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Thomas Imbach zu „Nacktgeld“: „Gleichzeitig historisch und sehr modern“


Mit „Nacktgeld“ (int. „The Exposure“, HIER unsere Besprechung) hat Thomas Imbach Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“ adaptiert. Die Internationale Premiere erfolgte beim Filmfest München, die Schweizer Premiere beim Geneva International Film Festival. Dort sprachen wir mit dem Regisseur.

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Thomas Imbach (Credit: Okofilm Productions)

In einem früheren Interview wurden Sie als Regie-Grenzgänger bezeichnet. Wie blicken Sie auf solche Zuordnungen – sehen Sie sich als Grenzgänger?

Thomas Imbach: Vielleicht bin ich Grenzgänger, aber nicht aus Kalkül. Ich gehe einfach dorthin, wo mich die Geschichte hinzieht, egal, ob das Spiel- oder Dokumentarfilm ist. Zwei meiner Filme habe ich aus meinem Fenster gedreht, ganz persönlich, und trotzdem erzählen sie etwas Universelles. Vielleicht liegt genau darin die Grenze: im Übergang zwischen mir und der Welt da draußen.

„Nacktgeld“ (international „The Exposure“) basiert auf Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“. Warum wollten Sie genau dieses Werk als Film adaptieren?

Thomas Imbach: Das Buch hat mich beim Lesen sofort als Film angesprungen. Es gibt viele verstaubte Adaptionen, und genau das hat mich gereizt, die Geschichte neu, filmisch und mit einem heutigen Blick zu erzählen. Schnitzler hat die Novelle in der Ich-Perspektive geschrieben, was damals radikal war. Mich hat interessiert, wie man dieser inneren Stimme auf der Leinwand nahekommen kann. Dass ich den Film dann mit Virtual Production mache, war nicht sofort klar, sondern das musste ich erst entdecken. Ich glaube aber, es hat dem Projekt sehr gutgetan, dass es gleichzeitig historisch und sehr modern ist.

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„Nacktgeld“ (Credit: Okofilm Productions)

Wollten Sie den Film dadurch auch ansprechender für ein zeitgenössisches Publikum machen? Oder gab es andere Beweggründe?

Thomas Imbach: Kostümfilme sind heikles Terrain, ich wollte keine nostalgische Klamotte machen. Mir ging es darum, einen aktuellen Bezug zu finden, weil die Geschichte immer noch brennt. Gleichzeitig hätte eine Nacherzählung in der Gegenwart nicht funktioniert, das wäre schnell peinlich geworden. Deshalb wollte ich filmisch aktuelle Tools verwenden.

Was macht die Geschichte so zeitgemäß?

Thomas Imbach: Es ist eine MeToo-Geschichte, in der Übergriffigkeit und die Diskussion ums Patriarchat im Mittelpunkt stehen. Ich bin aufgewachsen mit Büchern wie „Männerphantasien“ – diese Themen rund um MeToo haben wir auch in den 80ern schon diskutiert. Mich hat beeindruckt, wie sinnlich und unmittelbar Schnitzler das erzählt. Ich habe das Buch deswegen so genommen, wie es ist, die Veränderungen entstanden durchs verdichten und kürzen.  Die Dialoge habe ich leicht modernisiert, aber die Sätze, der Rhythmus und die Sprache sind von Schnitzler.

Der Film wurde, wie Sie bereits sagten, komplett im Studio gedreht, mit digitalen Hintergründen bzw. Virtual Production.

Thomas Imbach: Genau, das war für mich eine Herausforderung, weil ich alles noch einmal neu lernen musste. Ich fühlte mich wie ein Erstklässler, ich war weder an die Studioarbeit gewöhnt noch an diese technischen Abläufe. Alles musste im Voraus geplant werden. Die Schauspielerin kann hier nicht einfach durch ein Set laufen, stattdessen ist sie ständig auf einem Laufband unterwegs. Wir mussten viele Tricks anwenden – um das technisch perfekt umzusetzen, hätten wir ein deutlich höheres Budget gebraucht. Also haben wir vieles mit einer Art Do-it-yourself-Mentalität gelöst, und das hat dem Film letztlich auch eine eigene Energie gegeben.

Wie schwierig war es, den Film zu finanzieren? Waren potenzielle Geldgeber eher skeptisch gegenüber dieser Technologie?

Thomas Imbach: Es war nicht ganz einfach, die Stoffwahl – die Geschichte einer jungen Frau erzählt von einem „alten“ weissen Mann – hat mir sicher nicht geholfen. Aber die Technologie wurde begrüßt, das hat mir eher Pluspunkte eingebracht. Sie ermöglicht ein neues Arbeiten und viele heben auch den Aspekt des Green Shooting hervor. Man verbraucht natürlich weniger CO2, wenn man fünf Wochen in einem Studio dreht, als wenn man mehrere Wochen mit 40 Leuten in den Bergen dreht.

Glauben Sie, dass Virtual Production zukünftig vermehrt eingesetzt wird?

Thomas Imbach: Ich habe beim Festival in Genf, wo ich in der Jury war, einige VR-Produktionen gesehen; die wurden mit derselben Software hergestellt, die wir für die Hintergründe bei „Nacktgeld“ verwendet haben. Man merkt: Diese Technologien wachsen rasant zusammen. Und mit der Entwicklung von KI beschleunigt sich dieser Wandel noch einmal. Es ist Einiges im Umbruch. Natürlich kann nicht jeder Film so hergestellt werden, aber es eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Wir hätten uns zum Beispiel nie leisten können, eine Straße abzusperren, dort alte Autos etc. hinzustellen und sie der damaligen Zeit anzupassen. Aber durch die Virtual Production konnten wir das mit überschaubarem Aufwand realisieren. Es ist also beides: eine große Chance und gleichzeitig auch eine große Gefahr.

Wie sah die Zusammenarbeit mit den Schauspielern im Zusammenhang mit der Technologie aus?

Thomas Imbach: Ich hatte Glück, alle Schauspieler waren theatererfahren und hatten überhaupt kein Problem mit der Technologie. Ich habe ihnen aber auch die Möglichkeit gegeben, einfach mal drauf loszuspielen. Ich habe dafür gekämpft, ihnen Spielfreiheit zu geben und auch Plansequenzen gedreht. Sobald sie spielen können, sind sie sehr motiviert. Wenn Schauspieler nur eine Geste abliefern müssen, und dann kommt der Cut, werden sie müde. Aber wenn sie drei Minuten am Stück spielen können, ist das ein Kick – auch sprachlich und emotional eine ganz andere Konzentration.

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„Nacktgeld“ (Credit: Okofilm Productions)

Also sind Sie besonders darauf bedacht, dass die Schauspieler sich ausleben können?

Thomas Imbach: Ja, ich bin sehr Schauspieler-orientiert. Sie sind für mich das Zentrum. Ich will verstehen, was sie antreibt, was sie berührt – und ich muss ihnen gerecht werden. Die größte Herausforderung ist, diesen einen Moment zu finden, in dem etwas Echtes passiert. Das gelingt nur, indem man die Dinge gemeinsam entwickelt und die Essenz einer Szene findet.

Der Soundtrack stammt von Ephrem Lüchinger und erinnert an eine Art Elektro-Swing. Was war Ihnen bei der Musik besonders wichtig?

Thomas Imbach: Es gibt zwei Tanzszenen im Film und es war irgendwie naheliegend, dass die Musik dort vom Swing ausgeht. Ich habe mit den Schauspielern geprobt und habe dafür ein Elektro-Swingstück verwendet, was ich zufällig gefunden habe. Das fand ich cool, weshalb wir das in diesem Stil für bestimmte Szenen neu komponiert haben. Darüber hinaus ist der Soundtrack geprägt vom Sounddesign, das stark mit Geräuschen und Räumen arbeitet und so die emotionale Spannung der Szenen trägt.

Das Gespräch führte Lea Morgenstern.