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Regisseur Dustin Loose: „Magdalena Laubisch ist eine absolute Kämpferin“


Am 8. Oktober läuft in der Primetime des Ersten mit „Die Nichte des Polizisten“ einer der besten TV-Filme des Jahres. Regisseur Dustin Loose spricht über die produzentischen Hürden des Projekts, das an den realen Fall der ermordeten Michèle Kiesewetter angelehnt ist, die differenzierte Darstellung der Polizei und die sensationelle Performance von Hauptdarstellerin Magdalena Laubisch.

Dustin Loose und Magdalena Laubisch
Regisseur Dustin Loose und „Die Nichte des Polizsten“-Hauptdarstellerin Magdalena Laubisch beim Berliner Babylon Kino (Credit: Oliver Walterscheid)

„Die Nichte des Polizisten“ feierte Weltpremiere auf dem Filmfest München, wo es auch gleich den wichtigen Bernd Burgemeister Preis gab, der eigentlich für Produzentinnen und Produzenten gedacht ist. Fühlten Sie sich als Regisseur damit aber auch gesehen?

Dustin Loose: Der Film wird mit diesem Preis ausgezeichnet, womit ich mich dann auch mitgemeint fühlte. Jede Faser dieser Auszeichnung ging aber verdient an unsere drei Produzent:innen Gabriela Sperl, Mimi Klein und Benjamin Benedict. Vor allem Gabriela Sperl hat solch einen langen Weg mit diesem Projekt hinter sich, ging so ins Risiko und bewies so viel Mut. Sie machte so viel Vertrauen zu den Partnern und uns Kreativen möglich.

Die Produzentin Gabriela Sperl war die Initiatorin des Projekts?

Dustin Loose: Gabriela war schon einige Jahre mit „Die Nichte des Polizisten“ als Projekt unterwegs. Ich machte mit ihr zusammen die Serie „ZERV“, die wir im Jahr 2020 anfingen. Während „ZERV“ erzählte sie mir von diesem nächsten Projekt. Damals war sie schon länger damit unterwegs. Ich löcherte sie immer so beharrlich, so dass sie mir irgendwann auch das Buch schickte. Ich wusste beim Lesen sofort, dass ich dabei sein will, obwohl mir noch nicht klar war, wie wir das Ganze herstellen würden. Wir beschritten dann einige Jahre zusammen den Weg mit dem Projekt, um eine Finanzierung möglich zu machen. Es war ein komplexes Unterfangen wegen der Brisanz des Themas. Es brauchte Mut auch von Partnerseite, um solch einen Film zu machen. Ich war wahnsinnig froh, als wir im vergangenen Jahr Katharina Dufner vom SWR und Sabine Holtgreve vom NDR an Bord hatten. Auf dem Filmfest München 2024, also ein Jahr zuvor, kamen wir zusammen und beschlossen, dass wir diesen Film jetzt machen müssen.

„Die Nichte des Polizisten“ ist eine Fiktionalisierung des Falls der ermordeten Michèle Kiesewetter. Können Sie erläutern, welchen Mut es bei der Umsetzung dieses Projekts bedurfte?

Dustin Loose: Es ist gar nicht so lange her, dass Aussagen von NSU-Mitglied Beate Zschäpe Schlagzeilen machten, dass alles im Fall Michèle Kiesewetter reiner Zufall gewesen sei. Damit muss endlich Schluss sein. Und da kann man sich schon fragen, warum das nach so langer Zeit immer noch unkommentiert von Zeitungen kolportiert wird. Es zeigt aber, dass es immer noch ein großes Thema ist. Es unterstreicht, dass es in diesem zehnten Fall in der Reihe der brutalen Mordfälle, die dem NSU zugerechnet werden, immer noch keine Klarheit gibt und dass es eben kein Zufall ist. Dennoch erzählen wir mit „Die Nichte des Polizisten“ eine fiktionale Geschichte, die an den realen Mord angelehnt ist. Wir mussten in Leerstellen und Fragezeichen hineinerzählen, ohne den Anspruch ein Biopic abbilden zu müssen.

Die Nichte des Polizisten
Magdalena Laubisch in „Die Nichte des Polizisten“ (Credit: SWR, Leonine Studios)

Mit „Die Nichte des Polizisten“, aber auch „ZERV“ oder „Die Affäre Cum-Ex“ zeigen Sie einen großen Hang zur nahen Zeitgeschichte. Woran liegt das?    

Dustin Loose: Mich macht es glücklich, dass Sie den Begriff der nahen Zeitgeschichte ansprechen. Unser Film ist wahnsinnig real und aktuell, obwohl wir eine Geschichte erzählen, die 17 Jahre her ist. Das war für mich als Filmemacher auch ein wichtiger Ansatzpunkt: Wie schaffen wir es, die Erzählung ins heute zu holen? Wir hatten ein, zwei Motive, mit denen wir es umsetzen wollten, um die Brücke in die Jetzt-Zeit zu schlagen. Und damit meine ich gar nicht das Jahr 2025, sondern heute hier und jetzt. Wir wollen klar machen, wie bedeutsam das ist, was passierte und dass die Menschen, die damals Taten begangen oder vertuscht haben, auch heute noch unterwegs sind. Wir sind allerspätestens jetzt aufgerufen, gegen diese Konsequenzen der rechten Durchsetzung aktiv zu werden. Was mich als Regisseur betrifft, kann es kein Zufall sein, dass mich gerade diese Themen jagen und mich nicht mehr loslassen. Ich fühle mich geehrt, dass mir zum Beispiel Gabriela Sperl zuerst mit „ZERV“ und jetzt mit „Die Nichte des Polizisten“ diese Stoffe anvertraut. Das gilt auch für Produzent Michael Polle (ehemals X Filme) bei „Die Affäre Cum-Ex“. Sie sehen meine Kraft, aus komplexen, politischen Zusammenhängen, spannende, unterhaltsame Erzählungen zu machen und die Figuren in ihnen zum Leuchten zu bringen. Ich selbst suche nach Themen, die mich bewegen und bei denen ich glaube, dass noch Leerstellen zu erzählen sind, dass sie Aufmerksamkeit benötigen. Weil sie in ihrer Ungerechtigkeit so grotesk laut sind und gleichzeitig so grotesk verschwiegen werden.

„Umso wichtiger ist, wenn wir als Filmschaffende einen Perspektivwechsel vornehmen.“

Der Film zeichnet ein differenziertes Bild der Polizei, zeigt aber auch klar in Teilen die rechte Zersetzung auf. Dahingehend hat „Die Nichte des Polizisten“ fast eine Paranoia-Stimmung wie das New-Hollywood-Kino der 1970er-Jahre. Die junge Protagonistin kann eigentlich niemandem so richtig vertrauen. Gleichzeitig stellt der Film die Polizei auch als reizvollen und attraktiven Ort dar.    

Dustin Loose: Es ist ein Ort, für den sich viele junge Frauen und Männer bewusst entscheiden. Sie durchlaufen eine intensive Aufnahmeprüfung. Viele schaffen es auch gar nicht, in den eigentlichen Dienst zu kommen. Es ist der Wunsch, ein wichtiges Amt für unsere Gesellschaft zu bekleiden. Es ist ebenso der Wunsch nach Gerechtigkeit und Sicherheit. Es sind Menschen, die in Situationen, in denen wir alle abhauen würden, genau das Gegenteil machen. Sie gehen rein und versuchen, Recht und Gesetz herzustellen. Uns als Individuen und als Gesellschaft zu schützen. Wir haben in der Not auch ein Recht darauf, dass sie in wenigen Minuten vor Ort sind und uns helfen. Das finde ich bewundernswert. Umso wichtiger ist es, zu zeigen, dass es Menschen sind, die eine Kraft und Liebe sowie ein großes Herz haben. Es sind Menschen, die Hass und Aggressionen ausgesetzt sind und gleichzeitig als junge Leute lebendig sein wollen. Und sich mehr und mehr die Frage stellen, wer eigentlich da ist, um sie zu schützen.

Versteht sich der Film damit auch in einer Gesellschaft als Debattenbeitrag, in der sich junge politische Menschen mit Pullis in die Öffentlichkeit setzen, auf denen „All Cops Are Bastards“ steht?  

Dustin Loose: Er muss es sein. Umso wichtiger ist, wenn wir als Filmschaffende einen Perspektivwechsel vornehmen. Wir haben eine komplexe Eingangssequenz, in der wir unsere junge Polizistin auf einem Großeinsatz bei einer Demo begleiten. Die Kamera zeigt, was sie sieht, das Mikrofon fängt ein, was sie hört. So erleben wir, was diese Menschen wahrnehmen und aushalten müssen. Es wird spürbar, wie schwer ihre Aufgabe ist – was es heißt, hilflos zu sein, obwohl man mit Schutzkleidung und Waffe ausgestattet ist. Diese Perspektive war entscheidend für meinen Wunsch, diesen Film zu machen. Der Film verharmlost weder Polizeigewalt noch durchsetzte Strukturen innerhalb des Polizeiapparats. Er macht im Gegenteil aufmerksam darauf, wie aufrichtige Beamt:innen versuchen, sich ihrer Aufgabe zu stellen.

Die Nichte des Polizisten
Die wenig vertrauenswürdigen Kollegen (Credit: SWR, Leonine Studios)

Ja, Sie nehmen das Publikum mit in den Helm der jungen Polizistin. Bei der ersten Filmhälfte, die vor allem die Fortbildung der Polizisten zeigt, kommt einem unweigerlich „Full Metal Jacket“ in den Kopf. Hatten Sie filmische Vorbilder für einzelne Sequenzen?   

Dustin Loose: Unsere Protagonistin Rebecca Henselmann qualifiziert sich für die BFE, die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit, eine Spezialtruppe der Polizei. Ihr Ehrgeiz, ihre Kraft, ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit sind der Motor unserer Erzählung. Mit allem was dazu gehört, Körperlichkeit bis zur Erschöpfung, Feiern bis zum Umfallen.  Unser Film hat dabei keine klassische Fernsehfilm-Dramaturgie. Vorbilder zu benennen, ist deswegen schwierig. Natürlich gibt es Inspirationen, die meinen Kameramann Clemens Baumeister und mich bei der Findung begleiteten. Wir arbeiten jetzt schon 15 Jahre zusammen. Aber wenn Sie so fragen, dann ist es viel mehr zum Beispiel „Die Sieger“ von Dominik Graf als „Full Metal Jacket“. Mit einem Partner wie Rolf Basedow, der die Grundlagen für das Drehbuch gelegt hat, war es uns ein Anliegen, diese Geschichte mit aller Wucht ins Jetzt zu katapultieren. Er ist einer der herausragenden Polizei-Erzähler unserer Gegenwart, der ohne klassische Kriminalfilm-Narration oder -Ästhetik herausragende Geschichten aus dem Milieu herausmeißelt. Dafür war ich sehr dankbar.

„Magdalena Laubisch hat um die Rolle gefighted und um die Figur Rebecca.“

Die junge Polizistin wird gespielt von Magdalena Laubisch, die mit Ihrem Film, aber auch dem Kinofilm „Sechswochenamt“ einer der Shooting Stars des Filmfests München war. In „Die Nichte des Polizisten“ gerät die Figur ständig in neue Erfahrungssituationen, die sie emotional überfordern.  

Dustin Loose: Magdalena Laubisch ist eine absolute Kämpferin. Der Casting-Prozess war lang und hart. Sie hat um die Rolle gefighted und um die Figur Rebecca. Das hat die Produzent:innen, die Casterin Karihah El-Giamal und mich mitgenommen und begeistert. Sie hatte vorher noch nicht so viel gedreht. Das fand ich aber gerade interessant, jemanden dabei zu begleiten, solch eine Figur zu erarbeiten und sich inhaltlich, emotional und körperlich diesen Situationen auszusetzen. Sie legte einen intensiven Weg zurück, um die Leistungen zu bringen, die wir dann vor der Kamera sehen. Ich bin in jedem Bild begeistert davon, mit welcher Durchlässigkeit, Kraft und welchem Willen sie das macht. Sie ist in diesen Polizei-Kontext gesprungen und hat sich bis zur Selbstaufopferung dieser Figur gewidmet. Was sie aber besonders auszeichnet, ist neben der extremen Körperlichkeit, dass ich die gesamte Geschichte ihrer Figur in Momenten ablesen kann, in denen absolute Ruhe herrscht. Diese Inseln in einem Film, der laut und dynamisch ist, schafft sie selbst. Das macht den Film zu etwas Besonderem. Trotz der großen Informationsdichte nehmen wir uns die Zeit, das Publikum in Welten zu entführen und in Bereiche reinschauen zu lassen, die uns berühren. Durch Rebeccas Augen, durch Magdalenas herausragende Darstellung.

Was machen Sie als Nächstes?

Dustin Loose: Ich durfte für den Bayerischen Rundfunk den Neustart des „Tatort“ Franken mit Fabian Hinrichs und Rosalie Thomass gestalten. Schon vom Besetzungsprozess für die neue Kommissarin an, haben Redakteurin Claudia Luzius, Produzentin Uli Putz und ich eng zusammengearbeitet. Wir haben mit dem soeben fertiggestellten Fall „Gottesgarten“, basierend auf dem Drehbuch von Constantin Lieb, eine hochdramatische und erschütternde Geschichte über Recht und Gerechtigkeit erzählen dürfen, und wo diese Begriffe zu zerbrechen drohen. Das wird im nächsten Jahr ein heftiger Einstand für die neue Konstellation – soviel kann ich jetzt schon versprechen. Und es war eine wundervolle, vertraute und inspirierende Zusammenarbeit. Mit Fabian Hinrichs sogar unsere Dritte. Und schon in zwei Wochen beginnen die Dreharbeiten für den ARD-Film „Chamäleon“ (AT), den ich in der vertrauten Konstellation von Frédéric Hambalek (Buch), Sophie von Uslar (Produktion) und Katharina Dufner (Redaktion SWR) machen darf, wie schon den gemeinsamen Film „Der neue Freund“ von 2023.

Das Interview führte Michael Müller