Die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle legt einen weiteren Bericht zur Geschlechterverteilung im europäischen Kinofilm vor. Bei gleichbleibender Entwicklung wäre laut der Studie im Mittel Parität bis 2047 erreicht – bei erheblichen Unterschieden zwischen den Professionen.
Die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle hat eine neue Erhebung zur Geschlechterverteilung im europäischen Kinofilm vorgelegt. Im Vergleich zur Vorgängerstudie über TV- und Streamingproduktionen bestätigt sich: Der Aufwärtstrend beim Frauenanteil in Schlüsselrollen hält an, bleibt jedoch verhalten. Zwischen 2020 und 2024 stellten Frauen im Schnitt 27 Prozent der professionell Beschäftigten – ein Plus von lediglich drei Prozentpunkten gegenüber 2015 bis 2019.
Zur Einordnung: Wie schon in vorherigen Studien bezieht sich die EAO auf Durchschnittswerte in Vier- bis Fünf-Jahres-Intervallen. Daher sind statistische Verzerrungen im Hinblick auf längere Zeiträume zu beobachten. So kann von 2015 bis 2024 ein Wachstum von fünf Prozentpunkten beobachtet werden, das im Zeitraum nach 2020 eher stagnierte.
Deutliche Unterschiede zeigen sich zwischen den Gewerken. Mit 34 Prozent wurde in der Produktion der höchste Frauenanteil erreicht, gefolgt von Drehbuchautorinnen (31 Prozent) und Editorinnen (30 Prozent). Regisseurinnen kamen auf 27 Prozent. Besonders gering bleibt der Anteil bei Kamerafrauen (14 Prozent) und Komponistinnen (13 Prozent). Damit bestätige die Studie laut EAO eine Branchentendenz: Je stärker eine Position traditionell als Einzelrolle besetzt ist, desto seltener sind Frauen vertreten.
Neben der reinen Präsenz fällt auch die Beschäftigungshäufigkeit ins Gewicht. So erhielten Regisseurinnen zwischen 2020 und 2024 im Schnitt 25 Prozent der Aufträge, gegenüber 75 Prozent für Männer. Bei Drehbuch und Produktion wirken Frauen zwar häufiger in Teamkonstellationen mit, doch auch hier dominieren männlich geführte Gruppen: Nur 22 Prozent aller Drehbücher und 22 Prozent der Produktionen entstanden unter weiblicher Leitung.
Der Vergleich zur Studie über TV- und Streamingproduktionen aus dem Frühjahr 2025 zeigt ein differenziertes Bild. Dort war der Produzentinnen-Anteil mit zuletzt 48 Prozent nahezu paritätisch, während der Kinobereich mit 34 Prozent deutlich zurückbleibt. In der Regie erreichten Serien und Filme für Plattformen immerhin 29 Prozent, im Kino sind es 27 Prozent. Besonders drastisch bleibt die Lücke bei der Kamera: Während TV-Produktionen auf zehn Prozent kamen, liegt der Wert im Kino mit 14 Prozent zwar etwas höher, jedoch weiterhin auf niedrigem Niveau.
Interessant ist auch der Blick auf die langfristige Perspektive. Legt man die durchschnittlichen Wachstumsraten der letzten Dekade zugrunde, wäre Geschlechterparität im europäischen Kinofilm frühestens 2047 erreicht, womit die Zahl aus dem Frühjahr um ein Jahr nach hinten korrigiert wurde. Aufgeschlüsselt nach Gewerken schwanken die Prognosen erheblich: Drehbuch 2043, Regie 2047, Musik 2061, Schnitt 2074, Produktion 2077. Für Kamerafrauen zeichnet die Studie ein besonders ernüchterndes Bild: Parität wäre erst im Jahr 2204 realistisch.
Ein Hoffnungsschimmer findet sich dennoch. Die Analyse zeigt: Sobald Frauen in Schlüsselrollen vertreten sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch andere Departments weiblich besetzt werden. So sind Produktionen mit Regisseurinnen signifikant häufiger zugleich von Autorinnen oder Produzentinnen geprägt. Fortschritte in einem Bereich können also Ketteneffekte in anderen auslösen.
Die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle mahnt damit zum Handeln: Ohne gezielte Fördermaßnahmen droht die Gleichstellung im europäischen Filmgeschäft eine Jahrhundertaufgabe zu bleiben. Während einzelne Gewerke wie die Produktion im Serien- und Streamingbereich bereits näher an die Parität heranrücken, zeigen Kino und besonders technische Berufe, wie tief strukturelle Barrieren noch verankert sind.
Den ganzen Bericht zum Nachlesen finden Sie hier.