Am 13. Februar startet bei Netflix die Schweizer Serie „Winter Palace“. Sie ist die erste Kooperation zwischen dem Streamer und RTS, dem französischsprachigen Ableger des Schweizer Fernsehens. Entstanden ist sie unter der Regie des erfolgreichen Filmemachers Pierre Monnard. Im Interview spricht er darüber, auf was es ankommt, eine mit so hohem Production Value glänzende historische Serie umzusetzen.

Sie haben bereits viel Erfahrung als Regisseur großer Serien – „Neumatt“, aber auch „Wilder“ wären hier zu nennen. Es ist sicher nicht verkehrt zu sagen, dass Sie mit „Winter Palace“ nun noch eine Schippe draufgelegt haben, richtig?
Pierre Monnard: „Winter Palace“ ist meine erste historische Serienarbeit. Die Geschichte spielt im Jahr 1899. Ich hatte davor noch nie mit historischem Kostüm, Hair-/Makeup, Szenenbild gearbeitet. Außerdem gab es große Szenen mit vielen Statisten für die Inszenierung von Partys, Gala-Dinners… Das war neu für mich. Aber es ist alles gut gelaufen, weil wir ein sensationell begabtes Team, eine tolle Crew mit sehr erfahrenen Leuten hatten. Valérie Adda aus Paris zeichnete für das Kostümbild verantwortlich, Marion Schramm, mit der ich bereits öfters arbeitete, schuf das Szenenbild, die tollen Dekors, die sowohl für die Schauspieler als auch für mich bei der Inszenierung eine Inspirationsquelle waren. Sowohl Adda als auch Schramm haben schon viel historisch gearbeitet. Es war einfach fantastisch, weil alle Gewerke Höchstleistung erbracht haben.
„Wir wollten keinen Dokumentarfilm machen über diese Zeit.“
Der Dreh im Schnee war aber nicht neu für Sie. Ich erinnere mich an Schneelandschaften in „Wilder“…
Pierre Monnard: Genau. Darin hatte ich Erfahrung. Bei „Winter Palace“ waren wir viel im Schnee und in den Bergen. Neu war für mich die Arbeit mit Pferden im Schnee. Das war kompliziert, viel technischer, man braucht mehr Zeit, mehr Geduld und muss sehr aufpassen, weil gerade auf dem Schnee schnell Unfälle passieren können mit den Tieren. Aber auch hier ist alles gut gegangen, weil wir auch hier die besten Leute an unserer Seite hatten. Nur das Wetter spielte nicht so recht mit. Wir mussten oft den Drehplan ändern, weil es wenig Schnee gab. 2024 war insgesamt kein großes Schneejahr in der Schweiz. Obwohl wir auf über 2000 Meter gedreht haben, auf einer Höhe, wo im Februar normalerweise wirklich viel Schnee sein sollte… Bei uns waren es teilweise nur fünf Zentimeter, zudem war es oft recht mild, dass das bisschen Schnee gleich wieder geschmolzen ist. Irgendwann hat es natürlich auch mal geschneit, dann gingen die Temperaturen gleich auf minus 15 Grad runter… Das war vor allem hart bei unseren Nachtdrehs – es gibt Szenen bei Nacht in den Episoden sieben und acht -, schenkte uns aber schöne Bilder. Aber wir waren gut vorbereitet.

Das herausragende Szenenbild und Kostümbild in „Winter Palace“ sticht ins Auge. Wie wichtig war Ihnen historische Authentizität?
Pierre Monnard: Wir wollten keinen Dokumentarfilm machen über diese Zeit. Wir sind so nah wie möglich, aber nicht alles ist Eins-zu-Eins authentisch. Das ist auch gar nicht immer möglich, weil es ab einem gewissen Punkt auch eine Geldfrage ist. Uns war stilistisch wichtig, zu gewissen Momenten auch einen Anachronismus einzubauen. Die Serie soll als Mischung aus Drama und Komödie auch Spaß machen. Die Modernität liegt etwa in der Musik oder erklingt im Score, dessen moderne Melodien aber wiederum mit in jener Periode zum Einsatz gebrachten Instrumenten gespielt wurden. Das Französisch, das die Figuren sprechen, ist ebenfalls modern, ohne allerdings eine Slang-Färbung zu haben. Wir wollten eine Serie für unsere Zeit machen, wollten diesen jungen, energetischen Schauspielern Raum geben. In Episode vier kommt zum Beispiel eine Funk-Band, die 1899 so nicht existierte, dazu. Wir scheuen auch nicht davor zurück, elektrische Instrumente zum Einsatz zu bringen. Das sind Momente in der Geschichte, in denen wir uns die Freiheit zu spielen erlaubt haben. „Winter Palace“ ist Fun, kein historisches Museum, in dem alles korrekt ist. Trotzdem hatten wir eine fantastische historische Beraterin, Evelyne Lüthi-Graf, die spezialisiert ist in dem Bereich Tourismus, Hotel und Gastronomie des späten 19. Jahrhunderts. Ich würde sagen, ca. 90 Prozent sind historisch korrekt.
„Es war eine schöne, strukturierte, positive Zusammenarbeit.“
Die modernen Aspekte finden auch in der Geschichte selbst Niederschlag, zum Beispiel in den Frauenfiguren…
Pierre Monnard: Genau. Wie gesagt, wollten wir nicht fürs Museum inszenieren, unsere Story sollte zur Jetztzeit sprechen. Diesen Ansatz verfolgen auch andere aktuelle wie „Sisi“ oder „Bridgerton“. Mit „Winter Palace“ wollen wir ein breites Publikum und vor allem auch ein jüngeres abholen.
„Winter Palace“ ist die erste Serie von RTS, dem französischen Ableger von SRG SSR, und Netflix. Wie haben Sie Sender und Streamer als Sparringpartner erlebt?
Pierre Monnard: Die Serie wurde mit dem Schweizer Fernsehen entwickelt. RTS war Partner von Stunde Null an. Netflix stieg erst auf Basis von bereits existierenden Drehbüchern ein. Natürlich haben uns die Kollegen des Streamers dann auch noch Rückmeldung auf die Bücher gegeben, aber bei der eigentlichen Drehbuchentwicklung waren sie nicht dabei. Viele der Anmerkungen von Netflix haben wir auch aufgegriffen, weil sie wirklich gut waren, tolle Ideen, auf die wir nicht gekommen wären. Sie mochten die Serie, wollten unbedingt dabei sein. Während der Dreharbeiten waren sie wenig involviert, sie haben die Muster geschaut, besuchten uns hin und wieder am Set. Insgesamt war Netflix sehr unterstützend, auch später im Schnitt, wo sie wie RTS ein echter Sparringpartner waren. Es war eine schöne, strukturierte, positive Zusammenarbeit, die sich nicht unterschieden hat von meinen Erfahrungen mit RTS, SRF oder France Télévision.
Für RTS ist „Winter Palace“ die teuerste Produktion in der Sendergeschichte. Pro Episode sollen ca. zwei Mio. CHF ausgegeben worden sein. Die Ausstrahlung erfolgte im Schweizer Fernsehen bereits. Wurden die Erwartungen erfüllt?
Pierre Monnard: Sie ist extrem gut gelaufen, über den Erwartungen, erreichte bei RTS die besten Quoten einer Serie seit „Quartier des Banques“ von 2017. Auch die Abrufzahlen bei Play Suisse waren hervorragend und über die Quoten beim SRF ist man ebenfalls sehr happy. Außerdem erhielten wir fast durchgängig nur gute Kritiken. Und unser Hauptdarsteller Cyril Metzger hat bereits den „Prix Swissperform 2025“ gewonnen. Was eine mögliche zweite Staffel von „Winter Palace“ betrifft, warten wir die Netflix-Ausstrahlung der ersten Staffel und das Feedback unseres Hauptpartners ab, bevor wir entscheiden, ob wir die Arbeit an einer zweiten Staffel aufnehmen.
„Uns war wichtig, Up-and-coming-Talente zu besetzen.“
Der Name Ihres Hauptdarstellers, Cyril Metzger, ist bereits gefallen. In „Winter Palace“ haben Sie mit vielen jungen Darstellenden gearbeitet, setzen auf frische Gesichter. Was war Ihnen bei der Besetzung wichtig?
Pierre Monnard: Der bekannteste im Cast ist Clive Standen, der den Bösewicht spielt. Uns war wichtig, Up-and-coming-Talente zu besetzen, die schon Erfahrung mitbringen, aber eben noch keine Superstars sind. Mit Cyril Metzger habe ich bereits bei „Hors-saison“ zusammengearbeitet. Er dreht viel in der Westschweiz und in Frankreich. Insgesamt ist es ein junger Cast, weil die Hauptfiguren alle ziemlich jung sind. Mit unserer Auswahl sind wir sehr glücklich. Es wurde eine Mischung aus französischen und schweizerischen Schauspielern, manche stammten aus Belgien und UK. Es war toll, diese verschiedenen Stile und Kulturen vor der Kamera zu versammeln. Meine anfängliche Angst, dass bei einem so breitgefächerten Cast vielleicht auch Probleme auftauchen können, war ab dem ersten Drehtag weggeblasen. Die Stimmung war gut, alle hatten viel Spaß, es sind richtige Freundschaften entstanden. Und unsere Whatsapp-Gruppe ist immer noch sehr lebendig.
„Winter Palace“ war auch technisch innovativ hinsichtlich der Erschaffung des Luxushotels hoch oben in den Schweizer Alpen…
Pierre Monnard: Die Aufnahmen entstanden an fünf verschiedenen Locations. Wir haben nichts im Studio gedreht, alles an realen Drehorten. Wir nutzten die Räumlichkeiten von drei verschiedenen Hotels oberhalb von Montreux in der Westschweiz, und das Château Mercier im Wallis. Der fünfte Ort, der Ort in den Bergen, wo unser Luxushotel steht, existiert ebenfalls. Das ist das Kloster Simplon auf dem Simplonpass, erbaut damals von Napoleon Bonaparte. Dessen Erdgeschoss und die erste Etage haben wir behalten, die weitere Fassade, die weiteren Stockwerke haben wir digital erweitert und die Architektur entsprechend etwas verändert, damit sie weniger nach Kloster, sondern mehr nach Grand Hotel aussieht. Der Vorteil dabei ist: Man kann draußen drehen und alles schön gestalten, muss nicht mit Green Screen arbeiten. Die Schauspieler können mit realen Elementen spielen, die Treppen, Türen, Wände, die Größe – das ist alles echt… Nur bei der Totalen kommt die digitale Erweiterung zum Einsatz.
„Was ich beim Kino lerne, kann ich bei Serien einbringen und umgekehrt. Die beiden Arbeitsweisen sind extrem kompatibel.“
Sie machen auch sehr erfolgreich Kino, siehe „Platzspitzbaby“ und „Bisons“. Was schätzen Sie an Kino, was an Serie?
Pierre Monnard: Serie ist einfach die Champions League in Sachen Teamarbeit. Man kann keine Serie – und natürlich keinen Film – allein machen. Bei Serien ist der Spirit einer Team-Idee aber noch wichtiger, die Zusammenarbeit, die Arbeit hin auf ein gemeinsames Ziel. Und Serie ist auch viel Management. Man braucht Schauspieler, die die Kraft mitbringen, die wie Cyril 70 Drehtage in jeder Szene dabei sind, jeden Tag eine Menge Text lernen müssen, auf englisch, auf französisch spielen, draußen in der Kälte stehen, drinnen… Man hat nicht viel Zeit, Zeit für Proben schon gar nicht. Es ist immer „Action!“ Die Inszenierung entwickelt sich beim Drehen. Das zieht sich durch jede Abteilung. Die Kamera muss extrem gut sein, die Focus Puller müssen auf Zack sein, kurzum: alle müssen on the top of their game sein. Die ganze Zeit. Wenn es funktioniert und ein Flow entsteht, ist das ein extrem schönes Gefühl und es kreiert ein Band zwischen allen. Bei Kino ist das ein bisschen anders. Man hat ein bisschen mehr Zeit, arbeitet mehr an Details. Da bin ich eher in meinem Kopf, probiere Dinge aus. Da gebe ich mehr den Ton an. Bei Kino ist man stärker die driving force. Es ist weniger Abenteuer. Ich liebe es, sowohl im Serien- als auch im Kinobereich arbeiten zu können. Ich wäre traurig, wenn ich nur das eine oder das andere machen dürfte. Außerdem profitiert meine Arbeit davon: Was ich beim Kino lerne, kann ich bei Serien einbringen und umgekehrt. Die beiden Arbeitsweisen sind extrem kompatibel.
Erzählen Sie uns noch zum Schluss, wie weit Sie mit Ihrem neuen Kinofilm, „Hallo Betty“ sind?
Pierre Monnard: Soweit so gut. Wir haben bereits zwei Wochen gedreht, jetzt ziehen wir zum nächsten Motiv. Es macht Spaß, alles im grünen Bereich, wir haben eine super Mannschaft. Im Sommer geht es bereits mit meinem nächsten Kinofilm weiter…
Das Gespräch führte Barbara Schuster