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Neil Cross zu „The Iris Affair“: „Aufregend, ehrlich und ein bisschen altmodisch“


Mit „The Iris Affair“ präsentiert „Luther“-Schöpfer Neil Cross seinen neuesten Thriller-Streich. Der dreht sich um eine geheime Technologie, deren Aktivierungssequenz die hochintelligente Iris stiehlt. Am 9. Oktober feierte die Serie ihre Deutschlandpremiere in München, ab dem 16. Oktober ist sie bei Sky und WOW verfügbar. Wir sprachen mit dem Showrunner und Autor.

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Neil Cross (Credit: Sky Deutschland/Kurt Krieger)

Die Deutschlandpremiere von „The Iris Affair“ fand in München statt, jetzt läuft die Serie auf Sky und WOW an. Wie fühlen Sie sich so kurz vor der Veröffentlichung?

Es ist ein bisschen, als würde man eine Dinnerparty für hunderte Leute veranstalten, die einen nicht anschauen. Oder als würde man sein Kind zum ersten Mal in den Kindergarten bringen: Man schaut ihm nur noch nach, wie es durch die Tür verschwindet und das Einzige, was man tun kann, ist zu hoffen, dass es eine gute Zeit hat. Es ist einfach ein komisches Gefühl, die fertige Serie zu sehen, nachdem man so lange daran gearbeitet hat. 

„The Iris Affair“ ist allerdings nicht Ihre erste Serie, in den vergangenen Jahren haben Sie an zahlreichen Produktionen gearbeitet. Wie haben Sie sich als Autor und Showrunner innerhalb der letzten ca. 15 Jahre verändert und weiterentwickelt?

Ich weiß nicht, ob ich mich als Autor so stark weiterentwickelt habe. Aber natürlich muss man neue Dinge lernen und bereit sein, sich zu verändern. Ich habe große Sorge, mich in meiner Arbeit zu wiederholen. Und manchmal muss man mit Niederlagen klarkommen: Ich habe z.B. eine Show für NBC in Amerika gemacht, wo wir eine tolle Zeit am Set hatten und ich lebenslange Freundschaften geschlossen haben – und dann sieht man, wie die Serie in den Abgrund stürzt. Da habe ich einiges gelernt, beispielsweise über die merkwürdige Psychopathologie amerikanischer Fernsehchefs, die alle außerirdische Psychopathen sind. (lacht) Auch wenn es natürlich auch sehr viele nette Menschen dort gibt. Aber man lernt auch, dass bis zu einem gewissen Grad nicht so wichtig ist, wenn etwas schiefgeht. Was wichtig ist, ist, dass man sein Bestes gegeben hat.

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Niamh Algar und Tom Hollander in „The Iris Affair“ (Credit: Sky UK)

Und selbst „Luther“ war nicht von Anfang an erfolgreich.

Genau, die Serie wurde fast abgesetzt. Die BBC hatte „Luther“ als Krimiserie vermarktet, was die Serie aber nicht ist, weshalb die Zuschauer falsche Erwartungen hatten. Im Verlauf von Staffel eins verloren wir etwa 70 Prozent der Zuschauerschaft. Aber die BBC hat an die Serie geglaubt und als sie auf DVD veröffentlicht wurde, schoss sie auf Platz eins der DVD-Charts.

Über „The Iris Affair“ sagten Sie, dass es sich um eine Serie handelt, die Sie selbst gerne im Fernsehen sehen würden.

Tatsächlich möchte ich da auf Ihre erste Frage zurückkommen, denn das ist etwas, was ich gelernt habe: Als Auftrags-Autor hangelt man sich von Job zu Job und arbeitet an den Serien anderer Menschen, was auch in Ordnung ist. Aber ich glaube, das Publikum bemerkt Ehrlichkeit in einer TV-Serie. Und manchmal spürt man, dass hinter einer Produktion eine Art Entertainment-Unit steckt, dem es darum geht, so viele Menschen wie möglich zu unterhalten und niemanden vor den Kopf zu stoßen, zu ängstigen oder ähnliches. Wenn etwas mit viel Liebe und Aufmerksamkeit gemacht wird, bemerken das die Zuschauer, glaube ich. Und ich konnte das, was ich gerne sehen würde, einfach nicht finden: Es ging mir um eine gewisse Form von Eskapismus und die Idee, ein aufregendes Abenteuer an einem wunderschönen Ort zu erzählen, während die Figuren coole Klamotten tragen und coole Autos fahren. Das ist aufregend, ehrlich und ein bisschen altmodisch.

Ein schönes Setting haben Sie sich mit Italien definitiv ausgesucht. Wie haben Sie versucht, die typische, düstere Thrilleratmosphäre, in einem so sommerlich-schönen Land zu erzeugen?

Der erste Job unseres Produzenten Tim Bricknell war „Der talentierte Mr. Ripley“ von Anthony Minghella. Deshalb versteht er den Reiz und Eskapismus von Orten wie Italien, insbesondere für ein Publikum, das etwa im grauen, verregneten Manchester lebt. Die Spannung entsteht aus der Interaktion der Figuren. Es gibt in Episode zwei ein Gespräch zwischen zwei Polizisten in einem Auto: Der eine kommt aus Rom und ist korrupt, der andere ist der Gute, hatte aber eine Affäre mit Iris – diese Szene hat zum Beispiel eine wahnsinnig angespannte Atmosphäre.

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Kristofer Hivju in „The Iris Affair“ (Credit: Sky UK)

Wo Sie schon Iris ansprechen: Sie ist wahnsinnig intelligent, wirkt aber auch sehr kühl und distanziert. Wie sah Ihre Herangehensweise an diese Figur aus?

Die Menschen in der Branche sprechen sehr viel über Figuren, mit denen man sich identifizieren soll – und ich glaube, das ist die schlechtestmögliche Herangehensweise. Eines der Geheimnisse ist, einen Schauspieler oder eine Schauspielerin zu casten, die die Zuschauenden mögen. Ich dachte, dass Iris zu casten sehr schwierig werden würde, weil sie sehr kalkuliert und wenig emotional sein müsste. Aber unser Castingdirektor hat direkt Niamh Algar vorgeschlagen; sie war die einzige Schauspielerin, die für die Rolle vorsprach.

Und eine Figur muss auch nicht immer sympathisch sein, es reicht ja, wenn sie interessant ist.

Absolut! Wir müssen einfach nur die Motivation der Charaktere verstehen. Ich bin sehr fasziniert von Patricia Highsmith, weil sie das Verhalten von Tom Ripley nie entschuldigt, aber als Leser ist man trotzdem auf der Seite des Mörders. Und ich glaube, das liegt daran, dass sie dem Publikum vertraut.

Was nicht alle Autoren oder Showrunner tun.

Ja, ich glaube das liegt daran, dass viele Menschen sich selbst nicht mehr als Teil des Publikums sehen, sobald sie in der Branche arbeiten. Und ich bin einfach ein Zuschauer, ich liebe es Serien oder Filme zu schauen. Diese Begeisterung sollte man sich beibehalten. Klar arbeitet man in der Filmindustrie viel und es kann auch anstrengend sein, aber unser Job sollte vor allem fantastisch sein. Wir hatten so viel Spaß beim Dreh der Serie und ich glaube, diese Begeisterung kann sich auch auf die Zuschauer übertragen.

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Niamh Algar in „The Iris Affair“ (Credit: Sky UK)

Sie sprachen gerade schon Niamh Algar an, die die Hauptrolle spielt, außerdem ist auch Tom Hollander in der Serie zu sehen. Sie erzählten in einem anderen Interview, dass beide sehr unterschiedlich arbeiten, sich aber sehr gut ergänzen. Wie genau kann man sich das Zusammenspiel der beiden vorstellen?

Niamh ist ein bisschen wie eine gesteuerte Rakete: Sie kommt ans Set und hat genau im Kopf, was sie will und wie sie das erreicht. Tom ist definitiv auch vorbereitet, aber er probiert auch gerne unterschiedliche Möglichkeiten aus, eine Szene zu spielen. Dadurch hat er eine Figur geschaffen, die besser war als die Figur, die ich geschrieben hatte. Er fand diese Nuancen von Menschlichkeit, Traurigkeit aber auch Witz und dadurch begann ich seinen Charakter mit all diesen Feinheiten zu schreiben. Ursprünglich sollte er einfach nur ein charmanter Bösewicht sein, aber jetzt wird spätestens ab Episode zwei klar, dass er so viel mehr ist. Das hatte auch Einfluss darauf, wie ich Iris geschrieben habe, weil ich begann, sie auch durch seine Augen zu sehen. Es gibt eine Szene, in der die beiden miteinander sprechen und er sie nach ihrer Herkunft fragt. Für einen Moment ändert sich etwas in ihrer Körpersprache, sie wirkt verletzlicher und man merkt, dass ihr Auftreten vielleicht nur ein Schutzschild ist und sie doch etwas Menschliches in sich hat. In dem Moment dachte ich: Genau darum geht es in der Serie! Es geht um diese beiden Figuren, die sich gegenseitig verstehen.

Außerdem spielt auch Technologie eine zentrale Rolle in der Serie. Wie sehr wurden Sie von aktuellen Diskursen genauso wie Ihren eigenen Gedanken und Sorgen dazu beeinflusst?

Über technologische Entwicklungen in einem Medium zu schreiben, das sich so langsam vorwärtsbewegt, wie eine Fernsehproduktion, ist schwierig. Wenn man etwas schreibt, gibt es schon wieder ganz neue Entwicklungen, bis man die Serie geschrieben und abgedreht hat. Woran ich aber interessiert bin, ist, welchen Einfluss diese starken Veränderungen auf unsere Beziehungen untereinander haben. Ein Beispiel: Die Druckpresse ist eine der besten Erfindungen in der Geschichte der Menschheit und in meinen Augen ist der Roman der Höhepunkt der menschlichen Zivilisation. Dennoch trat diese Erfindung auch 200 Jahre des Blutvergießens in Europa los, was niemand vorher hätte ahnen können. Ähnlich sah es mit dem Like-Button auf Social Media aus: Auf den ersten Blick ist das doch etwas Positives, letztendlich hat er aber für so viel Unsicherheit, (Selbst-)Hass etc. in den sozialen Medien gesorgt. Wir alle glaubten, dass das Internet die neue Druckpresse ist – war es definitiv nicht. Die neue Druckpresse ist das, was als Nächstes kommt. Ich weiß nicht, was das genau ist, aber es wird unglaublich disruptiv und destabilisierend sein.

Das Gespräch führte Lea Morgenstern.