2024 wurde die erste Ausgabe der Debütfilm-Förderschiene Talent LAB des Österreichischen Filminstituts und des Filmfonds Wien mit fünf Projekten gestartet. Drei dieser Projekte haben nun eine Förderzusage erhalten und werden als Kinospielfilme realisiert. Das Team von „Soldat“ über ihr Projekt und die aktuellen Herausforderungen für die Branche.
Was zeichnet Ihr Projekt aus?
„SOLDAT“ ist ein Film über das Kindsein in einem Umfeld, das keine Kindheit kennt. Unsere elfjährige Protagonistin Kathi wächst in einer Welt auf, in der Armut und soziale Ausgrenzung unausgesprochen über allem liegen. Sie lebt in einer Plattenbausiedlung am Rand der Stadt – zwischen Party, Parentifizierung, digitalem Lärm und der Abwesenheit verlässlicher Bezugspersonen. Kathi lernt früh, sich anzupassen und verliert dabei fast den Zugang zu ihren eigenen Gefühlen. In einer zu großen Militärjacke und mit abrasierten Augenbrauen kämpft sie sich durch einen Sommer voller Zumutungen und Sehnsüchte. Am Ende bleibt vielleicht kein Ausweg, aber ein Blick auf ein Mädchen, das sich nicht retten lässt und dennoch nicht aufhört, an sich selbst zu glauben. Die Handlung ist untrennbar mit ihrem geografischen und sozialen Schauplatz Auwiesen verbunden, einem Randbezirk der oberösterreichischen Stadt Linz. Seit Beginn der Projektentwicklung ist es uns ein großes Anliegen, die Community vor Ort aktiv in den kreativen Prozess einzubeziehen. In Zusammenarbeit mit lokalen Jugendvereinen gestalten wir partizipative Workshops und schaffen durch offene Castings Gelegenheiten, bei denen Kinder und Jugendliche aus der Umgebung ihre Talente einbringen können.
Auch viele unserer Teampositionen sollen in den nächsten Schritten mit Nachwuchs aus Linz und Umgebung besetzt werden. So entsteht ein Film nicht nur über eine Community, sondern aus ihr heraus. Der Stoff wurde 2024 bereits mit dem Hauptpreis im Zuge des Carl-Mayer-Drehbuchwettbewerbs ausgezeichnet. Im vergangenen Halbjahr durften wir ihn im Rahmen des Talent LABs rund um unser Kernteam Vivian Bausch, Fabian Rausch, Klara Pollak und Lena Zechner weiterentwickeln. Produziert wird das Projekt von der Wiener Produktionsfirma FreibeuterFilm. Nun stehen wir in den Startlöchern und freuen uns, die weiteren Schritte bis hin zum geplanten Drehstart nächsten Sommer gehen zu können.
Mit „SOLDAT“ wollen wir zentrale Fragen unserer Gegenwart verhandeln: Wer gehört dazu – und wer nicht? Was bedeutet Erwachsenwerden in einer Welt, in der Bindungen instabil, Rollen unsicher und Schutzräume brüchig sind? Wir sind uns sicher, dass „SOLDAT“ ein Publikum erreichen wird, das sich für gegenwärtige gesellschaftliche Realitäten interessiert – besonders junge Generationen, für die Fragen nach Zugehörigkeit und Selbstverortung aktuell und spürbar sind.
Wie haben Sie die Begleitung durch das Talent LAB erlebt?
Kurz gesagt: Es ist viel Input in kurzer Zeit. Ein halbes Jahr lag zwischen dem Start des Programms für Projektentwicklung und unserer Herstellungseinreichung – eine knappe Zeitspanne, in der uns schnell klar wurde, wie essenziell ein solides Drehbuch als Grundlage für die weitere Entwicklung ist. Wir waren deshalb sehr froh, zu Beginn des Curriculums bereits auf einer stimmigen Buchfassung aufbauen zu können. Neben unzähligen Workshops zu Themen wie etwa Inclusive Storytelling, Rechte und Verträge, Drehpläne und Kalkulationen stand für unser Projekt vor allem die dramaturgische Arbeit im Mittelpunkt. Außerdem haben wir uns darauf konzentriert, am geplanten Drehort Auwiesen ein Netzwerk aufzubauen – zu Jugendlichen, Sozialarbeiter:innen, Stadtteilarbeiter:innen und weiteren Einrichtungen. Die vielen Recherchereisen nach Linz, unzähligen Scoutings und Castings mündeten schließlich in ersten Probeaufnahmen, in welchen wir eine potenzielle Besetzung an unseren geplanten Schauplätzen erstmalig vor der Kamera sehen konnten. Diese Erfahrungswerte bilden nun die produktionelle Grundlage für die weitere Vorproduktion. Besonders bereichernd war der kollegiale Austausch unter den teilnehmenden Teams – ein Miteinander, das auf Offenheit und gemeinsamem Lernen ausgerichtet war. Das zeigte sich besonders in den Workshops, bei denen die Autor:innen und Producer:innen unter sich waren und die jeweiligen Projekte feedbackten. Wir konnten daher nicht nur an „SOLDAT“ lernen, sondern auch von den Einblicken in die Entwicklungsprozesse der anderen profitieren. Die Kontakte, die wir zu den nationalen wie internationalen Vortragenden knüpfen durften, bleiben uns hoffentlich ebenso wie der Austausch zu unseren Kolleg:innen des ersten Talent LAB-Jahrgangs noch lange erhalten.
Aus Ihrem Blickwinkel als junge Talente betrachtet: Vor welchen Herausforderungen steht die österreichische Kino-Branche aktuell?
Es ist wirklich toll, dass es mit dem Talent LAB jetzt eine dezidierte Nachwuchsförderschiene in Österreich gibt. Das stellt sicher, dass jungen Filmschaffenden ein fixer Platz in der Branche zukommt. Gleichzeitig entsprechen nicht alle Debütprojekte den Maßstäben des Talent LABs, etwa hinsichtlich der Budgetvorgaben von 1,2 Mio. €. Wir nehmen in unserem Arbeitsumfeld einerseits dokumentarische Filmprojekte wahr, die auch mit geringeren Budgets aus den Kulturförderungen der Bundesländer umsetzbar sind. Gleichzeitig kennen wir aber auch Spielfilmdebüts, deren Drehbücher, Besetzungen oder inszenatorischer Anspruch so ambitioniert sind, dass sie mit den vorgegebenen Mitteln schlicht nicht realisierbar wären – zumindest nicht, ohne den Projekten genau jene künstlerische Tiefe zu nehmen, die sie eigentlich auszeichnen. Es braucht daher auch abseits der Nachwuchsprogramme langfristige Finanzierung, Verleihmöglichkeiten und Sichtbarkeit für neue Talente. Dass sich die Unterstützung des Nachwuchses bezahlt macht, hat nicht zuletzt der Preisregen für junge Regisseur:innen bei der diesjährigen Diagonale, dem Festival des österreichischen Films bewiesen: So ging der Preis für den Besten Spielfilm an Mo Harawe für sein Debüt „The Village Next to Paradise”, das im Vorjahr bereits in der Sektion Un Certain Regard in Cannes Premiere feierte. Lisa Polsters Debüt „Bürglkopf” erhielt ebenfalls den Preis für den Besten Dokumentarfilm. Andere aktuelle Erstlingswerke von Bernhard Wenger, Marie-Luise Lehner, Olga Kosanović und Florian Pochlatko verzeichnen ebenfalls internationale Festivalerfolge und erzielen am nationalen Kinomarkt bereits beachtliche Zuschauerzahlen oder lassen – basierend auf ihrer bisherigen Resonanz – vielversprechende Starts erwarten.
Wir hoffen, dass das Interesse der Branche und insbesondere des Publikums für neue Stimmen im österreichischen Film weiterhin stark bleibt – denn es sind die frischen Perspektiven, ungewöhnlichen Stoffe und mutigen Handschriften, die das heimische Kino lebendig halten und es auch international sichtbar machen. Umso wichtiger ist es, jungen Filmschaffenden nicht nur punktuell, sondern nachhaltig Räume zur Entfaltung zu bieten – in der Finanzierung, in der Produktion, im Vertrieb und auf der Leinwand.