Seit 2019 leitet Ulli Stoef gemeinsam mit Jo Daris das Animationsstudio Toon2Tango. Jetzt kommt mit „Mission Santa – Ein Elf rettet Weihnachten” der erste Kinofilm der hundertprozentigen Tochter der LEONINE Animation Studios in die Kinos – und wird nicht der letzte bleiben. Höchste Zeit für ein Gespräch mit dem erfahrenen Animationsexperten.
„Mission Santa – Ein Elf rettet Weihnachten“ stellt einen Meilenstein für Ihre 2019 gegründete Toon2Tango dar: der erste Animationsfilm im Kino, den Sie für LEONINE Studios realisiert haben.
Ulli Stoef: Das ist richtig. LEONINE Studios war im Bereich des Familienfilms und der Animation immer sehr aktiv, davor auch schon die Universum, die in die LEONINE Studios aufgegangen ist. Es ist also eine gute Tradition, die fortgesetzt wird. In dem Bereich der unabhängig produzierten Animationsfilme hat man wiederholt Akzente setzen und schöne Erfolg feiern können. Das soll nun mit Eigenproduktionen weiter betrieben und ausgebaut werden.
Inwiefern lässt sich „Mission Santa“ als Paradebeispiel nennen für die Art von Filmen, die Sie mit Toon2Tango machen wollen?
Ulli Stoef: Wir haben es uns als Ziel gesetzt, Filme zu machen, die in einem 360-Grad-Ansatz ausgewertet werden können. Im Idealfall sollen sie keine Standalone-Filme bleiben. Wir wollen gerne Marken erschaffen, die sich in einem zweiten Kinofilm oder einer Serie fortführen lassen. Wir wollen Merchandise dazu herausbringen und vieles mehr. „Mission Santa“ sehen wir als Titel, mit dem sich all das umsetzen lässt. Auch ist es ein Film, der nicht nur in ein oder zwei lokalen Märkten funktioniert, sondern aus Deutschland heraus auf einem großen internationalen Parkett reüssieren kann. Auch das ist bei „Mission Santa“ gegeben, den wir als gelungenen Auftakt sehen.
„Mission Santa“ haben Sie mit Animations-Häusern auf drei Kontinenten hergestellt.
Ulli Stoef: Europa, Asien und Australien. Ursprünglich waren es sogar vier Kontinente, da war die USA als Partner noch mit an Bord. Bedauerlicherweise geriet unser dortiger Partner ins Trudeln, weshalb wir den Ausfall überbrücken mussten. Das ist natürlich unangenehm und mühselig, aber wir haben es geschafft.
Wie sieht es bereits aus mit den internationalen Verkäufen?
Ulli Stoef: Wir sind sehr zufrieden. Wir arbeiten mit Sola Media als Weltvertrieb zusammen, die den Film unter dem internationalen Titel „Mission Santa: Yoyo to the Rescue“ anbieten. Aktuell können wir Abschlüsse in rund 30 Territorien vermelden, darunter Frankreich, Spanien, Polen, Ungarn…
„Wir haben es uns als Ziel gesetzt, Filme zu machen, die in einem 360-Grad-Ansatz ausgewertet werden können. Im Idealfall sollen sie keine Standalone-Filme bleiben.“
Ulli Stoef
Worauf muss man sein Augenmerk legen, wenn man mit einem deutschen Animationsfilm international ankommen will?
UIli Stoef: „Mission Santa“ passt aufgrund seiner Weihnachts-Thematik nicht für jedes Territorium, im arabischen Raum werden wir uns vermutlich schwer tun… Aber grundsätzlich kann man sagen, dass man eine universelle Geschichte erzählen sollte, die man überall versteht und nachvollziehen kann. Das kann durchaus auch ein rein deutsches Thema oder ein in Deutschland geborenes Thema sein, wie das bei unserem nächsten Kinoprojekt der Fall sein wird, den wir mit einer Schwester aus dem LEONINE-Konzern realisieren werden, Odeon Fiction.
Um was wird es dabei gehen?
Ulli Stoef: Der Film heißt „Paluten Freedom“ und basiert auf der Geschichte des gleichnamigen Social-Media-Stars, der auf YouTube knapp sechs Millionen Follower hat und in seiner „Minecraft“-Welt Charaktere erschaffen hat, die Teil einer mehr als 380 Folgen umfassenden YouTube-Serie sowie einer elf Bände umfassenden Bestsellerreihe und einem Comic sind. Ich finde faszinierend, dass Paluten mit seinen Angeboten bereits seit 2012 aktiv und ungebrochen erfolgreich ist. Das ist höchst ungewöhnlich. Seine Fans sind mit ihm erwachsen worden, haben mittlerweile teilweise selbst schon Kinder. Mit einem Film spricht man automatisch eine sehr breite Zielgruppe an. Und das motiviert uns, das Projekt aus Deutschland heraus zu gestalten, aber aufgrund der sehr modernen und eigenwilligen Bildsprache international aufzusetzen.

Wie kam die Kooperation mit Odeon zustande?
Ulli Stoef: Produzent Philip Voges hatte die Rechte akquiriert, als wir noch gar kein Teil von LEONINE waren. Damals war auch noch nicht klar, dass es ein reiner Animationsfilm werden sollte. Als wir dann zu der Konzernfamilie stießen, kamen wir beim Austausch ins Gespräch und wurden einig, dass Animation genau die richtige Kunstform sein würde, um diesem ungewöhnlichen Projekt gerecht zu werden.
Wie kam es ursprünglich dazu, dass Sie zu LEONINE Studios gestoßen sind?
Ulli Stoef: Fred Kogel und Bernard zu Castell haben sich an uns gewandt mit der Anfrage, ob wir es uns vorstellen könnten, für den Konzern den Bereich Kinder- und Familienunterhaltung aufzubauen, mit Schwerpunkt Animation, aber durchaus auch Realfilm. Das traf sich in einer Zeit sehr gut, als wir mit der neuen Firma, nachdem wir die anderen Produktionsbeteiligungen verkauft hatten, gerade am Anfang standen und es doch schneller und besser anlief, als wir uns das vorgestellt haben. Uns war klar, dass wir besser aufgehoben sein würden mit finanziell starken Partnern im Rücken, gerade wenn man so engagierte Filme wie „Mission Santa“ produzieren will. Dann haben wir die LEONINE Animation Studios gegründet. Unsere Toon2Tango ist eine hundertprozentige Tochter dieser neuen Firma. Die LEONINE Animation Studios allerdings gehören zu 50,1 Prozent den LEONINE Studios und zu 49,9 Prozent meinem Partner Jo Daris und mir.
„Unsere Stärke ist eine höhere Flexibilität bei der Finanzierung aber auch der Auswahl der Stoffe.“
Ulli Stoef
Mittlerweile sind Sie auch mit Mediawan eng verbunden.
Ulli Stoef: Seitdem LEONINE Studios von Mediawan übernommen wurde, arbeiten wir eng mit Mediawan Kids & Family zusammen. Da stehen wir erst am Anfang, aber das gestaltet sich schon jetzt sehr erfreulich.
Zudem gibt es gute Kontakte zu dem Spielwarenhersteller Schleich.
Ulli Stoef: Mit Schleich verbindet LEONINE Kids bereits seit mehreren Jahren eine Partnerschaft im Bereich der Kinderhörspiele. Jo Daris und ich kennen die handelnden Personen bei Schleich ebenfalls schon viele Jahre. Wir fanden diese Figurenwelt immer schon sehr spannend. Schleich hat sich an uns gewandt, weil sie vorhaben, stärker im Bereich Shorts auf YouTube aktiv sein zu wollen. Bislang waren das Stop-Frame-Shorts, und wir werden für sie künftig als Auftragsproduzenten Shorts mit Computeranimation realisieren. Gleichzeitig werden wir das als Ausgangspunkt für eine Animationsserie verwenden. Und vielleicht wird ja noch mehr daraus.

Wie kann man als deutsche Firma in dem höchst volatilen Animationsmarkt mit den amerikanischen Mitbewerbern mit ihren deutlich höheren Budgets bestehen?
Ulli Stoef: Unsere Stärke ist eine höhere Flexibilität bei der Finanzierung aber auch der Auswahl der Stoffe. Man darf nicht klagen, dass wir nicht über die Budgets der amerikanischen Kollegen verfügen, sondern muss das vermeintliche Manko als Vorteil begreifen. Beweglichkeit ist alles. Wenn man die letzten zehn Jahre im unabhängig produzierten Animationsfilm betrachtet, stellt man fest, dass der Wettbewerb größer geworden ist. Die Anzahl der Mitbewerber ist größer geworden, in Deutschland, insbesondere aber im Ausland. Gleichzeitig ist der Markt geschrumpft. Die Abnehmer, ob sie nun Verleiher, Streamer oder Sender sind, sind zurückhaltender, als sie es noch vor einigen Jahren waren. Weil die Produktionsdauer in der Animation deutlich länger ist als im Realfilm, sitzen viele Produzenten jetzt auf ihrem Produkt und suchen nach Käufern, was zu einem Preisverfall führt. Da ist viel in Bewegung, das sich erst einmal wieder einpendeln muss. Und im Serienbereich ist es noch kompetitiver.
Sind wir in Deutschland schlechter aufgestellt als das europäische Ausland?
Ulli Stoef: Sind wir, nicht zuletzt aufgrund der immer noch nicht stattgefundenen Reformierung der Film- und Fernsehförderung. Ich weiß nicht, warum die Politik da nicht in die Pötte kommt. Für uns Produzenten ist das unerträglich. Neidvoll blicken wir beispielsweise nach Spanien: Auf den Kanarischen Inseln kriegt man einen Steuervorteil auf jeden ausgegebenen Euro von 45 bis 50 Prozent, egal ob es Kinofilm, Fernsehserie oder Auftragsproduktion ist. Das ist eine großartige Anschubfinanzierung. In Belgien gibt es zusätzliche Tax-Shelter-Programme und regionale Förderungen. Frankreich hantiert mit CNC-Geldern, regionalen Förderungen und einer Quotenregelung. Wenn wir uns das Umfeld anschauen, kann man sich nur wünschen, dass der eigentliche Wille zur Reformierung auch endlich final umgesetzt wird und nicht dem allgemeinen Reformstau und parteipolitischen Geplänkel zum Opfer fällt.
Sie agieren allemal sehr geschickt in diesem schwierigen Umfeld. Wenn man sich Ihr sehr diverses Portfolio ansieht, lässt sich daraus eine mittelfristige Strategie ableiten?
Ulli Stoef: Bei Toon2Tango wollen wir auf jeden Fall einen Kinofilm pro Jahr machen. Dazu kommen aktuell drei bis vier Serien im Jahr – was sehr viel ist. In Deutschland gibt es keine zweite Firma, die so viel produziert – und das eingedenk der Tatsache, dass wir noch keine sieben Jahre am Start sind. Natürlich hilft uns, dass wir als Produzenten alte Hasen sind und über ein ausgezeichnetes Netzwerk und einen sehr guten Ruf verfügen. Ob der Output mittelfristig so bleiben wird, lässt sich kaum vorhersagen, weil wir als Animationsproduzenten immer sehr stark auf den Markt reagieren, der sich aktuell in einer umfassenden Transformation befindet. Was Kinder und Jugendliche gestern begeistert hat, interessiert sie morgen schon nicht mehr. Dem muss man Rechnung tragen. Da man an einer Animationsserie drei Jahre arbeitet, muss es uns gelingen, immer ein bisschen in die Zukunft zu blicken, um die richtigen Formate zu finden. Aber wir sind guter Dinge, werden im kommenden Jahr als Ausnahme vielleicht sogar zwei Kinofilme in Angriff nehmen, neben „Paluten Freedom“ noch die Kinoversion einer Serie von uns, „Agent 203“, zusammen mit einer spanischen Firma. Mit einiger Sicherheit werden wir im kommenden Jahr außerdem die TV-Serie zu „Niko“ in Produktion bringen. Zudem befinden sich „Showtime“ und „Monster Loving Maniacs, Staffel 2“, zusammen mit der dänischen Ja Film, in Produktion. Und es kann auch gut sein, dass wir noch „Eldrador“ an den Start bringen. Langweilig wird es jedenfalls nicht.
Das Gespräch führte Thomas Schultze.