Der Mediatheken-Hit „Asbest“ geht in seine zweite Staffel. Was die Fortsetzung des dreckigen Gangster-Thrillers bereit hält, lesen Sie in unserer Besprechung.
FAST FACTS:
- Folgt auf erfolgreiche erste Staffel
- Kida Khodr Ramadan als Ideengeber und vor der Kamera
- Starke Cast-Ergänzungen durch Clemens Schick, Deleila Piasko, Fabian Hinrichs
CREDITS:
Auftraggeber: ARD Degeto (Redaktion: Carolin Haasis, Christoph Pellander) für Das Erste; Produktion: Pantaleon Films (Dan Maag, Marco Beckmann); Regie: Olivia Retzer, Juri Sternburg; Drehbuch:Juri Sternburg; Kamera: Phillip Kaminiak; Producer:innen: Léonard Häberle, Simon Happ, Stephanie Schettler-Köhler; Cast: Veysel Gelin, Ludwig Trepte, Jasmin Tabatabai, Jan Georg Schütte, David Kross, Detlev Buck, Kida Khodr Ramadan, Clemens Schick, Deleila Piasko, Fabian Hinrichs; Start: 5.12. im Ersten und der ARD Mediathek, 6 Folgen á ca. 40 Minuten
REVIEW:
Run, Momo, Run! Die Hauptfigur der zweiten Staffel von „Asbest“, gespielt von Xidir Koder Alian, ist nach den Ereignissen der ersten Staffel auf der Flucht. Nirgendwo scheint Momo sicher zu sein. Polizei, Gangs und sogar seine eigene Familie sind hinter ihm her – er wird als Mörder gesucht. Gleichzeitig verschieben sich die Machtverhältnisse innerhalb der organisierten Kriminalfamilie. Ámar (Stipe Erceg) und Hassan (Veysel Gelin) kämpfen im Gefängnis um die Vorherrschaft und versuchen sowohl die Polizei als auch ihre Mithäftlinge zu manipulieren. Währenddessen versuchen Momos Partnerin Daniela (Lulu Hacke) und seine Familie, ihr Leben ohne ihn weiterzuführen, werden aber zwangsläufig in kriminelle Machenschaften hineingezogen.

Der Nachfolger des Mediatheken-Hits, dessen erste Staffel schon in seiner Startwoche auf 3 Mio. Views kam, bleibt seinen Stärken treu. Vor allem das World-Building des Gangstermilieus scheint Ideengeber Kida Khodr Ramadan (wieder als „Kurde“ zu sehen) und Drehbuchautor Juri Sternburg besonders am Herzen zu liegen. Bereits in Folge eins liegt der Fokus darauf, die kriminelle Welt weiter auszubauen. Auch wenn man viel Zeit hinter Gittern verbringt, ermöglicht gerade dieses Setting, neue Gruppierungen einzuführen.

„Asbest“ bleibt dabei weiterhin kompromisslos. Illegale Boxkämpfe, Messerstechereien und andere Gewaltspitzen werden ungeschönt gezeigt. Dabei geht die Serie buchstäblich über Leichen. Ohne zu viel zu verraten: Keine Hauptfigur kann sich sicher fühlen – hinter jeder Ecke lauert Gefahr.
Nach dem Erfolg der ersten Staffel konnte die Serie namhafte Verstärkung gewinnen. Clemens Schick verkörpert einen skrupellosen Wärter, dessen Spielsucht ihm zum Verhängnis wird. Deleila Piasko geht Momo als Ermittlerin nach, die gerne die Grenzen des Legalen austestet. Besonders Fabian Hinrichs brilliert als innenpolitischer Senator in seiner doppelzüngigen Schleimigkeit. Die neuen Figuren nehmen viel Raum ein und tragen die Handlung maßgeblich – was allerdings dazu führt, dass mancher Fanliebling aus Staffel eins regelrecht um Bildschirmzeit kämpfen muss.

Das Regieduo Olivia Retzer und Juri Sternburg bringt unterschiedliche Blickwinkel auf die Gangsterwelt ein, was für erfrischende Abwechslung innerhalb der sechs Folgen sorgt. Mal dominieren ernste, dramatische Töne, mal darf die Gangsterwelt trotz kühler Bildsprache als Faszinosum glänzen. Trotz aller Schroffheit und authentischer Kostüme sollte man es mit der Logik nicht zu genau nehmen: Das, was in Deutschland oft unter klischierter „Clan-Kriminalität“ verhandelt wird, dreht „Asbest“stilisiert auf den Maximalwert. Polizeibestechung, Geldwäsche durch Glücksspiel, allgegenwärtige Brutalität – all das gehört hier zur Tagesordnung. Unterlegt wird die Handlung von aktuellen Stars der temporären Musikszene, wie zum Beispiel Paula Hartmann.
Auffällig holprig sind manchmal die Dialoge. Man hat das Gefühl, dass das ganze Gewicht der fiktionalen Welt an den Erklärungen der Figuren hängt. Daher muss sich „Asbest“ zweitweise vorwerfen lassen, dass es dezent overwritten wirkt. Mehr organische Handlungen statt jedes Detail zu erläutern, hätte dem Handlungsfluss sehr gut getan.
Feingefühl ist nicht die Tonlage, die „Asbest“ anstrebt. Es geht um Intrigen, Gewalt und vor allem um Unterhaltung. Und genau daran knüpft die zweite Staffel erfolgreich an. Vor allem der frische Wind durch die Cast-Erweiterung trägt dazu bei, eine dreidimensionale Welt aus schicksalsgebeutelten Figuren zu erschaffen. Damit bleibt „Asbest“ eine sichere Bank, wenn es um dreckige Gangsterthriller „made in Germany“ geht.
Damian Sprenger