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Unifrance-Chefin Daniela Elstner: „Es entstand ein Kino-Hype in der jungen Generation“


Daniela Elstner gibt als Unifrance-Geschäftsführerin einen Einblick, wie sich der französische Rendez-Vous-Markt für Einkäufer und Presse in Paris durch den Umzug der Mip TV verändert. Dass sich das Kino in Frankreich so gut gegen den europäischen Trend entwickelt, führt sie im SPOT-Interview auch auf die junge Generation zurück, die Filmtheater wieder für sich entdeckt.

Daniela Elstner
Die Unifrance-Geschäftsführerin Daniela Elstner und die französischen Hits „Was ist schon normal?“, „Beating Hearts“ und „Emilia Perez“ (Credit: Patrick Swirc/Unifrance)

Es ist die 27. Ausgabe des Markt- und Presse-Events Unifrance Rendez-Vous in Paris. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation vor dem Hintergrund, dass die Mip TV von Cannes nach London umzieht und dort parallel zu den London TV Screenings stattfindet?

Daniela Elstner: Seit drei Jahren sind wir jetzt bei Fernsehen und Kino beim Unifrance Rendez-Vous zusammengegangen und kümmern uns um beide Bereiche. Eigentlich gibt es für den TV-Bereich im September in Le Havre ein eigenes Rendez-Vous. Es stellte sich schon die Frage, ob sich zwei solche Märkte für diesen Bereich rentieren werden. Noch niemand weiß genau, was mit der Mip TV im Februar in London passieren wird. Deswegen ist das für unseren Januar-Markt schon eine neue Situation. Im Kinobereich stellt sich dagegen die Frage gar nicht, weil sich der Januar als Termin so etabliert hat und in den Köpfen fest verankert ist, dass man sich zu diesem Zeitpunkt des Jahres vier Tage lang um französische Produktionen kümmert, um dann auch vorbereitet für Berlin und Cannes zu sein. Manche regen sogar an, dass wir noch einen Markt im Oktober/November machen, weil es mit dem AFM so kompliziert geworden ist. Im Moment bleiben wir aber im Januar.

Welche genauen Überlegungen gibt es zum französischen TV-Markt?

Daniela Elstner: Im TV-Markt haben zum Beispiel die verschiedenen Sender im Januar gerade ihre Einkäufe des Dokumentarfilm-Bereichs für das vorherige Jahr fertiggemacht. Dort befindet man sich noch nicht ganz im neuen Jahr. Man ist auch noch vorsichtiger mit dem Budget, weil man noch nicht weiß, was alles im restlichen Jahr auf den Markt kommt. Für Dokumentationen ist der Januar-Termin nicht der ganz ideale Platz. Im Animationsbereich sind die Verkäufer weniger dem strukturellen Jahresrhythmus verhaftet und schätzen den Termin. Das gilt auch für Serien und TV-Filme. Bei uns gab es beim Rendez-Vous auch eine Veränderung mit dem Ortswechsel, der uns aus dem Hotelbereich rausbrachte. Das war zwar immer ein netter Markt, aber auch in das Hotel und die Salons reingebaut. Neben dem Hotel, wo dieses Jahr die meisten Einkäufer untergebracht sind, hatten wir nun aber auch einen richtigen Ort, wo wir Stände reinbauen konnten. Das macht optisch direkt nochmal mehr her. Wir haben nach drei Jahren vor allem endlich einen Ort gefunden, wo TV- und Kino-Menschen alphabetisch sortiert nebeneinander mit eigenen Ständen vertreten sind. Das ändert schon was in der Wahrnehmung, wenn man in die Räumlichkeit reinkommt und in diese Weite von fast 100 Ausstellern schaut. Das bringt der Veranstaltung neue Energien und hat auch einen psychologischen Effekt auf die Einkäufer. Ich denke, dass wir so sowohl Paris als auch Le Havre gut weiterführen können.

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„Der Graf von Monte Christo“ geht auf die zehn Millionen Besucher zu (Credit: Jérôme Prébois)

Frankreich trotzt im Kino dem Trend: Die starken einheimischen Hits kompensierten sehr gut das fehlende Hollywood-Produkt. Als einziger großer europäischer Markt gingen die Zahlen in den Prozenten nicht zweistellig zurück, sondern blieben 2024 konstant zum Vorjahr. Sehen Sie eine Vorbild-Funktion?       

Daniela Elstner: Es sollte ein Vorbild sein, weil wir ein generell starkes europäisches Kino brauchen. Aber es hängt viel damit zusammen, wie Frankreich seit vielen Jahren generell die Filmindustrie unterstützt, die ganz unterschiedliche Arten von Kino produziert. Wir produzieren jedes Jahr viele Filme. Aber sowohl kleine und große Filme funktionierten dabei und übersprangen wichtige Besucherhürden. Mit einem Überraschungshit wie „Was ist schon normal?“, der mehr als zehn Millionen Zuschauer machte, kann man nicht rechnen. Auch „Der Graf von Monte Christo“ war auf dem Papier kein einfaches Projekt: Ein Dreistundenfilm, der zwar auf einem berühmten Stoff basiert, bei dem aber auch nicht klar war, dass er jetzt fast zehn Millionen Besucher holte. Dass das Erstlingswerk „Könige des Sommers“ von Louise Courvoisier ebenso über 700.000 Zuschauer packte, hätte ich auch nicht im Januar 2024 erwartet.

Woran liegt das?

Daniela Elstner: Was in Frankreich funktioniert, ist, dass die Menschen ins Kino gehen. Wir hatten einen französischen Marktanteil von 44 Prozent 2024. In die Komödie „Was ist schon normal?“ gingen die Familien auch mit älteren Kindern. Es entwickelte sich zu einem gesellschaftlichen Event, den Film im Kino zu schauen. Inzwischen ist es auch bei der jüngeren Generation zwischen 16 und 25 Jahre so, dass sie wieder Filme wie „Was ist schon normal?“ oder „Beating Hearts“ schauen. „Beating Hearts“ hat sich vor allem auf Social-Media-Plattformen wie TikTok fast selbstständig vermarktet, auch wenn das eine aufwendig gemachte Produktion ist. Es entstand ein Hype in dieser jungen Generation, sich einen französischen Film anzuschauen. Das hat ihnen gefallen. Und wenn sie dann drei, vier solcher Filme gesehen haben, schauen sie ebenso einen Film wie „Souleymane’s Story“. Die Neugierde wächst generell wieder, was sehr hilft. Das wünsche ich allen Ländern in Europa.

Als wir uns das letzte Mal unterhielten, hatten Sie mir sogar „Der Graf von Monte Christo“ als Hit des Jahres vorausgesagt. Und Sie haben den Erfolg von „Monsieur Aznavour“ vorhergesagt, der jetzt schon mehr als zwei Millionen Besucher zählt.  

Daniela Elstner: Pierre Niney als „Graf von Monte Christo“ war ein exzellentes Casting. In Frankreich ist er ein absoluter Superstar. Es sind die Macher von „Die drei Musketiere“. Wir wussten sicherlich, dass der Film sehr gut werden wird. Aber fast zehn Millionen hätte ich Ihnen damals auch nicht vorhersagen können. Aber solch ein Erfolg zieht dann eben auch andere Filme mit sich nach oben. „Beating Hearts“ ist zum Beispiel auch ein eher langer Film, der trotzdem die Fünf-Millionen-Hürde knackte.

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François Civil (l.) und Adèle Exarchopoulos in „L’Amour ouf“ aka „Beating Hearts“ (Credit: Studiocanal)

Wobei sowohl „Der Graf von Monte Christo“ als auch „Beating Hearts“ budgetär kostspielige Angelegenheiten und keine sicheren Wetten waren. Da muss man auch den Machern Respekt zollen, dass sie solche Projekte angehen.    

Daniela Elstner: Beide Filme waren Hochrisiko-Projekte. Aber da steht dann auch das ganze System in Frankreich dahinter. Und es kommt der weltweite Markt hinzu. Beide Filme haben sich international gut verkauft. „Beating Hearts“ startet in diesem Jahr jetzt weltweit durch. „Der Graf von Monte Christo“ ist schon sehr gut in einigen Ländern gelaufen und kommt nun in Ländern wie zum Beispiel Deutschland heraus. „Der Graf“ war 2024 unser bester Film bei den Exporten, was die Besucherzahlen angeht. Beim Einspielergebnis ist „Anatomie eines Falls“ noch leicht darüber. Aber „Ella und der schwarze Jaguar“ ist zum Beispiel sehr gut 2024 in Deutschland gelaufen. Es gibt schon eine Bandbreite an unterschiedlichen Werken, die Erfolg haben. Es gab im vergangenen Jahr nicht diesen einen internationalen Superhit wie „Miraculous: Ladybug & Cat Noir“, der mehr als acht Millionen Zuschauer schaffte.

Die Exportbilanz der französischen Filme fiel 2024 im Vergleich zum Vorjahr leicht rückläufig aus, war aber sehr viel besser als etwa die Pandemie-Jahre. Aber man hört heraus, dass Sie das Ganze eher als halbvolles denn als halbleeres Glas bewerten, oder?  

Daniela Elstner: Ich sehe das klar als halbvoll an. Wenn man sich die Rückgänge in Deutschland bei den Kinozahlen 2024 anschaut, drückt das automatisch auch das französische Kino im Ausland, wenn generell weniger Menschen ins Kino gehen. So war es fast in allen Ländern. Dann gibt es Filme wie „Emilia Pérez“, der zum Beispiel in den USA oder Großbritannien bei Netflix starten, womit wir für unsere Statistiken dann keine Zahlen haben bzw. sie für die Kinoauswertung nicht bekommen. Das fehlt dann in der Unifrance-Bilanz. Das sind diese hybriden Auswertungsmodelle, die es in der vor-pandemischen Zeit auch noch weniger gab und die es heute immer mehr geben wird. Was nicht schlimm ist, wenn uns die Plattformen denn irgendwann kommunizieren würden, wie viel die einzelnen Filme gemacht haben.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat ein außergewöhnliches Interview bei den Kollegen von Variety gegeben, in dem er sich dafür einsetzte, dass die vierte „Emily in Paris“-Staffel nach dem Netflix-Gastspiel in Rom doch bitte nach Frankreich zurückkommen möge. Wie bewerten Sie die Attraktivität von Frankreich als Produktionsstandort für internationale Projekte?  

Daniela Elstner: Die Kolleginnen und Kollegen von Centre national du cinéma et de l’image animée (CNC) haben eine eigene Abteilung, die an solchen Projekten arbeitet. Das ist politisch sehr von unserer Kulturministerin Rachida Dati gewollt und wird aufmerksam verfolgt. Wir haben sehr spannende Tax Incentives, viele Regionen, die in diesem Bereich investieren. Aus meiner Sicht gehen Unifrance und CNC da Hand-in-Hand. Wir sind der Gegenpart, der den Filmen hilft, raus in die Welt zu gehen. Oft arbeiten wir aber auch zusammen. Das ist ein bisschen so wie Team France bei den Olympischen Spielen. Frankreich ist ein interessantes Land, um zu produzieren. Netflix zahlt inzwischen mit einem Prozentsatz des Umsatzes in das französische System mit ein und investiert so massiv in französisches Kino. Alle müssen ihren Anteil beisteuern.

Monsieur Aznavour
Der von Netflix mitfinanzierte Spielfilm „Monsieur Aznavour“ gehörte auch zu den Hits (Credit: Antoine Agoudjian)

Wie funktioniert das in den Details?

Daniela Elstner: So kommen die Werke auch regulär ins Kino und Netflix hat dann das Recht, die Filme etwas früher zu zeigen. Das ändert die Art, wie in Frankreich koproduziert wird und Netflix in französische Projekte einsteigt. „Monsieur Aznavour“ ist zum Beispiel ein Film, bei dem Netflix für die spätere französische Auswertung mitproduziert hat. Frankreich ist eines der wenigen Länder, die es geschafft haben, das durchzusetzen. In Deutschland war diese Investitionsverpflichtung ebenso auf dem Tisch. Sobald es da wieder mehr politische Konstanz gibt, wird sich das wahrscheinlich regeln.

Im Kino gibt es die Besucherzahlen und das Boxoffice, womit sich gut Erfolg und Misserfolg einschätzen lassen. Schwerer zu bemessen ist dieser Erfolg im Streaming-Bereich bei der Unifrance-Bilanz, weil es bei den Plattform-Zahlen noch häufig ein Äpfel-mit-Birnen-Vergleich ist, wenn es sie denn überhaupt gibt.

Daniela Elstner: Das ist noch ein größeres Problem. Unser Unifrance-Präsident Gilles Pélisson setzt sich sehr für mehr Transparenz und Zahlen ein. Er war lange Präsident von TF1. Wenn ein Produzent schon gar nicht weiß, wie viele Zuschauer sein Film macht, ist das schwierig. Das aktuelle Netflix-Beispiel ist „Ad Vitam“, der als Thriller sehr gut international läuft. Da wissen die Macher schon ungefähr, in welche Richtung es gegangen ist. Aber in Vertragsklauseln sind sie auch zum Stillschweigen verpflichtet, wenn sie Zahlen direkt von Netflix bekommen. Es ist eine komplizierte Situation, wenn man diese Zahlen dann nicht einmal dem nächsten Fernsehpartner gegenüber kommunizieren darf.

Das letzte Mal sprachen wir auch über die Oscars und die vielen starken französischen Produktionen im Rennen. Zum Zeitpunkt des Interviews gibt es noch keine Nominierungen 2025. Aber „Emilia Pérez“ müsste eine große Rolle spielen. Wie bewerten Sie die Repräsentanz französischer Produktionen in diesem Oscarrennen?  

Daniela Elstner: Es würde mich schon sehr wundern, wenn nicht Nominierungen für „Emilia Pérez“ herauskämen. Vermutlich wird auch die französische Koproduktion „Flow“ nominiert. Der Berlinale-Gewinner „Dahomey“ hat gute Chancen im Dokumentarbereich. „Emilia Pérez“ ist für mich ein Beispiel mit der besonderen Situation, dass der Film in den USA und Großbritannien auf Netflix herauskommt, aber gleichzeitig auch ganz viele unabhängige Verleiher das Werk auf der ganzen Welt ins Kino bringen. Regisseur Jacques Audiard mit seinen Schauspielerinnen hat aber auch einen wahnsinnigen Einsatz für den Film an den Tag gelegt. Sie haben den Film nicht nur in den USA begleitet, sondern sind jetzt gerade auf einer Tour in Südamerika. Sie waren überall in Europa, teils nicht nur einmal, sondern zweimal. Das ist ein vorbildlicher Einsatz für den Film. Das hat sich schon ausgezahlt und wird sich sicher noch weiter auszahlen.

Sie haben ein gutes Händchen für Vorhersagen. Hätten Sie für mich zum Abschluss noch zwei, drei Filmtitel, die 2025 die großen französischen Kinohits werden könnten? 

Daniela Elstner: Ich glaube sehr an Sylvain Chomets Animationsfilm über den Schriftsteller Marcel Pagnol. Julia Ducournau wird nach „Titane“ ein neues Werk vorlegen. Es gibt einen großen Film über Charles de Gaulle und noch ganz viele andere spannende Projekte.

Das Interview führte Michael Müller