Drei Jahre nach „Tár“ spricht man in Hollywood wieder über Nina Hoss, räumt man ihr für ihren Auftritt in „Hedda“ Aussichten auf eine Oscarnominierung ein. Wir haben uns mit der Schauspielerin über diese außergewöhnliche Rolle in Nia Da Costas Film unterhalten.

Sie haben einen sensationellen ersten Einstand in „Hedda“. Wussten Sie schon beim Dreh, dass es ein solche elektrisierender Moment sein würde?
Nina Hoss: Als wir es geprobt haben, war es mehr wie ein Theatermoment. Es war klar, dass ich hereinkommen würde als Elieen Løvborg, Tessa Thompson stünde als Hedda auf der anderen Seite des Raums und käme dann auf mich zu. Da sollte schon eine elektrische Spannung drinstecken. Im Drehbuch wird bis zu diesem Zeitpunkt immer wieder über Eileen Løvborg gesprochen, es entsteht eine große Erwartungshaltung, die man eigentlich gar nicht erfüllen kann. Das kann man nicht leisten. Ich bin in diesem Moment angewiesen darauf, dass alle um mich herum das so spielen, dass sich das Besondere einstellen kann. Wir hatten aber nicht weiter darüber gesprochen, wie wir die Szene schließlich drehen würden. Ich kam also zum Set, und es war tatsächlich mein erster Tag, und ich wusste, dass es mein großer Auftritt sein würde, dass man mir dieses Geschenk machen würde. Ich wusste indes nicht, dass Tessa auf einem Double-Dolly stehen würde, der gezogen wird und der Eindruck entsteht, als käme sie auf mich zugeschwebt. Ein Moment, der sozusagen selbst aus dem Film aussteigt, als würde man den Atem anhalten. Die Welt hält inne, gleichzeitig beginnt etwas Neues. Das war ein erhabener Augenblick. Einen besseren Start in einen Film kann man sich nicht wünschen.

Wie haben Sie den Film erlebt, als Sie ihn zum ersten Mal gesehen haben? Nehmen Sie ihn als Ganzes wahr, blicken Sie explizit auf sich selbst, denken Sie zurück an den Dreh, was man anders, was man besser hätte machen können?
Nina Hoss: Dieser Film hatte eine sehr lange Vorbereitungs- und Entstehungszeit, es gab immer wieder Verzögerungen wegen des Autoren- und Schauspielerstreiks in Hollywood. Gedreht haben wir dann im Januar 2024, wir hatten danach eine lange Postproduktion, dass ich heute gar nicht mehr so genau sagen kann, was wir genau wann und wie und in welchen Nuancen gemacht haben. Es ist einfach schon eine Weile her. Meine Reise mit dem Film war interessant, weil ich ihn erstmals auf einem kleinen Bildschirm In Rudimenten gesehen habe, um die deutsche Synchronisation machen zu können. Das ist natürlich nicht der optimale Rahmen. Ich musste mich auch einfach sehr auf meine Figur konzentrieren. Erstmals richtig gesehen habe ich ihn in Toronto bei der Weltpremiere, aber auch dieses Vergnügen war getrübt, weil während des kompletten Screenings Tonprobleme herrschten und man den wunderbaren Score von Hildur Guðnadóttir nicht vollumfänglich genießen konnte. Das war etwas frustrierend. Jetzt will ich ihn einfach ein erstes Mal richtig sehen, so wie er von Nia DaCosta konzipiert und gemacht wurde.
Freuen Sie sich! Es ist ein erstaunliches Filmerlebnis. Und auch eine Verbeugung vor Ihrer Leistung, weil für eine Weile Ihre Rolle tatsächlich zur Hauptfigur des Films wird. Wussten Sie das?
Nina Hoss: Das fand sich bereits im Drehbuch. Und wurde aus der Idee von Nia DaCosta geboren, aus Eilert Løvborg, wie ihn Ibsen ersonnen hatte, eine Eileen zu machen, aber auch aus ihrem Einfall, das Stück in die Party selbst zu verlegen, weshalb man ruhig auch mal Zeit mit George, Thea oder eben Eileen verbringen kann, ohne dass der Fokus auf Hedda verloren geht. Es ist immer noch ihr Innen- und Außenleben, es ist immer noch ihr Haus. Aber durch Nias Kniff konnte man tiefer in die anderen Figuren eintauchen.
„Es beglückt mich, dass über die Figur gesprochen wird, über den Film gesprochen wird.“
Nina Hoss
Gerade, weil es sich bei dem ehemaligen Liebhaber Heddas und jetzigem beruflichen Konkurrenten jetzt um eine Frau handelt, ändert sich die gesamte Gemengelage, die Fallhöhe dieser Figur wird einfach viel größer.
Nina Hoss: Wenn es Eileen Løvborg ist, die in den Raum tritt und vor den ganzen Männern Witze macht im Großbritannien der frühen Fünfzigerjahre, dann ist das einfach etwas anderes, als wenn es ein Mann machen würde. Es ist immer ein Wagnis, immer ein Risiko, es kann in jedem Moment schiefgehen, die Stimmung kippen. Das erhöht die Spannung. Løvborg ist ohnehin eine große Rolle, auch wie von Ibsen geschrieben. In unserem Film fällt es einfach deutlich mehr auf. Weil es eine Frau ist. Und weil mir Nia für Eileen zwei Szenen geschrieben hat, die phänomenal sind. In der Bibliothek, wenn sie da ungeschützt steht, mit durchnässtem Oberteil, und dennoch den Raum voller Männer für sich gewinnt. Und die Szene am Schluss mit Hedda, die es zwar im Stück als Situation gibt, aber textlich verändert war. Mir und uns war wichtig, dass die Handlung und Heddas Lauf durch die Veränderung meiner Figur nicht aus der Balance gebracht wird. Uns war es wichtig, dass es die Geschichte unterfüttert, erhöht, etwas dazugibt.
Gehört Mut dazu, so vor die Kamera zu treten, wie in der Bibliothekszene?
Nina Hoss: Irgendwie nicht. Die Vorstellung, dass es Eileen bei ihrer Gratwanderung die Oberhand behält, lässt einen da unbefangen vor die Kamera treten. Wenn ich es wäre, die da stünde, dann würde ich mich unbehaglich fühlen. Aber es ist Eileen, und ich wusste ja auch, wie die Szene endet. Das hilft. Man hat es in der Hand, wie man verführt, wie man den Raum und die Energie dreht. Ich bin so beeindruckt von dieser Frau, dass ich unbedingt Lust hatte, das zu spielen. Selbst wenn sie wüsste, dass das Oberteil durchsichtig ist, würde sie nichts anders machen. Als Schauspielerin verstecke ich mich da nicht. Ich bin nicht verlegen. Ich hatte Lust auf diesen „Ich zeig’s euch!“-Moment. Es hat irre viel Spaß gemacht, muss ich sagen.
Es ist ein wahres Geschenk für die Figur – und für Sie als Schauspielerin.
Nina Hoss: In die Szene habe ich mich gleich beim Lesen verliebt. Ich finde es überhaupt ein unermessliches Geschenk, dass es diese Frauenfigur jetzt gibt. Ich habe auch überlegt, warum uns das auf deutschen Bühnen nie eingefallen ist. Wir machen so vieles, wir nehmen so viel auseinander und setzen es neu zusammen. Warum sind wir nie darauf gekommen? Ein so simpler und doch effektiver Einfall. Ich hoffe, dass man das aufgreift. Eileen ist auch eine tolle Figur für die Bühne.
Vor allem wirkt dieser Revisionismus keinen Moment aufgesetzt. Es hat Hand und Fuß, ist fast noch besser als bei Ibsen.
Nina Hoss: Das dachte ich mir auch, als ich es gelesen habe. Ich glaube, das Stück ist besser geworden. Tut mir leid, Ibsen, du bist ein Genie, und es gibt kaum einen, der seine Stücke so fein und zwingend durchstrukturiert hat und in denen keine Figur etwas Unnötiges sagt, aber diese Wendung, die ist einfach großartig. Vielleicht durfte er sich das Ende des 19. Jahrhunderts einfach noch nicht trauen.
Nach „Tár“ werden Sie mit Ihrer Rolle in „Hedda“ zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit hoch gehandelt für die so genannte Oscarsaison. Wie erleben Sie das mit? Ist das anstrengend und lästig, oder gehen Sie mit Freude damit um?
Nina Hoss: Ich empfinde es manchmal merkwürdig überfordernd, weil da immer auch Dinge mitschwingen, die man nicht so ganz genau versteht. Es ist ein Spiel, und das gefällt mir daran. Aber es wird auch wahnsinnig ernstgenommen. Das muss man für sich austariert kriegen, damit man das nicht verwechselt. Wer nominiert wird und für was, ist eine so komplizierte Angelegenheit, die nicht immer unbedingt mit einem selbst zu tun hat. Es beglückt mich, dass über die Figur gesprochen wird, über den Film gesprochen wird. Dass es einfach nicht aufhört. Heutzutage ist es schon so, dass man wahnsinnig intensiv an etwas arbeitet, an ein Projekt glaubt, und plötzlich verschwindet es einfach, wenn es veröffentlicht wurde. Das ist relativ frustrierend. Man macht es doch für andere Menschen, um in ein Gespräch zu kommen, in einen Austausch. Dass über „Hedda“ nun schon seit drei Monaten gesprochen wird, ist einfach großartig. Das ist es, worüber ich freue. Ich entdecke bei diesen Gesprächen für mich selbst oft noch Neues. Ich finde es spannend zu hören, wie andere Menschen bei dem Film empfinden, was sie darin sehen. Ich nehme das gerne so lange noch mit, wie es läuft.
Das Gespräch führte Thomas Schultze.