Seit mehr als 30 Jahren hat sich Paul W.S. Anderson auf großes Spektakelkino spezialisiert. Sein neuer Film, „In the Lost Lands“, einmal mehr mit seiner Ehefrau Milla Jovovich in der Hauptrolle sowie mit Dave Bautista an ihrer Seite, startet im Verleih von Constantin Film am 6. März. Wir haben ein schönes Gespräch mit dem Briten geführt.
Immer waren Sie ein Spezialist für kinetisches Spektakel auf der größtmöglichen Leinwand. Das trifft auch auf „In the Lost Lands“ zu. Was war anders für Sie, was ist neu an diesem Film?
Paul W.S. Anderson: Wie wir den Film gemacht haben, macht ihn anders, macht ihn neu, macht ihn einzigartig. Ich glaube nicht, dass jemals schon jemand einen Film genau auf diese Weise gemacht hat, wie wir vorgegangen sind. Als ich George R.R. Martins Kurzgeschichte erstmals las, war für mich klar: Das ist ein Märchen für Erwachsene. Gute Botschaft auch: Be careful what you wish for! Aber eben nichts für Kinder, nicht wie von Disney, sondern mehr so wie Hans Christian Andersens ursprüngliche „Meerjungfrau“, wo sie am Ende stirbt, oder eine der dunklen Geschichten der Brüder Grimm. Oder denken Sie an den „Struwwelpeter“! Das hat mich sofort inspiriert, und ich habe über eine mögliche visuelle Sprache für eine filmische Umsetzung nachgedacht. Ich wollte eine Welt erschaffen, die sofort kommuniziert: düsteres Märchen!
Düster und farbsaturiert ist Ihr Film geworden, da haben Sie sicherlich Recht.
Paul W.S. Anderson: Und klar, dann ist es auch unverkennbar George R.R. Martin, die Figuren, die Handlungswendungen, die Kreaturen. Aber auf keinen Fall wollte ich, dass „In the Lost Lands“ ein Abklatsch von Westeros ist, also kein Wald in Irland oder eine Gegend in Island… Ich wollte eine fantastische Welt, die sich neu anfühlt. Wir haben also etwa eineinhalb Jahre vor Drehstart damit begonnen, uns die Welt des Films auszumalen und haben die Lost Lands samt und sonders im Computer entstehen lassen. Als wir dann mit dem Dreh begannen, koppelten wir die Kamera am Set mit der digitalen Kamera im Computer. Auf diese Weise konnten die Crew und insbesondere die Besetzung direkt sehen, wir die Kulissen im fertigen Film aussehen würden. Alles im Vordergrund war gebaut, damit konnten die Darsteller:innen unmittelbar agieren. Aber die Landschaften und Hintergründe gab es nur im Computer – und doch konnte man sich beim Dreh ganz unmittelbar eine Vorstellung davon machen, in welchem Umfeld man spielt, anders als beispielsweise bei Green-Screen.
Eine unbedingte Hilfe für die Darsteller…
Paul W.S. Anderson: Milla (Jovovich) und Dave (Bautista) haben einige Erfahrung im Umgang mit Blue-Screens und Green-Screens, wo man dann mit einem Tennisball spielt, der im fertigen Film ein cooles Monster ist. Sie können das. Aber sie müssen auch nicht. Dass wir einen anderen Ansatz wählten, gab ihnen Freiheit, die sie sonst nicht gehabt hätten. Es fiel ihnen jedenfalls viel leichter, sich in der Welt von „In the Lost Lands“ zu verlieren.
Und Sie hatten freie Hand bei der visuellen Gestaltung, die voller Referenzen ist zu den apokalyptischen Gemäldewelten eines Bosch oder Breughel.
Paul W.S. Anderson: Das habe ich tatsächlich immer zu allen am Set gesagt, meinem Kameramann, dem Art-Director, den Leuten von den visuellen Effekten: Das muss der Comicroman werden, den Hieronymus Bosch nie gemacht hat. Wir haben Bosch akribisch studiert. Ich liebe an ihm seine Detailversessenheit, die man auch und gerade an den Rändern seiner Gemälde findet. Ähnlich sind wir auch vorgegangen. Wenn der Film dann einmal auf Blu-ray erhältlich ist und man an einer beliebigen Stelle Pause drückt und das Bild studiert, wird man zahllose Dinge entdecken, die einem sonst niemals auffallen würden. Daran haben wir hart gearbeitet. Wir wollten eine Welt erschaffen, die nicht wie unsere ist, sondern wie gesagt einem düsteren Märchen entspricht.
„Wie wir den Film gemacht haben, macht ihn anders, macht ihn neu, macht ihn einzigartig.“
Paul W.S. Anderson
Natürlich hatten Sie eine genaue Vorstellung, was Sie umsetzen wollten. Aber wenn man davon abhängig ist, dass eine Technologie funktioniert, die auf diese Weise noch nie zum Einsatz gekommen ist, wagt man doch einen Glaubenssprung. Hat denn wirklich alles so funktioniert, wie Sie es sich ausgemalt hatten?
Paul W.S. Anderson: Anfangs hatte ich Beratungen mit meinem langjährigen VFX-Supervisor Dennis Berardi, um für mich Klarheit zu verschaffen, wie man das umsetzen könnte, was ich mir vorstellte. Ob es überhaupt möglich sein würde. Danach hatten wir bis zum Drehstart ein Jahr lang Zeit, diese Welt tatsächlich zu erschaffen. Mir gefällt an dieser Technik, dass man am Set unheimlich flexibel arbeiten kann. Wir hatten auch überlegt, den Film in einer Volume zu drehen, das wäre die Alternative gewesen. Aber ich bin kein Fan. Wenn man in einer Volume arbeitet, ist der Handlungsspielraum für die Schauspieler begrenzt. Jede Bewegung muss vorher geplant und programmiert werden. Für spontane Ideen ist in einem solchen Szenario kein Platz. Aber gerade das macht die Arbeit mit tollen Schauspieler:innen so spannend, die viel mehr über ihre Figuren wissen als ich. Ich will immer offen sein für ihre Vorschläge und Ideen. „In the Lost Lands“ hat definitiv davon profitiert, dass wir diese Freiheit hatten.
Das ist gut. Aber meine Frage haben Sie damit nicht beantwortet.
Paul W.S. Anderson: Es war technisch kompliziert. Sehr kompliziert. Aber das betraf uns hinter der Kamera. Für die Schauspieler war es eine Befreiung. Sie sahen nicht die Probleme, die fortwährend gelöst werden mussten. Sie mussten sich auch nicht mit dem Jahr Arbeit belasten, das wir vor dem Dreh in den Bau der Welt gesteckt hatten. Sie wussten, dass jede ihrer Ideen auf fruchtbaren Boden fiel: Wir würden dafür Sorge tragen, dass sie sich umsetzen ließ. Für mich war der Film auch in diesem Hinblick eine neue Erfahrung. Ich habe viele Filme mit Milla gemacht, in denen sie allein gegen die Welt antritt. Hier war es ein ebenbürtiges Duell, ein Zusammentreffen auf Augenhöhe, Milla und Dave gleichberechtigt. Und natürlich hatten beide eigene Ideen. Mit der gewählten Vorgehensweise konnten wir ihnen gerecht werden.
Schon. Aber hat es denn funktioniert, wie Sie es sich ausgemalt hatten?
Paul W.S. Anderson: Ich will sie nicht mit technischen Details langweilen, aber wir haben die Unreal Engine, die uns den Dreh so erlaubte, wie wir ihn uns wünschten, so eingesetzt, dass wir auf jede der Kameras, die zum Einsatz kamen, noch einmal eine zusätzliche Kamera aufgepflanzt haben, die an die Decke gerichtet war. Dort hatten wir ein Starfield angebracht, also 350 Leuchtdioden, die es dem Computer erlaubten, Kamera und Filmwelt miteinander in zu koppeln, ein bisschen, als würde man nach den Sternen navigieren – daher der Name, Starfield. Wir hatten alles präzise ausgearbeitet, die Theorie war perfekt, die Tests funktionierten. Wir waren kurz vor Drehstart. Bei einer Begehung des Sets hatte ich dann spontan die Idee, mit einer der Kameras aus einem der ausgebrannten Autos heraus zu drehen. Da rasteten die Techniker am Set aus, weil das bedeutete, dass die aufgepflanzte Kamera nicht die Studiodecke, sondern nur ein rostiges Autodach sehen würde können. Immer wieder mussten kurzfristig Lösungen gefunden werden. Aber hey, das ist der halbe Spaß! Und es war auch nie so, dass wir in Terminnot gekommen wären – anders als in der Volume, wo ständig Dinge nicht funktionieren. Ich habe mich gerade erst mit Jude Law unterhalten, der mir erzählte, dass sie beim Dreh von „Skeleton Crew“ manchmal ganze Tage wegen technischer Probleme verloren hätten. Uns ist das nicht passiert.
„Ich erschrecke sehr, wenn ich morgens in den Spiegel blicke: Wer ist denn dieser alte Typ? Ich zumindest fühle mich immer noch so wie der Kerl, der ,Mortal Kombat’ gemacht hat.“
Paul W.S. Anderson
Macht der Dreh auch Spaß, wenn es technisch so anspruchsvoll ist?
Paul W.S. Anderson: Ich liebe Technologie. Also macht es mir Spaß.
War es denn eine bewusste Entscheidung von Ihnen, nach „Monster Hunter“ einen Film machen zu wollen, dessen Look & Feel, aber auch dessen Umsetzung sich kaum mehr unterscheiden könnte?
Paul W.S. Anderson: Bei „Monster Hunter“ haben wir maximal zwei Tage in einer Soundstage zugebracht. Alles andere haben wir on location gedreht, an irgendeinem spektakulären Ort in der Mitte von irgendwo, in der Wüste von Namibia. Crew und Besetzung hausten in Zelten, 300 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Weiter kann man nicht gehen mit einem Location-Dreh. Ich war bereit für etwas Anderes. Diese Kurzgeschichte von George R.R. Martin und die Idee, sie wie ein Märchen zu behandeln, kamen also wie gerufen. Es war also nicht so, dass ich unbedingt einen Film machen wollte, der komplett auf Studiobühnen gedreht wird. Es war mehr so, dass der Stoff diese Vorgehensweise diktierte.
Sie sind seit mehr als 30 Jahren als Regisseur aktiv – ihr Debüt, „Shopping“, kam 1994 ins Kino. Wenn Sie von heute aus auf damals blicken, erkennen Sie sich als denselben Filmemacher?
Paul W.S. Anderson: Ich erschrecke sehr, wenn ich morgens in den Spiegel blicke: Wer ist denn dieser alte Typ? Ich zumindest fühle mich immer noch so wie der Kerl, der „Mortal Kombat“ gemacht hat. Mit jedem Film stellt man wieder auf Null. Jeder Film ist eine neue Herausforderung, jedes Mal sieht die Arbeit anders aus, speziell auf die beiden letzten Filme trifft das besonders zu. Das habe ich auch immer an „Resident Evil“ geliebt. Ja, es ist EIN Franchise, aber ich habe mir Mühe gegeben, jeden Film der Reihe radikal anders zu machen. Für mich folgte immer ein Film logisch auf den nächsten. Ich will nicht kokettieren, aber für mich fühlt es sich unverändert so an, als würde ich erst anfangen.
Und was würde der junge Paul W.S. Anderson von damals von dem Paul W.S. Anderson von heute denken?
Paul W.S. Anderson: Er wäre wohl rechtschaffen schockiert, dass ich heute immer noch exakt dieselben Debatten führe, die mich damals schon in den Wahnsinn getrieben haben. „Shopping“ war eine kleine Produktion mit so gut wie keinem Budget, zusammengestückelt mit Unterstützung von europäischen und japanischen Finanziers. Beim Dreh sagte ich, dass ich für diese Szene einen Kran gebrauchen konnte. Sorry, können wir uns nicht leisten, hieß es. Wie wäre es mit einer Klappleiter? Oder: Brauchst du wirklich zehn Statisten im Hintergrund – drei tun es doch auch! Und ich dachte mir: Wenn ich es einmal nach Hollywood schaffe, muss ich mit einem solchen Unsinn nicht mehr herumschlagen.
Und jetzt sind Sie in Hollywood, machen großen Filme – und müssen immer noch auf die Klappleiter zurückgreifen?
Paul W.S. Anderson: So sieht’s aus. Was? Du brauchst einen Kran? Wie viele Tage brauchst du ihn denn, weil wir ihn uns nicht für den kompletten Dreh leisten können? Es sind ungelogen exakt die gleichen Diskussionen wie vor 30 Jahren. Aber wissen Sie? Die Filme sind viel größer, aufwändiger. Aber im Grunde sind sie immer noch europäische unabhängige Produktionen, bei denen man jeden Pfennig umdrehen muss. Ich drehe in den USA, lebe in Los Angeles, aber ich habe meine Heimat nie verlassen, bin mit einem Fuß immer noch in Europa. Meine Karriere wird angetrieben vom internationalen Markt. Ich habe seit vielen Jahren einen First-Look-Deal mit Constantin Film in München, mein wichtigster Markt, was Ticketverkäufe anbetrifft, ist Japan. Ich bin ein Wanderer zwischen den Welten. Von draußen sehen meine Filme aus wie Studioproduktionen, aber tatsächlich handelt es sich in den meisten Fällen um unabhängig entstandene Filme. Das Geld ist immer eng. Der Geldhahn ist nie völlig aufgedreht. Er tropft. Manchmal kommt gar nichts. Ich muss nicht damit rechnen, dass sich während eines Drehs auf wundersame Weise jemand findet, der mir einen Scheck über fünf Millionen Dollar schreibt.
Na, das wäre schön!
Paul W.S. Anderson: Solange das so ist, werden die Diskussionen nicht ändern. Es wird für mich immer so sein, mit einem Minimum an Mitteln ein Maximum an Film herauszuholen. Aber wissen Sie was! Es gefällt mir. Ich mag die Disziplin, die man aufbringen muss. Man arbeitet bewusster. Gezielter. Und vor allem liebe ich mir die Freiheit, die ich mir damit kaufe. Wenn man 200 Mio. Dollar von jemand anderem ausgibt, können Sie davon ausgehen, dass man keine Entscheidung einfach so treffen kann. Und in den meisten Fällen wird einem dann ohnehin diktiert, was zu tun ist. Wenn die Filmemacher, die Marvel-Filme machen, ehrlich wären, würden sie dies bestätigen.
Also kriegen Sie immer noch die „Klappleiter“?
Paul W.S. Anderson: Jeden Tag. Jeden verdammten Tag. Oder wenn es denn ein Kran ist, dann nur ein ganz kleiner. Aber auch damit lässt sich arbeiten. Man muss einfach findig sein. Das hält jung!
Das Gespräch führte Thomas Schultze.