Bei der letzten Verleihung der Kino- und Verleihprogrammpreise in der bisherigen Form wurden vom Gastgeber noch einmal alle Register gezogen. Atemberaubende Bilder auf der Cinerama-Leinwand, Akrobatik auf der Bühne, ein an sich absolut runder Abend. Seitens des Kulturstaatsministers gab es bei diesem Anlass aber mehr zu Anreizförderung und Selbstverpflichtung zu erfahren als zur künftigen Kino- bzw. Verleihförderung – und wenigstens eine Bemerkung ließ dann doch etwas verblüfft zurück.

Es war ein Abschied mit Stil, den der Kino- und Verleihprogrammpreis des BKM in seiner bisherigen Form in der Karlsruher Schauburg beging. Wie es im kommenden Jahr weitergeht und in welcher Form eine Zeremonie stattfinden kann und soll? Ist noch offen, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wollte sich an diesem Abend noch nicht recht in die Karten schauen lassen. Auch nicht zur Zukunft der Verleihprogrammpreise, die nicht Teil von „Liebling Kino“ sind, das als neue Programmprämie auf Basis eines automatischen Referenzsystems (die Antragstellung für die erste Runde läuft vom 6. November bis 3. Dezember) die bisherigen Kinoprogrammpreise des Bundes ablöst. Zwar war am Rande der Veranstaltung aus dem Branchenkreis (ausdrücklich nicht dem BKM-Kreis) zu vernehmen, dass diese Verleihprogrammpreise nicht gestrichen werden sollen, ob es aber bei der aktuellen Höhe von (drei Mal) 75.000 Euro bleibt, ist noch nicht klar. Unterdessen machten etliche Kinobetreiberinnen und -betreiber sowohl auf der Bühne als auch beim anschließenden Austausch klar, dass es bei der Zeremonie tatsächlich um mehr gehe, als „nur“ um Geld. Es gehe auch und gerade um deren Außenwirkung gegenüber dem eigenen Publikum – stellvertretend dafür möge das Zitat stehen, das Preisfoto sei im Grunde fast noch wichtiger als die Prämie…
Apropos „Liebling Kino“: Dass der recht eigenwillige Name für diese Maßnahme nicht nur Freunde gefunden hat, bekannte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer auf der Bühne selbst recht freimütig. Ansonsten lieferte seine Rede denkbar wenig Zählbares in Sachen Kinoförderung. Wie schon bei der Jubiläumsfeier des HDF fokussierte sich Weimer erneut komplett auf die Stärkung der Produktionsförderung (ohne diese aber erneut irrtümlich als „Kinoförderung“ zu titulieren), in Sachen Investitions„verpflichtung“ kündigte er an, dass in 14 Tagen die Ergebnisse seiner Gespräche mit Streamern und Sendern bekanntgegeben würden. Ergebnisse, auf deren Basis man nach seinen Worten Investitionen in den deutschen Filmstandort erwarten könne, „wie wir sie noch nie hatten“. Hohe Messlatte, möchte man sagen. „Ich will nicht zu viel versprechen, aber die Ergebnisse können sich wirklich sehen lassen“ ging es dann eine Spur moderater weiter.
Dass sich ein Großteil des Kinomarktes bei dieser Zeremonie mitunter ein wenig abkanzeln lassen muss, hat unterdessen schon ein wenig Tradition. Dennoch legte Weimer an diesem Abend an dieser Stelle die bisherige Messlatte noch ein wenig höher, wenn es um die Geringschätzung dieses Großteils ging: „Ich bin ja selber Medienunternehmer gewesen, viele Jahre lang. Und ich weiß, dass das, was Sie tun, was ganz Besonderes ist. Wir haben ja häufig Kulturschaffende oder Kulturunternehmer, die sehr stark davon leben, dass im Grunde genommen der Staat das finanziert, was Sie machen. Und wir haben auf der anderen Seite Super-Kommerzialisten, die Ketten betreiben und die das einfache Geschäft suchen.“
Worte, die nicht bei jedem im Saal so richtig gut ankamen. Und Worte, die Erinnerungen an die Ausführungen zum KulturPass wachriefen, dem Weimer in der Vergangenheit bescheinigt hatte, seine Intention unter anderem deswegen verfehlt zu haben, weil zu viele Jugendliche „einfach nur ins Kino gegangen“ seien.
Wie genau Weimers Worte auf der Schauburg-Bühne zur eigenen Forderung nach mehr deutschen Blockbustern vom Schlage eines „Das Kanu des Manitu“ passen, bleibt vermutlich sein Geheimnis. Natürlich lief dieser Film auch in vielen der an diesem Abend prämierten Arthouse-Kinos. Aber den Großteil ihrer Zahlen machen solche Filme dann ja vielleicht doch bei jenen, „die das einfache Geschäft suchen“. Hoffen muss man natürlich, dass es sich bei dieser Passage vorrangig um einen verbalen Lapsus handelte – und sie nicht Ausdruck dessen ist, für wie einfach Weimer das Kinogeschäft im Mainstream-Segment hält. Zu einer wie auch immer gearteten Kinoinvestitionsförderung in Form eines Zukunftsprogramms verlor der BKM rund zwei Wochen vor der Bereinigungssitzung zum Bundeshaushalt jedenfalls kein einziges Wort. Es sei denn, man wollte eine wohl eher als Witz gemeinte Bemerkung Weimers auf die Goldwaage legen: „So viel Geld wie wir hier ausreichen, das darf Lars nicht mitbekommen“, begleitete er die Prämierung des Gastgebers mit insgesamt 17.500 Euro.
Wie SPOT bereits exklusiv berichtete, soll derzeit allen Ernstes das diskutiert werden, was schon für den Haushalt 2025 nur als positives Minimalsignal gewertet werden konnte (umso mehr, als auch aus dem BKM-Umfeld verlautete, dass DFFF und GMPF in diesem Jahr tatsächlich ausgeschöpft werden): Offenbar ist derzeit angedacht, jenseits eines überschaubaren Sockelbetrages nur unverbrauchte Mittel aus der Anreizförderung für eine Kinoinvestitionsförderung zur Verfügung zu stellen. Wer kurz nachdenkt, was das für die Antragsfristen bedeuten würde, ahnt womöglich, wo ein Kernproblem liegen könnte…
Zur kompletten Liste der Preisträger
Absolut zustimmen durfte man Weimer natürlich, wenn es um die grundsätzliche Würdigung engagierter kultureller Kinoarbeit und um die spezielle Würdigung des Gastgebers ging. Die Karlsruher Schauburg präsentierte sich nach seinen Worten als regelrechte „Showburg“ – und da konnte man nun wirklich nicht widersprechen. Großartige Showacts und zum Einstieg „An der schönen blauen Donau“. Als Untermalung der entsprechenden Sequenzen aus „2001: Odyssee im Weltraum“, versteht sich. Natürlich in 70mm-Projektion auf der deutschlandweit einzigartigen Cinerama-Leinwand. Gänsehaut. Schlicht Gänsehaut.
Wie bereits berichtet, ging an diesem von Urs Spörri moderierten Gala-Abend der allgemeine Spitzenpreis in Höhe von 20.000 Euro für das beste Jahresfilmprogramm 2024 an die Filmpalette in Köln, ein Haus mit ausgesprochen bewegter Geschichte, die auch eine Zeit als Pornokino umfasste. Das war allerdings lange, bevor die heutigen Betreiber Joachim Kühn und Dirk Steinkühler das Haus übernahmen und am 28. Februar 2004 nach Renovierung und Modernisierung neu eröffneten.
„Wie viel Arthouse passt auf eine Leinwand? Ein kleines Haus mit zwei Sälen und etwas über 100 Plätzen zeigt uns, wie es geht“, so die Juryvorsitzende Nicole Masters von Tobis zu einem Kino, das schon seit Jahren auf der Favoritenliste stehe (übrigens nicht zuletzt auch auf Landesebene, 2024 gewann man eine der Spitzenprämien in NRW) – und in dem es dank des Engagements der Betreiber auch mit den Besucherzahlen nach oben gehe. Engagement, das sich nicht nur darin äußere, dass allein 2024 mehr als 50 Filme Köln-exklusiv in der Filmpalette gezeigt wurden. Sondern auch in zahlreichen Sonderveranstaltungen und Kooperationen oder einem beeindruckend hohen Anteil an Dokumentarfilmen, die auch prominent im Hauptprogramm platziert würden – und auf die im vergangenen Jahr fast ein Viertel des Gesamtbesuchs entfallen sei.
Über ein Viertel Dokumentarfilmanteil bot unterdessen das Kino im Waldhorn aus Rottenburg nicht nur im letztjährigen Programm – sondern kontinuierlich über fast ein Vierteljahrhundert hinweg. Kein Wunder also, dass man zum zweiten Mal den Spitzenpreis für das beste Dokumentarfilmprogramm mit nach Hause nehmen durfte.
Einen „geradezu heroischen Akt“ wiederum bescheinigte die Jury der Leipziger Kinobar Prager Frühling, die den Spitzenpreis für das beste Kurzfilmprogramm erhielt. Denn der Einsatz von Kurzfilmen verspreche in der Regel (also zumindest in der Rolle als Vorfilm) keine weiteren Einnahmen, sei aber mit „Riesenaufwand“ verbunden.
„Essenziell“ wiederum sei die Kinder- und Jugendfilmarbeit – und exemplarisch für besonders engagiertes Wirken stand aus Sicht der Jury im vergangenen Jahr das Thalia Programmkino aus Potsdam, wo man mit viel Herz und Verstand das Programm und seine medienpädagogische Begleitung gestalte. Dafür winkte der Spitzenpreis in dieser Kategorie.
Übrigens: Wer sich auf eine der diesjährigen Programmprämien bewarb, hatte unter dem Strich recht gute Chancen auf eine Berücksichtigung: Denn bei 301 Bewerbungen gab es 238 Kinopreisträger – das ist eine Quote von 79 Prozent.
Nicht ganz so hoch fiel diese Quote bei den Verleihprogrammpreisen aus: Drei Auszeichnungen á 75.000 Euro bei 24 Bewerbungen machte eine gut zwölfprozentige Erfolgschance. Wobei diese je nach Unternehmen vielleicht auch etwas höher lag. Zumindest schaffte es Neue Visionen, nun bereits zum achten Mal vom BKM ausgezeichnet zu werden. Eine mehr als nur beachtliche Leistung – und laut der Jury nicht zuletzt Ausdruck von Mut und Risikobereitschaft. Und just im vergangenen Jahr auch der Bereitschaft zur Kooperation.
Dass konsequenter Weise auch Wild Bunch, mit denen man sich für die hiesige Herausbringung von „Emilia Pérez“ zusammengetan hatte, zu den diesjährigen Preisträgern zählte, kommt dann auch nicht von ungefähr – auch abseits dieser einzigartigen Kooperation bescheinigte die Jury Wild Bunch neben der großen künstlerischen Vielfalt auch strategischen Weitblick.
Kino, das berühre, das im Gedächtnis bleibe. Das wiederum war laut der von Kevin Beck (Scala Programmkino Lüneburg) geleiteten Jury ein Rezept für ein ganz besonderes Kinojahr, das hinter Weltkino liegt. So habe der einzige größere Verleih mit Unternehmenssitz in einem ostdeutschen Bundesland 2024 erstmals die Marke von einer Million Besuchen für seine Filme geknackt. Nicht zuletzt die „Verbindung von Publikumserfolg und kultureller Verantwortung“ sei es, die Weltkino ausmache.
Was wiederum eine gute Rede ausmacht? Flott und auf den Punkt zu sein zum Beispiel. Die Aufforderung, es zum Abschied von der Zeremonie in gewohnter Form noch einmal krachen zu lassen, mit einem kurzen, aber eindringlichen und wichtigen Appell zu verbinden. Gastgeberin Saskia Fleischhauer, die sich ihrem Vater Herbert Born Ende 2019 in der Geschäftsleitung angeschlossen hat, erinnerte daran, wie wichtig es sei, dass Politik wirklich zuhöre. Man brauche nicht nur Worte, sondern echtes Interesse.
Ob Kulturstaatsminister Wolfram Weimer dieses für Kino und Verleih in ausreichendem Maß aufbringt, ist auch nach diesem Abend noch nicht wirklich klarer.