Am 3. April startet im Verleih von Piffl Medien der sehenswerte, von Zero One Film Dokumentarfilm „Ich will alles. Hildegard Knef“. Im Interview erzählt Regisseurin Luzia Schmid unter welchem Aspekt sie sich angenähert hat an die letzte deutsche Diva, die dieses Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Was ist Ihre allererste Erinnerung, die Sie von Hildegard Knef haben? Was kommt Ihnen da für ein Bild in den Kopf?
Luzia Schmid: Etwas Unerwartetes. Ich erinnere mich, dass mein Vater einst nachhause kam und erzählte, dass Hildegard Knef bei ihnen im Büro war. Da war ich ein Kind, wusste aber, dass sie eine bekannte Sängerin war. Mein Vater arbeitete bei einer Zürcher Treuhandgesellschaft. Hildegard Knef hatte oft Probleme mit Geld. Da kam sie eben mal zum Unternehmen, in dem mein Vater tätig war, um zu versuchen, ihre Vermögenswerte anlegen zu lassen. Das muss in den 1970er Jahren gewesen sein
Was hat Sie fasziniert, in das Leben von Hildegard Knef einzutauchen, wo es bereits zahlreiche Veröffentlichung über sie gibt, seien es Bücher oder filmische Arbeiten – auch wenn natürlich ihr 100. Geburtstag dieses Jahr Grund genug sein sollte…
Luzia Schmid: Es war nicht meine Idee, das Projekt wurde an mich herangetragen. Meine erste Reaktion war auch eher verhalten, eben weil schon so viel über sie gemacht wurde. Warum noch ein Film über sie? Da sie aber ohne Zweifel eine interessante Person war, begann ich, ein wenig zu recherchieren. Schnell bin ich auf das Interview mit Friedrich Luft und ihr gestoßen. Luft war ein legendärer Interviewer des WDR. Da sagte sie den Satz: „Die berühmten Regisseure haben die schlechten Filme dann mit mir gemacht.“ Und lachte. Das hat mich umgehauen… ich war wie schockverliebt in sie. Das würde heute kein Star mehr so sagen. Klar versuchen sich die Promis auch heute noch authentisch zu geben. Aber man merkt immer, dass es Teil einer Inszenierung ist. Bei ihr meine ich, eine Wahrhaftigkeit zu spüren. Das hat mich berührt.

Eine Ehrlichkeit und Offenheit, die sie aber auch verletzlich macht. Dieses Im-Rampenlicht-Stehen wurde ja auch der Kern Ihres Dokumentarfilms…
Luzia Schmid: Weil es schon so viele Filme über sie gibt, habe ich mich relativ schnell auf diesen Öffentlichkeitsaspekt konzentriert, auf die öffentliche Hildegard Knef. Denn meine andere frühe Erinnerung an sie ist, wie sie als alte Frau durch die Yellow Press gereicht wurde und durch die Talkshows tingelte. Ich frage mich da unweigerlich – bei allen Promis, die so viel über sich preisgeben -: Wieso tut man sich das an? Warum? Es hat sich da ein Spannungsverhältnis aufgebaut zwischen ihrer Ehrlichkeit, die sie zum Beispiel in dem Interview mit Friedrich Luft an den Tag legte, und einem gewissen Ausgeliefertsein in der Yellow Press. Ich wollte 20 Jahre nach ihrem Tod nicht noch einen Film machen, der die letzten Geheimnisse herauskramt und ans Tageslicht befördert. Das hat mich nicht interessiert. Ich wollte eine respektvolle Distanz zu ihr bewahren, aber dennoch keine Lobhudelei betreiben, ich wollte meinen Blick wahren.
„In der Recherche habe ich ganz viele Hildegards kennengelernt.“
Wie sind Sie bei der Flut an Material vorgegangen?
Luzia Schmid: In der Recherche habe ich ganz viele Hildegards kennengelernt. Letzten Endes habe ich mich auf drei konzentriert: Die erste Hildegard war die, die mit unbedingtem Willen in die Öffentlichkeit drängte, die zweite war die Künstlerin, die überragend war – es lohnt sich, dass sie in Erinnerung gerufen wird, weil sie so wichtig für die deutsche Nachkriegskultur, eine prägende Figur und präzise Beobachterin war. Und die dritte Hildegard war die Überlebende, die immer wieder aufgestanden ist.
Sie haben eine große Expertise im Dokumentarfilmschaffen. Gibt es eine Art Rezept, nach dem Sie vorgehen? Wie finden Sie die Form für Ihre Filme?
Luzia Schmid: Es ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Eine sehr enge Zusammenarbeit verbindet mich mit Editorin Yana Höhnerbach, die mich nun bereits zum dritten Mal begleitet hat. Ich habe in ihr jemanden gefunden, mit dem ich mich arbeitstechnisch weiterentwickeln kann. Generell hängt es bei mir immer vom Thema ab und meiner ursprünglichen Fragestellung. Die gibt dann eine Form vor. Im Falle von „Ich will alles“ habe ich eine Art erstes Skript mit allen Texten gemacht, die ich herausgesucht hatte und die ich dann auch einsprechen ließ, sofern es sie nicht eingesprochen gab. Es wurde wie ein chronologisches Buch, das vorgeschnitten wurde. Das haben wir uns drei Wochen lang angehört und drei Wochen lang darüber geredet. Wir haben uns Aspekte angeguckt und den Film theoretisch an der Wand gebaut. Wir haben uns sehr viel ausgetauscht: Welche Stellen sprechen zu uns? Warum? Auf welche Erzählung konzentrieren wir uns als erstes? Es ist ein sehr intuitiver Prozess. Eine Mischung aus starker Reflexion und einem Sich-Analysieren.
Ein wichtiger Part spielt die Knef-Tochter, die über ihre Mutter immer wieder in Passagen erzählt. War sie sofort bereit? Wie kam der Kontakt zustande?
Luzia Schmid: Der Kontakt kam über ihren Manager. Anfangs war da schon eine gewisse Zurückhaltung spürbar. Aber ich habe eine Materialsammlung geschnitten, damit sie eine Vorstellung davon hatte, was wir machen wollten. Das hat geholfen. Es geht immer darum, die Menschen davon zu überzeugen. Dann sind sie sehr hilfsbereit.
Inwiefern spricht Ihr Knef-Film mit Ihrem Dokumentarfilm „Drei Frauen -Ein Krieg“ von 2022, in dem Sie Lee Miller, Martha Gellhorn und Margret Bourke-White, die drei Pionierinnen der Kriegsberichterstattung während des 2. Weltkriegs, porträtierten? Sie waren auch Frauen, die kämpfen mussten für ihre künstlerische Freiheit, um Anerkennung…
Luzia Schmid: Frauenporträts sind mir sehr wichtig. Die Stellung der Frau in der Gesellschaft oder im Film wurde hinlänglich diskutiert. Aber nur weil etwas diskutiert wurde, ist der Umstand nicht weg, dass die letzten 60 Jahre vor allem filmische Geschichten von Männern über Männer gemacht wurden. Wir brauchen einen anderen Zugang. Da sind wir noch lange nicht am Ende. Wir brauchen noch viel mehr andere Geschichten, andere Blickwinkel. Weil das gesellschaftlich einfach einen Riesenunterschied macht. Wie Männer mit Hildegard Knef umgegangen sind, hat man damals gar nicht in Frage gestellt. Gottlob leben wir in einer Zeit, wo das nicht mehr geht. Das hat damit zu tun, dass es immer mehr Frauen gibt, die in die Medien gegangen sind, die andere Fragen stellen, die anders ihre Geschichten erzählen. Ich hatte durchaus das Gefühl, dass „Ich will alles“ eine Art Fortsetzung zu „Drei Frauen“ ist. Hildegard Knef ist zwar die Generation nach den drei Kriegsreporterinnen, aber wie sie war auch sie eine Künstlerin, die sich durchsetzen musste, die als moderne Frau ihrer Zeit um Lichtjahre voraus war.
„Wir haben viel investiert, damit die Kraft der Bilder wirklich zur Geltung kommt.“
Ihr Dokumentarfilm ist fürs Kino, für die große Leinwand bestimmt. Auffällig ist, wie cineastisch bereits die alten Aufnahmen von Hildegard Knef waren, die Sie in Ihren Film aufgenommen haben. Was war Ihnen wichtig beim Look-and-Feel?
Luzia Schmid: Wir haben viel investiert, damit die Kraft der Bilder wirklich zur Geltung kommt. Die alten Filmaufnahmen, die vermutlich von Männern eingefangen wurden, sind wirklich klasse. Ich wusste sofort, dass das fürs Kino funktioniert. Es war ein Geschenk, dass wir da so einen Schatz heben durften. Ihre Präsenz in den Aufnahmen ist fantastisch. Es war fast so, als konnten sich die Menschen nicht an ihr sattsehen.
Die Premiere von „Ich will alles. Hildegard Knef“ durften Sie auf der Berlinale, in Berlin, der Stadt von Hildegard Knef, feiern. Wie haben Sie das erlebt?
Luzia Schmid: Es war eine Riesennummer für das gesamte Team. Für mich war es das erste Mal auf einem A-Festival. Die Einladung hatte natürlich mit Hildegard Knef zu tun. Man hat einfach gemerkt, dass die Knef in Berlin eine totale Strahlkraft hat. Das mediale Echo war überwältigend. Auf der Berlinale ist mir noch mal klargeworden, welch irre Beziehung die Knef mit Berlin hat. Für die Sichtbarkeit des Films hat die Einladung nach Berlin auf alle Fälle geholfen.
Das Gespräch führte Barbara Schuster