Trumps Plan, außerhalb der USA produzierte Filme mit massiven Strafzöllen zu belegen, versetzt die Branche in Aufruhr. Noch ist völlig unklar, welche Form diese Drohung annehmen kann – aber der Tenor ist eindeutig. SPOT sammelt Stimmen aus der Branche.

Er schlug ein, wie die sprichwörtliche Bombe: Ein Post von US-Präsident Donald Trump auf der Plattform „Truth Social“, in dem er erklärte, dass er angeordnet habe, „ab sofort“ Strafzölle in Höhe von 100 Prozent auf Filme zu erheben, die im Ausland produziert worden seien. Welche Form genau dies annehmen kann und soll, ist derzeit noch völlig offen – wie schon die grundsätzliche Frage, auf welcher Rechtsgrundlage ein solcher Vorstoß erfolgen kann. Nicht zuletzt Kaliforniens Gouverneur Gavin Nesom hatte dem US-Präsidenten umgehend die Autorität für das abgesprochen, was er gestern Nacht europäischer Zeit ventiliert hatte. Umso größer ist die Verunsicherung; SPOT sammelt an dieser Stelle Stimmen, die Liste wird laufend aktualisiert.

„Die Verunsicherung ist immens“
Julia Maier-Hauff, Geschäftsführerin von PROG Producers of Germany
„Die Ankündigung ist selbstverständlich erst einmal ein Schock, auch wenn sich ad hoc noch gar nicht beurteilen lässt, wie die konkreten Maßnahmen überhaupt aussehen sollen – sowohl praktisch als auch rechtlich. Eine Kernfrage ist natürlich, auf welchen Kriterien die Zölle überhaupt aufbauen sollen und ob Koproduktionen von ihnen erfasst wären. Sollte dies so sein und würden nur solche Filme von Strafzöllen ausgenommen, die ausschließlich in den USA produziert und gedreht werden, wären die Rahmenbedingungen für Koproduktionen mit den USA massiv erschwert, es stünde dann auch die Frage nach dem Schicksal von Förderung aus Deutschland bzw. Europa als wichtiger Finanzierungsbaustein im Raum. Und wie sieht es mit Produktionen aus, die rein für einen US-Auftraggeber entstehen? Wo wäre der Anknüpfungspunkt für Zölle, wenn ein US-Streaminganbieter eine deutsche Serie lizenziert oder ein Kino einen deutschen Film ins Programm nimmt? Nicht umsonst wurden in den USA umgehend erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit einer solchen Maßnahme erhoben. Wie dem auch sei: Die Verunsicherung ist immens, bei Unternehmen, die viel in den USA arbeiten, die viel mit US-Unternehmen kooperieren, aber auch bei Produktionsunternehmen, die mit ihrem Film auf den Vertrieb auf dem US-Markt über Kinos und Streamer abzielen. Wie auch immer geartete Zölle könnten die Finanzierung von Filmen über Pre-Sales durch Weltvertriebe gefährden.
Was sich aus meiner Sicht auf jeden Fall sagen lässt: Ein solches Signal untermauert umso mehr, wie wichtig es ist, den deutschen und europäischen Filmstandort attraktiv aufzustellen. „Lieber klotzen statt kleckern“ muss in einem solchen politischen Klima die Devise sein.

„Der Dämpfer ist erst einmal da“
Henning Molfenter, Geschäftsführer Babelsberg Production Group
Wenn ich ehrlich bin: Ich habe so etwas beinahe kommen sehen. Hollywood ist ein weltweites Symbol, die US-Filmindustrie ist eine Flagship-Industrie – und dass US-Produktionen im Ausland gedreht werden, ist seit Jahrzehnten gang und gäbe. Dass diese Industrie in Trumps Fokus steht und nun auch in den Strudel gerät, verwundert mich nicht. Was es konkret bedeutet, darüber kann man ad hoc nur rätseln. Ich vermute, dass es am Ende wohl nicht so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Aber das Kernproblem, das sich auf den zweiten Blick zeigt, ist: Wir sprechen von einem sehr fragilen System, insbesondere nach der Pandemie und nach den Streiks. Wenn jetzt wieder die sprichwörtliche Pausetaste gedrückt wird – und sei es nur wegen der immensen Verunsicherung – dann verschieben sich wieder unzählige Produktionen um Monate oder gar Jahre. Oder brechen im schlimmsten Fall ganz zusammen. Denn die Fenster, in denen Produktionen realisiert werden können, sind bekanntermaßen klein. Sei es wegen des Wetters, der Verfügbarkeit von Lokalitäten, Talent oder Crew oder aus ganz anderen Gründen. Diese Unsicherheit ist ein unmittelbarer Effekt der jetzt verkündeten Pläne – und das ist gerade in der aktuellen Phase gefährlich.
Ich kann nicht erkennen, wie ein solches Vorgehen die US-Branche stärken soll. Dass viele US-Filme im Ausland produziert werden, hat mit Fördermodellen zu tun, die oftmals stärker aufgestellt sind als jene in den US-Bundesstaaten. Aber es ist vor allem auch eine Frage der hohen Produktionskosten in den USA. Was würde denn passieren, wenn US-Filme nur noch in den USA realisiert werden könnten? Die Konsumentinnen und Konsumenten müssten den Preis dafür zahlen – ob dazu überhaupt die Bereitschaft bestünde, ist fraglich. Wenn finanzielle Mehrbelastungen der Studios auf die Kinotickets umgelegt würden, könnte man sich an einer Hand abzählen, was geschehen würde. Zusammen mit der Entwicklung der US-Verbraucherpreise ist das ein ganz gefährlicher Mix.
Trump hat in seinem ersten Statement nur von Filmen gesprochen. Unklar ist, ob auch Streamer und Serienproduktionen einbezogen werden sollen. Die nächste Frage lautet: Was, wenn Europa zurückschlagen will? Sollen dann hier im Gegenzug Zölle auf US-Filme erhoben werden? Das würde im Endeffekt bedeuten, dass sich die Konsumenten in Europa von Hollywood abwenden würden. Das kann man in den USA doch auf gar keinen Fall wollen. Der „Hollywood Dream“ ist seit Jahrzehnten Exportschlager Nummer Eins! Das Filmgeschäft lebt von einer offenen, kreativen Welt. Da geht es nicht einzig und allein um Finanzierung und Förderung. Sondern auch um Schauplätze, um die Locations, die auf die Leinwand kommen. Völlig unklar ist auch, was mit Studios in Europa geschehen soll, die im Eigentum von US-Unternehmen stehen, wie unter anderem auch Studio Babelsberg.
Wir als Babelsberg Production Group werden natürlich weiter in Hollywood für uns und unseren Standort werben, insbesondere vor dem Hintergrund wichtiger kommender filmpolitischer Initiativen wie dem neuen Anreizmodell – und ich gehe davon aus, dass sich die Situation auf Dauer regeln wird. Aber der Dämpfer ist erst einmal da. Umso mehr sollten die Geschehnisse Anlass dazu geben, in Europa enger zusammenzurücken. Denn jede Krise birgt auch Chancen – und vielleicht ist die Chance, dass nun entschiedener daran gearbeitet wird, das große Potenzial der europäischen Filmindustrie zu realisieren. Es werden auf jeden Fall spannende Wochen – auch und gerade dann, wenn sich die weltweite Branche in Cannes trifft…

„Eine weitere Hiobsbotschaft“
Rechtsanwalt Dr. Martin Diesbach, Partner bei Fieldfisher
„Die angedrohten Zölle auf Filme, die außerhalb der USA hergestellt wurden, zeigen, dass die Trump-Regierung die Filmindustrie nicht versteht. Film ist eine Weltsprache. Filme wurden schon immer dort hergestellt, wo sie entweder originär herkommen, also ‚on location‘, oder dort, wo die besten Produktionsbedingungen herrschen.
Genau so – durch die Suche nach den besten Produktionsbedingungen – ist ja auch „Hollywood“ vor über 100 Jahren entstanden: Nicht nur wegen der günstigen Grundstückspreise und des ganzjährig guten Wetters, sondern auch, weil sich die Industrie damals der Durchsetzung bestimmter Patente entziehen wollte. Bis heute werden Filme dort hergestellt, wo es am günstigsten ist. Auch die amerikanischen Filmstudios drehen regelmäßig außerhalb der USA – auch in Deutschland, z.B. im ehrwürdigen Studio Babelsberg.
Und so werden die angedrohten Zölle vor allem für die heimische Filmindustrie ein erhebliches Problem darstellen. Genau deshalb war der Gouverneur von Kalifornien einer der ersten scharfen Kritiker der Maßnahme.
Aber auch für die deutsche Filmindustrie wären Zölle eine massive Bedrohung. Denn die Finanzierung von Filmen hängt maßgeblich von den Verkäufen ins Ausland ab. Fallen die USA als Abnehmer weg, weil Zölle die Investition in ausländische Filme noch riskanter machen, kann das die Finanzierung von Filmen gegebenenfalls unmöglich machen – neben der Unsicherheit über die deutsche Filmförderung ist dies eine weitere Hiobsbotschaft für deutsche Filmproduzenten und Filmschaffende.“

„Gemeinsam die Frage stellen, wie wir mit einer veränderten Welt umgehen“
Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender AG Kino-Gilde/Präsident CICAE
„Noch gilt abzuwarten, was die beunruhigenden Nachrichten aus Washington konkret bedeuten. Überraschend kommen sie nicht und unabhängig davon, ob und wie solche Pläne überhaupt umsetzbar sind, untermauert diese Entwicklung nur, was wir zuletzt mit Nachdruck betont haben: Die Förderung europäischer Werke und der wirtschaftlichen Wertschöpfungskette, aus der sie hervorgehen, ist in diesen Zeiten absehbarer Handelsbarrieren wichtiger denn je – die kulturelle wie wirtschaftliche Souveränität der Länder Europas hängt davon ab. Angesichts der kulturellen Kraft und Relevanz des Kinofilms muss im Sinne der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Film- und Kinowirtschaft alles unternommen werden, um die dringend erforderlichen Wachstumsimpulse freizusetzen. Dem Kulturort Kino kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu – sowohl filmwirtschaftlich für die Sichtbarkeit und den Erfolg unabhängiger deutscher und europäischer Werke als auch gesellschaftlich als kollektiver Diskursraum. Seit dem Bruch der Ampelkoalition liegen im Zuge der unvollendeten Filmreform beide Säulen der Kinoförderung – Programm wie Investition – auf Eis. Diese muss nun beherzt weitergeführt werden mit der zielgenauen Stärkung der vielfältigen, mittelständisch geprägten Kinolandschaft als deren Herzstück. Zugleich müssen wir uns gemeinsam die Frage stellen, wie wir mit einer veränderten Welt umgehen. Risiken und Chancen liegen teils eng beieinander. Gehoben werden können die Potenziale nur im Schulterschluss. Wir als AG Kino-Gilde und als CICAE stehen bereit, an der Gestaltung von Strategien mitzuwirken.“

„Verteuerung des Entertainment-Konsums“
Achim Rohnke, Geschäftsführer VTFF
„Wenn es einen Wirtschaftsbereich gibt, in dem die Globalisierung von Produktionsprozessen, Produkten und deren Auswertung seit Langem vollständig und unumkehrbar globalisiert ist, dann ist das die internationale Film- und Serienindustrie. Die von Präsident Trump nun auch für diese Industrie ins Spiel gebrachten Strafzölle hätten nur einen Effekt, nämlich die Verteuerung des Entertainment-Konsums für den heimischen Konsumenten.“