Fast fünf Jahre hat Rainer Weiland das Mediengründerzentrum in Köln geführt. Nun zieht er sich am 10. Juli aus dem Arbeitsleben zurück. Im Abschiedsinterview mit THE SPOT zieht er ein überaus positives Resümee seiner Arbeit.

Sie nehmen Abschied vom Mediengründerzentrum, das Sie fünf Jahre geleitet haben. Wie steht das MGZ da, was konnten Sie während Ihrer Ägide bewegen?
Rainer Weiland: Als ich das Mediengründerzentrum vor knapp fünf Jahren übernommen habe, war es bereits ein Juwel – ein Juwel, weil es im Jahresstipendiumprogramm kreative und unternehmerische Ausnahmetalente fördert, entwickelt und unterstützt, die dann in den Folgejahren eine tolle Entwicklung nehmen. Auch gab es konzeptionelle Überlegungen der Erweiterung, aber diese Überlegungen befanden sich noch am Anfang und blieben in der Coronazeit stecken. Das MGZ war also sehr fokussiert auf die Jahresstipendien, auf geschlossene Seminare für die begrenzte Anzahl der Stipendiat:innen. Meine Grundidee war: In diesem Laden steckt so viel Know-how, so viel Potenzial – warum machen wir aus dem closed shop nicht ein offenes Haus? Es gibt in der NRW-Medienbranche so viele Menschen, die Interesse haben an einzelnen Themen, die bei uns verhandelt werden, die sich insbesondere unternehmerisch weiterentwickeln wollen. Das können Beschäftigte in Medienunternehmen sein, Freelancer, Hochschulabsolvent:innen. Von denen wollten wir viel mehr ansprechen mit den spannenden Inhalten, die wir anbieten. Wenn ich ein Fazit nach fünf Jahren ziehen sollte, dann würde ich sagen: Das Mediengründerzentrum ist heute wirklich ein offenes Haus. Wir haben die Türen weit geöffnet und haben dadurch auch eine viel stärkere Resonanz in der Branche und viel stärkere Wirkung in unserer Arbeit, als das vor fünf Jahren der Fall war. Das sieht man auch daran, dass sich die Anzahl der Bewerbungen um ein Stipendium bei uns inzwischen verdoppelt hat.

Was waren die entscheidenden Schritte und Maßnahmen dafür?
Rainer Weiland: Ich wollte die Alumni-Arbeit ausbauen. Jeder weiß, dass ein Unternehmen nicht nach einem Jahr fertig entwickelt ist und dann für die Ewigkeit hält. Die Entwicklung und der Aufbau eines Unternehmens nehmen in der Regel mindestens drei Jahre in Anspruch, bis eine gute Solidität da ist. Mir war wichtig, dass unsere Alumni dabei nicht alleingelassen werden. Dass sie auch da, wo sie noch Wachstums- und Veränderungsprozesse vor sich haben, Begleitung und Unterstützung durch das Mediengründerzentrum erhalten. Ich wollte in einem weiteren Schritt noch mehr potenzielle Chancen-Gründer:innen, wie wir sie nennen, für uns interessieren und begeistern. Ich wollte schlicht und ergreifend die Anzahl der Bewerbungen bei uns erhöhen, um aus diesem vergrößerten Pool dann die spannendsten und vielversprechendsten Kandidat:innen auszuwählen. Das gelingt nur, wenn wir die Sichtbarkeit des MGZ verbessern. Als dritter Schwerpunkt neben der Alumni-Arbeit und der Erhöhung der Sichtbarkeit war mir die gezielte Förderung von weiblich gelesenen Gründerinnen in der Medienbranche ein Anliegen. Als ich ins Mediengründerzentrum kam, ist mir aufgefallen, dass Frauen dort deutlich unterrepräsentiert waren. Das hat mich überrascht, weil ich von der ifs, die ich zuvor geleitete habe, wusste, dass in den wichtigen Studiengängen eigentlich nahezu eine Parität zwischen Männern und Frauen gegeben war. Wenn es aber an die Unternehmensgründung ging, verschwanden die Frauen plötzlich… Deshalb haben wir im MGZ ein neues Programm mit dem Namen „MGZsheroes“ aufgelegt, wo es uns gezielt darum geht, weiblich gelesene Personen darin zu unterstützen, ihre eigene unternehmerische Idee zu entwickeln und ihr eigenes Unternehmen aufzubauen. Diesen Dreiklang würde ich als Arbeitsschwerpunkt in den letzten fünf Jahren sehen.
„Alle haben erkannt, dass ein Wahnsinnspotenzial in diesem Juwel steckt, dass es sich lohnt, es weiter zu schleifen und sich hier zu engagieren.“
Rainer Weiland
War es leicht, die gesteckten Ziele umzusetzen? Wie sieht der Rückhalt aus? Ist die nötige finanzielle Unterstützung gegeben?
Rainer Weiland: Der Programmausbau und die Öffnung des Mediengründerzentrums zu einem offenen Medienhaus haben Geld und Unterstützung gefordert. Ich hatte das große Glück, dass sowohl meine Gesellschafter, also der Film- und Medienstiftung NRW und die Stadt Köln, als vor allem auch die Landesregierung NRW, diesen Prozess voll mitgetragen haben. Alle haben erkannt, dass ein Wahnsinnspotenzial in diesem Juwel steckt, dass es sich lohnt, es weiter zu schleifen und sich hier zu engagieren. Deshalb habe ich tatsächlich eine gute strukturelle, aber auch finanzielle Unterstützung erhalten, sodass wir unser Budget erweitern und unsere Aufgaben besser wahrnehmen konnten.

Wie eng verzahnt mit anderen Institutionen und Programmen arbeitet das MGZ, sowohl in Köln und NRW, aber auch über die Landesgrenzen hinaus?
Rainer Weiland: Einer der Schwerpunkte meiner Arbeit war es, die Vernetzung des Mediengründerzentrums zu verstärken, damit wir unsere Netzwerkpartner auch als Multiplikatoren für unsere Ideen und unsere Ziele gewinnen und einbinden konnten. Da ist in den vergangenen Jahren sehr viel passiert. Wir sind in Nordrhein-Westfalen nicht nur mit den wichtigen Hochschulen, z.B. der Internationalen Filmschule, der Kunsthochschule für Medien aber auch dem Cologne Game Lab und der Fachhochschule Dortmund, sehr eng verbunden, sondern ebenso auch mit Unternehmen, Verbänden und Initiativen. Wir haben eine sehr enge Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen, die sich mit dem Thema Gründung in einem allgemeineren und nicht fachspezifischen Teil kümmern, also beispielsweise der Startplatz Köln, die IHK Köln, die Sparkasse KölnBonn. Uns ist es gelungen, das Netzwerk sehr deutlich zu erweitern, und wir freuen uns sehr über die gute Zusammenarbeit z.B. auch mit Partnern wie dem Filmfestival Cologne. Wir bündeln unsere Ressourcen dort, wo es sinnvoll ist, und vertiefen und spezialisieren, wo es nötig ist. Das funktioniert hervorragend.
„Ich wollte die Vernetzung des Mediengründerzentrums verstärken, damit wir unsere Netzwerkpartner auch als Multiplikatoren für unsere Ideen und unsere Ziele gewinnen und einbinden konnten.“
Rainer Weiland
Weil man erkannt hat, wie wichtig es ist, in den kreativen Nachwuchs zu investieren?
Rainer Weiland: Um es in Schulnoten zu sagen: Wenn die Zukunft unseres Medienstandortes „gut“ werden soll, dann muss die Talentförderung „sehr gut“ sein. Die Kreativen, die morgen die relevanten und maßgeblichen Programme herstellen werden, egal in welcher Form und über welche Plattform, die sind heute schon da und die sollte man tatsächlich heute schon darin unterstützen, dass sie sich entwickeln und ihr Talent und ihre Kreativität voll entfalten können. Das hat man in NRW erkannt. Deshalb gibt es auch diese vorbildliche Unterstützung des Mediengründerzentrums.
Was genau ist es denn, das den Standort NRW auszeichnet, das ihn einzigartig macht – einerseits für die Kreativen, andererseits aber auch für eine Einrichtung wie das MGZ?
Rainer Weiland: Was den Standort am meisten auszeichnet, ist Vielfalt. Vielfalt in gesellschaftlicher Hinsicht schon einmal. Nordrhein-Westfalen hat schon, bevor es das Bundesland gab, im Ruhrgebiet sehr viel Erfahrung mit der Zusammenführung verschiedener Nationalitäten sammeln können. NRW ist ein Land, so erlebe ich es, das bis heute sehr offen ist für Menschen aus allen Teilen der Welt. Und von dieser Vielfalt der Herkünfte und Perspektiven auf das Leben profitiert der Standort grundsätzlich und profitiert er im Medienbereich im Besonderen. Aber Vielfalt gilt natürlich auch für den fantastischen Mix von großen Unternehmen und „Tankern“ wie RTL oder WDR auf der einen und der sehr agilen mittelständische Struktur auf der anderen Seite. Diese gesunden mittelständischen Unternehmen sind ohnehin die Leistungsträger in unserer Medienwirtschaft, zusammen mit den kleinen, aber sehr feinen Manufakturen für herausragenden Content. Diese Mischung macht NRW superstark. Eine Untersuchung im Jahr 2022 hat ergeben, dass 42 Prozent aller deutschen Kino-, TV- und Streamingproduktionen aus NRW kommen. Da ist auch viel Non-Fiction dabei, unterstreicht aber allemal, dass es sich um einen Standort handelt, an dem man wirklich produzieren und Geld verdienen kann. Und der Standort wird mitgetragen von einer Medienpolitik, die sich bewusst ist, dass sie in eine Zukunftsbranche investiert. Bei allen Wellenbewegungen, die wir in der Medienbranche erleben, wissen wir, dass die Mediennutzungszahlen der Menschen in unserem Land nur eine Richtung kennen, zumindest in der mittelfristigen Perspektive: steil nach oben. Die Menschen werden weniger arbeiten, die Mediennutzung wird weiter steigen. Die Branche, die die Inhalte dafür produziert, ist eine Zukunftsbranche. Das hat die Landungsregierung erkannt und deshalb setzt sie sich dafür ein, zukunftsrelevante Projekte wie das MGZ zu unterstützen.

Und über NRW hinaus?
Rainer Weiland: Unsere Schwerpunkte liegen im Land, keine Frage. Wir sind aber auch im Austausch mit Fördereinrichtungen in anderen Bundesländern, auch mit Hochschulen, die sagen, sie bräuchten unbedingt so etwas wie das Mediengründerzentrum in ihrem Land: eine Institution, die den Weg von der Hochschule über das Freelancertum bis hin zu einem wirklich fundierten Unternehmer:innentum ebnet. Da sind wir jederzeit als Partner und Berater an der Seite anderer Einrichtungen, etwa jüngst in Hessen beim neuen Film- und Mediengründungszentrum. Wir verstehen uns nicht als Konkurrenten, sondern als Partner in einem großen Markt, in dem wir uns gegenseitig fördern und unterstützen können.
„Talent muss man fördern, muss man unterstützen, Talenten muss man Freiräume eröffnen.“
Rainer Weiland
Sind die jungen Filmemacher:innen von heute anders als vor zehn Jahren?
Rainer Weiland: Definitiv. Die Begeisterung für das Medium und das mediale Erzählen ist zwar ungebrochen. Aber sie ist kombiniert mit einem Anspruch an gesellschaftliche Relevanz und gesellschaftliche Veränderung. Die Generation der jungen Gründer:innen, die wir jetzt bei uns haben, will sich mit dem, was sie produziert, identifizieren können, die wollen stolz sein können auf das, was sie produzieren. Und sie wissen, dass sie mit ihren Produktionen immer auch einen gewissen gesellschaftlichen Impact herstellen und die Möglichkeit haben, die Gesellschaft, wenn auch in kleinen Schritten, zu verändern. Das macht die aktuelle Generation besonders aus. Heute geht es sehr stark nicht nur um wirtschaftliche, sondern auch um inhaltliche Werte.
Hat diese Arbeit mit den jungen Filmemacher:innen auch Ihren Blick verändert?
Rainer Weiland: Auf jeden Fall. Ich empfinde es als großes Privileg, dass ich in den letzten fünf Jahren ungeheuer viel dazulernen konnte. Wenn man über Wirtschaftspolitik redet, gibt es diesen schönen Satz, Kapital sei ein scheues Reh. Ich würde dem hinzufügen: Talent ist ein genauso scheues Reh. Talent muss man fördern, muss man unterstützen, Talenten muss man Freiräume eröffnen. Wenn man das auf eine gute und individuelle Weise macht, entstehen daraus fantastische Unternehmungen, die auch den Medienstandort nach vorne bringen und auf Dauer bereichern können. Man kann Kreativität aber nicht erzwingen. Man kann nur versuchen, die Grundlagen dafür zu schaffen, dass sie sich entfalten kann. Gelernt habe ich dabei den Blick auf die Vielfalt der Perspektiven in unserer Branche. Es gibt nicht die eine Zielgruppe. Die Diversität der Zielgruppen fordert eine Diversität der Angebote. Und mit einem diversen Angebot kann man gleichzeitig auch die Gesellschaft verändern. Das habe ich von meinen Stipendiat:innen lernen dürfen.

Gab es Dinge, die Sie nicht umsetzen konnten, wo dringender Handlungsbedarf besteht?
Rainer Weiland: Es wäre schrecklich, wenn man sagen könnte, es sei einem alles gelungen. Mein Kopf ist voller Ideen. Mir geht seit längerem durch den Kopf, dass wir ein Programm „MGZ international“ auflegen müssten, mit dem wir gezielt unsere Stipendiat:innen und Alumni unterstützen, internationale Kooperationen und die internationale Verwertung ihrer Produkte besser hinzubekommen. Beispielsweise könnten wir die Nähe zu Benelux besser nutzen und hier mehr Zusammenarbeit herstellen. Oder eine andere Idee: Warum nicht einmal im Jahr eine Art Industry Screening machen, wo man der Industrie vorstellt, was gerade an Projekten in der Entwicklung und in Produktion ist? Sehr schön fände ich auch, wenn man noch viel mehr als bisher Industrie-Patenschaften herstellen könnte. Wir haben tatsächlich große starke Unternehmen am Standort, die händeringend auf der Suche nach Talenten sind. Die kann man bei uns finden. Es gibt großes Potenzial, das MGZ weiterzuentwickeln. Aber das liegt nun in den Händen meiner Nachfolge.
Wie ist das nun folgende Prozedere?
Rainer Weiland: Die Stelle ist ausgeschrieben, und im Moment läuft der Auswahlprozess. Es wird also weitergehen, selbstverständlich. Ich bin sehr froh, dass ich in den letzten fünf Jahren ein sehr starkes Team aufbauen konnte, das nicht nur engagiert ist, sondern das „das Ohr auf der Schiene“ hat, ausgezeichnet mit der Branche vernetzt ist und immer wieder neue Projekte und Angebote entwickelt. Das Team ist ready to go und freut sich darauf, die Arbeit fortzusetzen. Und ich selbst bin auch nicht ganz aus der Welt. Die Branche liegt mir weiterhin sehr am Herzen, ich will sie nicht missen. Aber ich freue mich auch darauf, keine festen Pläne mehr haben zu müssen, und dass jetzt Zeit und Raum für Neues ist.
Das Gespräch führte Thomas Schultze.