Die österreichische Anlauf- und Beratungsstelle #we_do! für mehr Fairness und gegen Belästigung, Diskriminierung und Gewalt hat sich Ende 2025 als unabhängiger Verein neu aufgestellt. Wir haben bei Vorstandsmitglied Sophie Rendl nachgefragt.
#we_do! wurde 2019 ins Leben gerufen. War der lange Projektstatus gewollt? Warum hat es so lange gedauert, bis die Anlaufstelle nun als gemeinnütziger Verein auf ein stabiles Fundament gestellt wurde?
Sophie Rendl: Der Projektstatus war zu Beginn kein Provisorium, sondern eine bewusste Entscheidung. 2019 ging es darum, in einer Branche, in der es bis dahin kaum verlässliche Strukturen gegen Machtmissbrauch, Belästigung und Gewalt gab, überhaupt erst einen Raum zu schaffen: niedrigschwellig, vertraulich und unabhängig. Ein Projektformat erlaubt es, schnell zu reagieren, Angebote bedarfsorientiert zu entwickeln und in engem Austausch mit der Praxis zu lernen. Das Projekt #we_do! wurde im Jahr 2019 außerdem vom Dachverband der Filmschaffenden ins Leben gerufen. In diesem Zusammenhang war es den handelnden Personen damals auch aus Aspekten der Unabhängigkeit wichtig, keine Unterorganisation des Dachverbands zu schaffen.
In den ersten Jahren stand daher weniger die Frage im Vordergrund, wie eine Organisation formal aufgebaut ist, sondern wie Vertrauen entstehen kann. Betroffene wenden sich nur dann an eine Anlaufstelle, wenn sie sicher sein können, dass ihre Anliegen ernst genommen werden, dass Vertraulichkeit gewährleistet ist und dass parteilich und nur mit ihrem Einvernehmen auch gehandelt wird. Dieses Vertrauen wächst über die Zeit, durch kontinuierliche Arbeit, durch Haltung und durch klare Grenzen.
Nach über fünf Jahren im Projektstatus war jedoch klar, dass es sich bei #we_do! nicht um ein zeitlich begrenztes Angebot handelt, sondern um eine dauerhaft notwendige Infrastruktur für die österreichische Film- und Fernsehlandschaft. Die Vielzahl an Beratungen, die systematische Auswertung der Erfahrungen durch die #we_do!-Jahresberichte und die zunehmende Einbindung in präventive und strukturverändernde Prozesse haben gezeigt, dass es eine stabile, rechtlich abgesicherte und institutionell eigenständige Verankerung braucht. Die Gründung des unabhängigen, gemeinnützigen Vereins ist daher der konsequente nächste Schritt.
„Die Vereinsstruktur schafft ganz klar die Voraussetzungen für langfristige Stabilität.“
Wie ist das Angebot nun strukturiert? Was hat sich geändert, und ist die Finanzierung langfristig gesichert?
Sophie Rendl: Die Ombudsstelle verfügt durch den Relaunch über eine eigenständige rechtliche Struktur, die die Verantwortung, Haftung und Organisation transparent regelt. Gleichzeitig wurde sehr bewusst darauf geachtet, dass die strukturelle und inhaltliche Arbeit (insbesondere die Arbeit in den einzelnen Angebotssäulen) getrennt sind. Der Trägerverein stellt die organisatorische und administrative Basis bereit, greift aber nicht in Beratungsprozesse oder fachliche Entscheidungen ein. Diese Trennung ist essentiell, um Unabhängigkeit und Vertrauen zu gewährleisten.
Inhaltlich bleibt das Herzstück der Arbeit unverändert: die vertrauliche, parteiliche Beratung für Betroffene und Zeug:innen. Diese Beratung ist weiterhin kostenlos, auf Wunsch anonym und streng unabhängig organisiert. Sie wird von Daniel Sanin und Alexandra Eitzinger verantwortet, die über langjährige Erfahrung in psychosozialer Beratung und Gewaltprävention verfügen.
Neu beziehungsweise deutlich ausgebaut wurden vor allem die Bereiche Prävention und Fort- und Weiterbildung. Künftig wird es darüber hinaus noch Angebote im Bereich der Konfliktklärung geben. Trainingsangebote für Vertrauenspersonen, Führungskräfte und Teams wurden unter Hinzuziehung von zwei weiteren Trainerinnen (Emily Hanslik, Nina Krebs) weiterentwickelt. Im Bereich der Prävention war das Herzstück, die partizipative Erarbeitung eines Muster-Mitarbeiter:innenschutzkonzepts, das im Januar 2026 auf der Homepage veröffentlicht wird (https://www.ombudsstellefilm.com/#angebote). Gemeinsam mit Partner:innen wurde außerdem an Mindestanforderungen für einzelne Bereiche gearbeitet, wie z.B. mit dem ORF über die Anforderungen an Vertrauenspersonen.
Was die Finanzierung betrifft, schafft die Vereinsstruktur ganz klar die Voraussetzungen für langfristige Stabilität. Sie ermöglicht es, Förderungen zu bündeln, Kooperationen verbindlicher zu gestalten und Angebote planbar weiterzuentwickeln. Gleichzeitig wäre es unseriös zu behaupten, dass Gewaltschutzarbeit jemals vollständig „abgesichert“ ist. Die neue Struktur ist jedoch genau dafür geschaffen, Kontinuität zu ermöglichen, die Finanzierung zu diversifizieren und die Ombudsstelle als dauerhaften Bestandteil der Branche zu verankern.
Wer sind Ihre wichtigsten Partner:innen in der Zusammenarbeit?
Sophie Rendl: #we_do! war von Beginn an als vernetztes Projekt gedacht, weil Gewaltschutz nie isoliert funktioniert. Zentraler Gründungspartner war der Dachverband der österreichischen Filmschaffenden, der das Projekt 2019 ins Leben gerufen und in der Branche verankert hat. Darüber hinaus besteht eine enge Zusammenarbeit mit den Unterstützer:innen des Vereins, wie dem Österreichischen Filminstitut, dem Filmfonds Wien, der Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden, der Film- und Musikwirtschaft sowie der Wirtschaftskammer Wien. Diese Unterstützung ist wichtig, weil strukturelle Veränderungen nur gelingen können, wenn Verantwortung nicht allein bei Betroffenen oder Beratungsstellen liegt, sondern von Institutionen mitgetragen wird.
In der konkreten Beratungsarbeit ist zudem ein breites Netzwerk an Kooperationspartner:innen entscheidend. Dazu zählen Gewalt- und Opferschutzeinrichtungen, Organisationen wie die Gleichbehandlungsanwaltschaft, die Gewerkschaft oder die Arbeiterkammer. Diese Vernetzung stellt sicher, dass Betroffene nicht allein gelassen werden und passende Unterstützung erhalten.
Darüber hinaus ist der fachliche Austausch mit ähnlichen Einrichtungen im In- und Ausland zentral. Besonders wichtig ist hier der Blick nach Deutschland zur Themis Vertrauensstelle, die als bewährtes Modell zeigt, wie eine branchenspezifische Ombudsstelle zugleich unabhängig, professionell und strukturell wirksam arbeiten kann. Auch die vera* Vertrauensstelle ist hier eine Partnerin.
„Die Arbeitsbedingungen in der Branche bleiben geprägt von hohem Zeitdruck, prekären Beschäftigungsverhältnissen und steilen Hierarchien.“
#we_do! arbeitet nach dem Sechs-Säulen-Prinzip. Warum hat sich dieser Ansatz im Gewaltschutz bewährt?
Sophie Rendl: Der Sechs-Säulen-Ansatz folgt einem grundlegenden Verständnis von Gewalt: Sie ist selten ein isoliertes Ereignis und fast nie das Problem einzelner Personen. Gewalt entsteht in Strukturen, in Machtverhältnissen, in Abhängigkeiten und in organisationalen Kulturen und ist ein systematisches Problem. Wer Gewaltschutz ernst nimmt, muss daher über Einzelfallbearbeitung hinausgehen und einen Zusammenhang zwischen Beratung, Lernen und struktureller Veränderung herstellen.
Genau das bildet der Full-Circle-Ansatz von #we_do! ab. Erfahrungen aus der Beratung werden nicht als abgeschlossene Fälle betrachtet, sondern als Quelle für Informationen über strukturelle Probleme. Sie zeigen wiederkehrende Muster, systemische Schwachstellen und Einfallstore für Machtmissbrauch. Dieses Wissen fließt bei #we_do! dann in Trainings und Weiterbildungen ein, in denen Haltung, Wissen und Handlungskompetenz vermittelt werden. Daraus entstehen wiederum präventive Maßnahmen, Mindeststandards und Schutzkonzepte, die die Verantwortung nicht individualisieren, sondern kollektivieren.
Ergänzt wird dieser Kreislauf durch Vernetzung, politische und institutionelle Anbindung sowie durch gezielte Kommunikation und Bewusstseinsbildung. Konfliktklärung ist dabei ein klar abgegrenztes Instrument, das dort eingesetzt wird, wo es sinnvoll und sicher ist – niemals als Ersatz für parteiliche Betroffenenberatung. Die Stärke dieses Ansatzes liegt darin, dass er den gesamten „Kreislauf“ des Gewaltschutzes abbildet: vom Zuhören über das Lernen bis hin zur Veränderung von Rahmenbedingungen. So wird verhindert, dass Maßnahmen symbolisch bleiben oder sich in Einzelinterventionen erschöpfen.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus den ersten Jahren – wie ist die Situation in der österreichischen Film- und Fernsehlandschaft heute?
Sophie Rendl: Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen ein ambivalentes Bild. Einerseits ist das Bewusstsein für Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und strukturelle Ungleichheiten in der Branche deutlich gestiegen. Fürsorgepflicht wird zunehmend als Teil professioneller Verantwortung verstanden, nicht als freiwillige Zusatzleistung. Immer häufiger wenden sich Organisationen und Produktionen an #we_do!, um aus Konflikten zu lernen und Strukturen zu verbessern. Besonders im Bereich der Prävention, etwa bei der Entwicklung von Mitarbeiter:innenschutzkonzepten, ist eine wachsende Bereitschaft zur gemeinsamen Weiterentwicklung spürbar.
Gleichzeitig bleiben die Arbeitsbedingungen in der Branche geprägt von hohem Zeitdruck, prekären Beschäftigungsverhältnissen und steilen Hierarchien. Gleichzeitig verschärfen sich die Rahmenbedingungen zunehmend: Sparmaßnahmen auf politischer Ebene, ein insgesamt restriktiver werdendes Förder- und Sozialsystem sowie Entscheidungen wie das Streichen der Zuverdienstmöglichkeiten zum AMS-Geld erhöhen den Druck auf Filmschaffende weiter und verstärken Abhängigkeiten. Diese Faktoren begünstigen Machtmissbrauch und erschweren es Betroffenen, sich zu wehren oder Vorfälle zu melden. Auch wenn die Zahl der Beratungsanfragen im Jahr 2025 leicht zurückgegangen ist, lässt sich daraus kein einfacher Schluss auf eine Entspannung der Lage ziehen. Meldezahlen sagen immer auch etwas über die Sichtbarkeit der Beratungsangebote und über öffentliche Diskurse aus, nicht nur über das tatsächliche Ausmaß von Gewalt.
Inhaltlich zeigen die Beratungen weiterhin Schwerpunkte bei Sexismus und sexueller Belästigung, bei psychischer Gewalt und Machtmissbrauch sowie bei rassistischen Vorfällen; Ableismus und Queerfeindlichkeit werden zwar thematisiert, sind aber nach wie vor Bereiche, die strukturell noch zu wenig bearbeitet werden. Ein zentrales Lernfeld bleibt daher die Frage, wie Schutzkonzepte so gestaltet werden können, dass sie alle Formen von Diskriminierung mitdenken und nicht bei den sichtbarsten Themen stehen bleiben.
Die kontinuierliche Aufarbeitung der Beratungstätigkeit im Rahmen der Jahresberichte hat wesentlich dazu beigetragen, diese strukturellen Muster sichtbar zu machen. Sie zeigen, wo Macht konzentriert ist, wo Verantwortlichkeiten fehlen und wo Schutzmechanismen greifen oder versagen. Ziel war und ist es dabei stets, aus diesen Erkenntnissen konkrete Empfehlungen abzuleiten und so von der Reaktion auf einzelne Vorfälle hin zu nachhaltiger Prävention zu kommen. In diesem Sinn hat sich in den letzten Jahren viel bewegt – aber nicht genug, um auf verlässliche Strukturen zu verzichten.
Die Fragen stellte Barbara Schuster