon eher, wie genau die Serie bei den psychischen Problemen und familiären Dispositionen der Figuren hinschaut. Die deutsche Serie ist dahingehend deutlich mehr Seelen-Striptease.

Das heißt: Ja, es geht in „Euphorie“ direkt mit einem heimlich gefilmten Sex-Handyvideo los, was ins Netz gestellt wird, Mila den Ruf einer „Schlampe“ einbringt und mit dazu beiträgt, dass sie in der Jugendpsychiatrie landet. Aber nochmal härter zu ertragen ist es, wie in einer anderen Szene eine Mutter ihre kleine Tochter im Schwimmbad fast ertrinken lässt, weil sie schnell ans Handy für das nächste potenzielle Date muss.

Euphorie-Premiere beim Filmfest München 2025
„Euphorie“-Premiere beim Filmfest München 2025 (Credit: Kurt Krieger/Filmfest München)

Lebt trotz Epos von den intimen kleinen Momenten

„Euphorie“ ist gelungen auf deutsche Gepflogenheiten angepasst. Das US-amerikanische „Euphoria“ kam 2019 noch vor der Corona-Pandemie heraus, die in der deutschen Serie teils in den Dialogen, aber auch im Nicht-Gesagten deutlich zu spüren ist. Es wird eine Generation mit allen Möglichkeiten und Optionen gezeichnet, die aber vielleicht auch gerade deswegen für die Realitäts- und Weltflucht sämtliche legalen und illegale Drogen in Anspruch nimmt: Sex, Reality TV, Social Media oder Substanzen aller Art.

So episch und aufwendig die Produktion mit dem riesigen Personal daherkommt, den Soundtrack mit modernen Pop- oder Hip-Hip-Songs oder Retro-Hits wie Alphavilles „Forever Young“ zuballert, lebt das Ganze doch sehr von den persönlichen bis intimen Momenten zwischen den drei sehr stark aufspielenden Protagonisten, in denen dann auch subtil die „Pet Shop Boys“ mit „Always on My Mind“ in einer nächtlichen Kopfhörerszene eingesetzt werden.

Es ist klar, dass sich diese Figuren mit ihren ganzen psychischen Problemen und Ängsten noch schwer verletzen werden. Aber man ist nur zu gerne bereit, ihnen auf diesem Trip zu folgen.

Michael Müller