Große Wertschätzung erfährt der Produktionsstandort Mitteldeutschland aus der Branche – gepaart mit Anregungen zur weiteren Stärkung der Rahmenbedingungen.
Wir fragten: „Was zeichnet aus Ihrer Sicht den Standort aus – und wie könnte man ihn weiter stärken?“
Christiane Bednarek, Geschäftsführerin STUDIOPARK KinderMedienZentrum
Thüringen hat sich zu einem der spannendsten Medienstandorte Deutschlands entwickelt – klein, aber mit klarer Handschrift. Der Fokus auf Kindermedien und die über die letzten Jahre gewachsene Branchenstruktur haben ihr Übriges getan. Ein zentraler Motor dieser Entwicklung ist der STUDIOPARK KinderMedienZentrum in Erfurt. Seit 2007 entstehen hier nationale und internationale Erfolgsproduktionen – von Fernsehserien über Kinofilme bis zu Musikvideos. In direkter Nachbarschaft zum KiKA, MDR und zahlreichen Medienunternehmen bildet der Mediencampus ein einzigartiges kreatives Netzwerk. Besonderer Wert wird dabei auf nachhaltige Produktionsprozesse im Sinne des Grünen Drehens gelegt. Thüringen überzeugt mit kurzen Wegen, der guten Erreichbarkeit aus allen Teilen Deutschlands, professioneller Infrastruktur, verlässlichen Netzwerken und einer Vielfalt unverbrauchter Drehmotive. Die Zusammenarbeit mit Kommunen und Dienstleistern funktioniert schnell und unkompliziert – ein klarer Standortvorteil gegenüber den überlaufenen Medienmetropolen. Um diesen Erfolg auszubauen, braucht es gut ausgebildete Fachkräfte und attraktive Rahmenbedingungen zur Ansiedlung weiterer Medienunternehmen. Kooperationen mit Thüringer Hochschulen und gezielte Nachwuchsförderung bilden bereits eine starke Basis. Eine bewusstere Auftragsvergabe der vor Ort ansässigen TV-Sender an lokale Produzenten, sowie eine zielgerichtetere Förderpolitik könnte den Standort zusätzlich stärken – Wertschöpfung bliebe in der Region, Produktionsinfrastruktur würde weiter ausgebaut, Planungssicherheit und stabile Arbeitsverhältnisse für junge Medienprofis könnten entstehen.
Tamara Kollmeder, Mediennetzwerk Thüringen
Kurze Wege, vielfältige Locations und spannende regionale Geschichten: Thüringen hat als Produktionsstandort einiges zu bieten. Besonders profitieren Filmschaffende von der guten Vernetzung – untereinander, als auch zu den regionalen Förderern & Partner:innen, wie der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM). Mit dem Mediennetzwerk Thüringen e.V. (MENT) verfügt der Standort über eine starke Branchenvertretung, die sich medienpolitisch engagiert und den Austausch mit anderen Verbänden sowie dem MDR pflegt. Nicht zuletzt ist Thüringen als “Kindermedienland” bekannt: Mit der Ansiedlung des KiKAs, der Initiative der besondere Kinderfilm und dem Deutschen Kinder Medien Festival Goldener Spatz wurden hier einige Stärken aufgebaut. Solide Nachwuchsförderprogramme bilden eine Grundlage für kreative Talente.
Um den Standort weiter zu stärken, braucht es transparente und stärkere Förderstrukturen – insbesondere für innovative Medien-StartUps und größere Filmprojekte – sowie Offenheit für mutige, vielfältige Themen und internationale Filmschaffende. Essenziel sind außerdem klare Einstiegs- und Bleibeperspektiven, damit Talente, die hier ausgebildet werden, langfristig ihre berufliche Zukunft in Thüringen (oder Mitteldeutschland) sehen. So kann die Medienlandschaft kulturelle und wirtschaftliche Impulse für Mitteldeutschland und darüber hinaus setzen.
Joachim Günther, Filmverband Sachsen (Bildcredit: Felix Adler)
Sachsen ist jenseits von Berlin/Potsdam die stärkste und lebendigste Filmregion Ostdeutschlands. Zentraler Standort ist dabei Leipzig, wobei auch in Dresden beachtenswerte Produktionsunternehmen beheimatet sind. Das Potential der Branche zeigt sich vor allem in den Bereichen TV-Produktion, Animations- und Kurzfilm. Eine Reihe von Kino-Produktionen aus Sachsen konnte in den vergangenen Jahren national und international Preise gewinnen. Produktionen wie „Die Spaltung der Welt“ von LOOKSfilm oder „Fritzi“ von BALANCE Film zeigen, dass auch hiesige Produzenten erfolgreich auf dem nationalen und internationalen Markt agieren können.
Dennoch ist die Filmwirtschaft in Sachsen klein- bis mittelständisch geprägt. Nur wenige Unternehmen der Branche haben eine zweistellige Anzahl fester Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Einige wenige davon wiederum sind entweder Töchter größerer Konzerneinheiten (UFA Mitte, 99pro Media) oder öffentlich-rechtlicher Anstalten wie dem MDR (Saxonia Media). Den weit überwiegenden Teil machen die unabhängigen Produktionsunternehmen aus, die sich durch eine hohe Kreativität und Flexibilität auszeichnen.
Quantitativ ist die Größe der sächsischen Filmwirtschaft nicht so leicht zu bestimmen. Während die bislang letzte zugänglich Branchenstudie von GOLDMEDIA 33 aktive Produktionsunternehmen zählt, führt eine aktuelle Liste des MDR über 160 potentielle Produktionspartner aus Sachsen auf und das Statistische Landesamt Sachsen gleich über 200 Steuerpflichtige aus dem Tätigkeitsbereich „Herstellung von Filmen und Fernsehprogrammen, deren Verleih und Vertrieb, Kinos“ mit einem Gesamtumsatz von 116,281 Millionen Euro (2022). Damit liegt der Freistaat hinter den großen Film-/TV-Ländern NRV, Bayern, Berlin und Hamburg auf Platz 5 im deutschen Länder-/Branchen-Ranking, gleichauf mit Brandenburg inkl. Potsdam (Babelsberg).
Allerdings ist der Abstand zu den Vorplatzierten deutlich. Bei allen Qualitäten und Erfolgen hat die sächsische Filmbranche insgesamt mit einigen Schwierigkeiten und Entwicklungsnachteilen zu kämpfen. Zunächst: Sie hat überhaupt erst 1990 angefangen sich zu entwickeln und konnte das von Anfang an nur aus ihren eigenen Kräften heraus tun. Dabei musste sie sich einen Platz an einem gesamtdeutschen Markt erobern, der nicht auf sie gewartet hatte. Deshalb ist traditionell für viele Produzenten auch der in der Region beheimate öffentlich-rechtliche „Heimatsender“ MDR Hauptauftraggeber geworden und geblieben. Zweiter wichtiger Finanzierungspartner ist die Mitteldeutsche Medienförderung. Letztlich sind mit deren Vergabe- und Fördervolumen dem regionalen Markt jedoch Grenzen gesetzt.
Wo liegen die Entwicklungspotentiale? Was sollte getan werden, um den Standort weiter zu stärken? Ausgangspunkt all solcher Überlegungen ist letztlich die Stärkung der Finanzierungsbasis der Branche. Nur dann können mehr Menschen in der Branche beschäftigt werden, nur dann sind Maßnahmen zur Gewinnung und Ausbildung von mehr qualifiziertem Personal sinnvoll, nur dann die durchaus lobenswerten Bemühungen zur Gewinnung und Professionalisierung von Nachwuchs nachhaltig.
Das bedeutet nicht nur eine Erhöhung der in die Region vergebenen Auftrags- und Fördermittel, sondern auch, dass sich die Produzenten und Produzentinnen viel stärker als bisher auf überregionale Märkte und Finanzierungsquellen orientieren müssen. Wirtschaftliche Potentiale für eine weitere Entwicklung müssen mehr von außen geholt werden und kommen. Das stellt viele Produzenten in Sachsen vor große Herausforderungen. Insofern sollten Überlegungen lohnenswert sein, Ihnen auf diesem Weg Unterstützung zu geben und entsprechende Rahmenbedingungen insgesamt, also für den deutschen Filmmarkt insgesamt anzupassen und zu erleichtern.
Ola Staszel, Leitung DOK Leipzig
Der Medienstandort Mitteldeutschland wird aus meiner Sicht immer attraktiver. Allein Leipzig zieht immer mehr Kreative an und wird oft zur Filmkulisse. Der Drehort Görlitz hat sich längst zu einer eigenen Marke etabliert. Der MDR ist wichtiger Koproduktionspartner vieler Filme. Bei DOK Leipzig trifft die regionale Filmbranche die internationale. Die MDM trägt wesentlich zur Nachwuchsförderung bei. Und durch ihre kluge Förderpolitik sowie die gute Arbeit der Filmcommissions in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden in ganz Mitteldeutschland spannende Kinoprojekte realisiert, die auch regionale Themen erzählen. So entsteht Stabilität für Produktionsfirmen, doch die durch Umstrukturierungen der öffentlich-rechtlichen Sender verursachte Situation einiger auf TV spezialisierter Firmen ist unsicher geworden.
Aber wie kommen die Filme zu den Menschen? Die Festival- und Kinolandschaft ist da. Festivals und Kinos dienen nicht nur der Unterhaltung, sondern sind auch Orte der Demokratie, die zunehmend politisch an Bedeutung gewinnen. Nur werden die meisten Kinos allein mit viel Leidenschaft von Kinoenthusiasten betrieben und die Grundversorgung fehlt in manchen Regionen. Städte und Gemeinden sollten kommunale Kinos als stetes Angebot für die eigene Bevölkerung einführen. film.land.sachsen schafft ein tolles Angebot für den ländlichen Raum, kann aber feste Kinos nicht ersetzen. Auch in Leipzig wird seit Jahren für ein Filmkunsthaus gekämpft – leider erfolglos. Dabei wird Arthousekino in Leipzig großgeschrieben, nicht nur bei der Filmkunstmesse, sondern auch bei einem treuen Publikum.
Grit Wisskirchen, Sächsische Filmakademie (Bildcredit: Sächsische Filmakademie)
Mitteldeutschland ist im Bundesvergleich ein relativ junger Filmstandort. Auch Dank der Unterstützung der MDM, ihrer Gesellschafter sowie der ansässigen Sender werden von den mitteldeutschen Produktionsunternehmen und Filmschaffenden starke Ideen mit Herzblut entwickelt und umgesetzt, die international Erfolge feiern und Beachtung finden.
Die Region punktet außerdem mit vielfältigen Programmen für die Nachwuchsförderung. Wir, die Sächsische Filmakademie, sind ein Puzzleteil davon. Wir reagieren mit unseren Angeboten der Aus- und Weiterbildung auf den dringenden Bedarf an Fachkräften in den organisatorischen, handwerklichen und technischen Setberufen. Wir wenden uns an Quereinsteigende, um sie für die neuen Herausforderungen der Filmwirtschaft fit zu machen.
Wir sind mehr als nur Bildungsanbieterin. Wir sehen uns als Netzwerkerin, als Brückenbauerin zwischen Qualifikation und Arbeitsmarkt, zwischen der Region und dem Bundesgebiet, wir sind Talentplattform für die zukünftigen Fachkräfte und Impulsgeberin für neue Lernkulturen. Mit unserer Lage in Görlitz, im Herzen von Europa, sind wir auch ein internationaler Ort der Begegnung.
Das besondere an uns: Durch unsere in Deutschland einmalige Gesellschafterstruktur aus Produktionsallianz, der Hochschule Zittau/Görlitz und der Europastadt GörlitzZgorzelec, haben wir ein Kompetenznetzwerk zur Seite, das sich gemeinsam mit uns den aktuellen Herausforderungen stellt, damit die Region für und mit Fachkräften nachhaltig attraktiv ist und in die gesamtdeutsche Film- und Fernsehwirtschaft wirken kann.
Sven Sund, Geschäftsführer Saxonia Media (Bildcredit: Markus Nass)
Ich sehe in Mitteldeutschland einen außergewöhnlich vielseitigen und kraftvollen Produktionsstandort für Film, Serie und Kino – geprägt von filmischer Tradition, kreativer Energie und einer lebendigen Kulturlandschaft.
Um diesen Standort nachhaltig zu stärken, gilt es Fördermodelle an neue Trends in der Produktion und innovative Formatentwicklungen anzupassen. Wenn es uns gelingt, zum Beispiel Netzwerke zwischen den etablierten Filmschaffenden und Hochschulen weiter auszubauen, junge Talente zu binden und Innovationen mutig voranzutreiben, kann die Region ihre Rolle als starke Stimme im deutschen und europäischen Film auch langfristig behaupten.
Tina Illgen (AVANGA Filmproduktion)
Vor 18 Jahren haben Clemens Hübner und ich, Tina Illgen, die AVANGA Filmproduktion in Dresden gegründet – aus Überzeugung, eigene Projekte umzusetzen, und mit dem Mut, ein Risiko einzugehen. Mit Spachtel und Pinsel in der Hand sanierten wir damals unser Büro und legten damit den Grundstein für das, was AVANGA heute ist. Inzwischen blicken wir auf eine breit aufgestellte Filmproduktion, die in den Bereichen Werbung, Dokumentation und Fiction tätig ist – Bereiche, die sich gegenseitig inspirieren und bereichern. Diese Vielfalt trägt dazu bei, unserer Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeiter:innen gerecht zu werden – ihnen stabile Arbeitsbedingungen und kreative Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Unsere Erfahrungen aus der Wendezeit haben uns gelehrt, dass Wandel die einzige Konstante ist. Diese Haltung ermöglicht uns, flexibler auf Veränderungen zu reagieren. Gerade in den Geschichten Mitteldeutschlands steckt geballte Zeitgeschichte – sie verdient mehr Aufmerksamkeit. Wichtige Impulse entstehen durch die Vernetzung in der Region, etwa in der Zusammenarbeit mit Regisseur Jan Peter, ebenso wie durch Kooperationen außerhalb Mitteldeutschlands. So entstehen sehenswerte Filmprojekte – und mehr Arbeit in der Region. Besonders bereichernd sind Kooperationen mit Ziegler Film, MadeFor Film und FRISBEEFILMS. Wir schätzen die Unterstützung von MDM und MDR, die sich engagiert für die Vergabe an regionale Produktionen einsetzen. Mit stärkerem politischem Willen – etwa bei der Vergabe von Bundesmitteln – könnte der Standort Mitteldeutschland noch sichtbarer und wettbewerbsfähiger werden
Bettina Kasten & Kristian Costa-Zahn, Programmgeschäftsführung, ARD Kultur
Mitteldeutschland ist unsere Basis: Unser Sitz liegt in Thüringen, hier in Weimar, und der MDR ist unser Federführer in der ARD. Die Region vereint Kulturgeschichte, Medienkompetenz und lebendige kreative Energie auf engem Raum. Für ARD Kultur als nationale Plattform ist das ein inspirierendes Umfeld, das wir aktiv mitgestalten möchten. Unser Ziel ist es, bestehende Netzwerke zu stärken und Mitteldeutschland als Film-, TV- und Kulturstandort noch sichtbarer in und außerhalb der ARD zu machen. So haben wir in Leipzig rund um die Buchmesse das jährliche ARD Kultur Netzwerktreffen etabliert – ein Treffpunkt für Produzierende, Kreative und Medienprofis aus ganz Deutschland. Wir haben diverse Projekte mit mitteldeutschen Produzierenden umgesetzt und sowohl programmlich als auch mit anderen Aktivitäten aktiv am Europäischen Kulturhauptstadtjahr in Chemnitz teilgenommen. Die Nähe zu starken Partnern in Weimar wie der Klassik Stiftung Weimar, MDR Thüringen, der Bauhaus-Universität, dem Deutschen Nationaltheater oder dem Mediennetzwerk Thüringen (MENT) schafft optimale Bedingungen für Austausch und neue Kooperationen – genau dieser Geist der Zusammenarbeit und des kreativen Dialogs treibt ARD Kultur an.